An der „Wolfsfront“

Über ein tierisches Experiment in der dichtbesiedelten Kulturlandschaft Bundesrepublik. Von Martin Wind

Europäischer Wolf
Freund oder Feind? Der Wolf.dpa Foto: Foto:
Europäischer Wolf
Freund oder Feind? Der Wolf.dpa Foto: Foto:

Das Thema „Wolf in Deutschland“ eskaliert. Nachdem 2001 in der Lausitz das erste Wolfspaar auf einem Truppenübungsplatz Welpen großgezogen hatte, war bei vielen die Freude groß. Bei manchen kam regelrecht Euphorie auf. Heute muss bei nüchterner Betrachtung der Situation leider der Schluss gezogen werden, dass im Umgang mit diesem schlauen, neugierigen und faszinierenden Raubtier viele Fehler gemacht wurden und werden. Das beginnt mit der Vermittlung wissenschaftlich belegbarer Fakten zum Wolf, und führt über mangelnde Korrekturen der Fehler im Umgang mit dem Grauhund.

Genau so stellt sich die Lage an der „Wolfs-Front“ dar: Auf der einen Seite agieren Menschen, die rigide auf dem absoluten Schutz des Wolfes bestehen. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die durch Wolfsrisse schwere wirtschaftliche Schäden erleiden und deren finanzielle Existenz ihrer Betriebe und Familien wegen ruinöser Schutzmaßnahmen gefährdet sind. Die „Wolfskuschler“, wie Weidetierhaltern und Kritiker der aktuellen „Wolfs-Politik“ die Fans des großen Caniden mit bitterem Grimm gerne nennen, verlangen, dass das Bundesnaturschutzgesetz ohne Ausnahme einzuhalten sei: Der Wolf darf nicht geschossen werden. Wer gegen diese Regel verstößt, wird mit bis zu 50 000 Euro Bußgeld belegt und kann bis zu drei Jahre Haft aufgebrummt bekommen. Das führt zu fürchterlichen Situationen: Polizisten weigern sich, angefahrenen Wölfen den erlösenden Fangschuss zu geben. Tierärzte schläfern die Tiere nicht ein. Zu Recht befürchten sie, sich einer Untersuchung stellen zu müsse, die „vernünftige Gründe“ für die Tötung des Wildtieres beweist. So leiden tierische Unfallopfer unter strengem „Artenschutz“, während sie qualvoll verenden.

Militante Wolfsfreunde tragen zur Verschärfung dieser Situation erheblich bei. Inzwischen gibt es Schäfer, die Schäden durch Wölfe nicht mehr melden. In der jüngeren Vergangenheit wurden sie für die Meldungen öffentlich rüde angegangen, bekamen teilweise nächtliche „Besuche“ am Wohnhaus oder auch auf ihren Weiden. Es kam zu Sachbeschädigungen und zu Bedrohungen bis hin zu Mordankündigungen. Wie aufgeheizt die Lage ist, zeigt sich auf der facebook-Seite eines sehr umtriebigen „Wolfsfreunds“. Nachdem Niedersachsen und Schleswig-Holstein zwei Wölfe wegen des routinierten Überwindens als „wolfssicher“ geltender Zäune zur Bejagung freigegeben hatten, konnte man lesen: „Wölfe zu schießen ist das gleiche, als würde man wieder anfangen Juden zu vergasen!!!“, schrieb eine Sandy. Der Betreiber des facebook-Profils – ein ehemaliger Rechtsanwalt mit Wolfshundezucht – lässt diesen Satz bereits mehr als sechs Tage im Netz stehen.

Auf der anderen Seite kündigte ein geschädigter Schäfer an, dass er künftig den Schutz seiner Tiere „handfest“ betreiben werde: „Eine Kugel kostet nur ein paar Cent“, äußert er mit Verweis auf den mangelhaften, aber ruinös teuren Herdenschutz mit Elektrozäunen. Mit dieser Einstellung steht er nicht alleine: Die teuren Zäune wurden von Wölfen problemlos überwunden, müssen aber eingesetzt werden, um überhaupt einen staatlichen Beitrag zu den Kosten eines Wolfsriss zu erhalten. Auf eine einheitliche Höhe der geforderten Zäunung konnten sich die Länder bisher nicht einigen: Das schwankt zwischen 90 und 120 cm. In Tierparks und Zoos werden Wölfe meistens hinter mehr als drei Meter hohen Einfriedungen gehalten. Dennoch sind dort schon Wölfe über die Zäune entkommen. Es wundert kaum, dass die alte Maxime von den drei „S“ wieder Konjunktur bekommt: „Schießen, schaufeln, schweigen“ propagieren gefrustete Tierhalter, die sich im Stich gelassen fühlen.

Offizielle Stellen und offiziell mit der Wolfszählung – dem sogenannten Wolfsmonitoring – beauftragte Organisationen fallen auch auf: Sie verkünden für Deutschland einen Bestand von 73 Rudeln. Warum nennen sie nicht die Zahl der Wölfe in Deutschland? Ob das damit zusammenhängt, dass in Deutschland mehr Wölfe leben als zum Beispiel in Ostjakutien/Sibirien künftig geduldet werden? Dort haben Wissenschaftler für ein Gebiet, das neunmal größer ist als die Bundesrepublik und in dem weniger als eine Million Menschen leben, einen optimalen Bestand von 500 Wölfen errechnet. Im Bundesgebiet halten sich derzeit zwischen 1 200 bis 1 500 Wölfe auf. Wie sollen sie artgerechten Lebensraum und ausreichend Nahrung finden – zwischen 83 Millionen Menschen, zwischen Weilern, Dörfern, Städten, Industrieanlagen und Straßen sowie Eisenbahntrassen? Mit 1 000 Tieren wäre in Deutschland der „günstige Erhaltungszustand“ der Spezies erreicht beziehungsweise sogar überschritten, mit dem „Experten“ und Wolfsfreunde den absoluten Schutz der Wölfe gerne verteidigten. Damit wäre die Jagd möglich. Das wird politisch und von Wolfsenthusiasten nicht gewollt.

Überzeugende Ansätze für den gedeihlichen Umgang der Bevölkerung in unserer dichtbesiedelten Kulturlandschaft mit dem großen Raubtier haben die Zuständigen von Bund und Ländern bisher keine geliefert. Im Gegenteil. Im Internet lesen sich Broschüren und „Wolfsseiten“ der Ämter und Behörden, als habe man aus der Kinderzeitschrift „Geolino“ oder vom Kinderfernsehen „KIKA“ abgekupfert. Größtenteils findet man von der Realität längst widerlegte Behauptungen: dass Wölfe nicht über Zäune sprängen, dass Rinder und Pferde sich wehren könnten, dass der Wolf Lamas und Esel meide und natürlich, dass „der Mensch“ nicht in das „Beuteschema“ des Wolfs gehöre. Das wäre richtig, wenn der opportunistische und lernfähige Beutereißer „Wolf“ sich an die Vorgaben interessengeleiteter „Experten“ hielte. Er hat aber kein starres „Beuteschema“. Er frisst alles, was ihm vor die Schnauze kommt: Hasen, Gänse, Katzen, Mäuse, Hunde, Rehe, Wildschweine, Schafe, Hirsche Elche, Rinder, Wisente – all das kann in seinem Magen verschwinden. Gerade erst meldet Tatschikistan offiziell den Tod zweier Frauen, die von einem Rudel Wölfe zerrissen wurden.

In Niedersachsen hat Umweltminister Olaf Lies (SPD) den Abschuss eines Leitrüden erlaubt, nachdem dieser mehrfach „wolfssichere“ Zäune überwunden und „wehrhafte Rinder und Pferde“ gerissen hatte. Mit Blick auf Reaktionen der Wolfsfreunde, müssen Namen und Wohnorte der beauftragten Jäger geheimgehalten werden. Sie und ihre Familien sollen vor Bedrohungen, Attacken und ihr Eigentum vor Sachbeschädigungen und Zerstörung bewahrt werden. Nach der ministeriellen Entscheidung wurden im Internet virtuelle Gebetsstätten für den Wolf „Roddy“ errichtet, Wolfsfreundinnen berichten von Weinkrämpfen und Hassattacken, die sie erleiden, seitdem sie vom „Schießbefehl“ oder auch „Mordauftrag“ für „Roddy“ erfahren hätten: „Die Bestie Mensch schlägt wieder zu!“ Man trifft sich regelmäßig, um mit Nachtwanderungen durch das Revier die Wölfe in Deckung zu treiben und eine sichere Jagd zu sabotieren. Neben dem Schadensersatz für das gerissene Vieh, den das Land leisten muss, treiben sie so auch die Kosten des Einsatzes in die Höhe – zu Lasten aller Steuerzahler.

Trotz des plakativen Aktivismus an allen Fronten bleiben Fragen: Was soll mit dem Experiment „Wolf in einer dichtbesiedelten Kulturlandschaft“ erreicht werden? Welchen Nutzen hat unsere Gesellschaft davon? Wer profitiert davon? Wann schützt der Staat Opfer der Wolfsangriffe gegen physische und psychische Bedrohung? Warum behauptet die Regierung stur, sie sei an europäisches Recht „gebunden“? Andere europäische Länder zeigen, dass durch nationales Recht ein flexibler Umgang mit dem Wolf zu erreichen ist – ohne den Bestand zu gefährden.

Es muss bald sinnvoll gehandelt werden, damit die Situation sich nicht weiter aufheizt und auf allen Seiten Menschen noch mehr zu illegalem Handeln „getrieben“ werden.