Als Weißer Vater in Afrika

Seit fast 50 Jahren sucht Pater Josef Stamer in Mali den Dialog mit den Muslimen. Er gibt zu: Es ist schwieriger geworden. Manche Orte dort sind inzwischen für Christen zu gefährlich. Von Sabine Ludwig

Zufrieden in Westafrika: Pater Josef Stamer.Hans Schering Foto: Foto:
Zufrieden in Westafrika: Pater Josef Stamer.Hans Schering Foto: Foto:

Nach ein paar Monaten in Deutschland ist Josef Stamer nach Mali zurückgekehrt. In der Hauptstadt Bamako wohnt und arbeitet er im Gästehaus der Weißen Väter. In seinem Büro bereitet er sich auf seine Aufgaben vor, in deren Fokus der christlich-muslimische Dialog steht. Nicht einfach in einem Land wie Mali, in der die Bevölkerung zu 90 Prozent muslimisch ist.

Fast 50 Jahre lebt Stamer schon in dem westafrikanischen Land als Missionar und kennt gute wie auch schlechte Zeiten. Er erzählt gerne von den vielen Reisen und dem Zusammenleben mit den Peulh, einem Nomadenstamm, bei Mopti im Zentrum des Wüstenstaates. Als Sekretär der Bischofskommission für christliche und islamische Beziehungen für Westafrika konnte er das ganze Land kennenlernen. Das war früher, vor 40 Jahren. „Ich wollte mehr über das Leben der Peulh erfahren, mich mit ihnen befassen.“ Denn das sei Voraussetzung, wenn man sich dem christlich-muslimischen Dialog widmen will. „Heute ist es für Europäer viel zu gefährlich, dorthin zu reisen. Leider kann auch ich die Orte nicht mehr besuchen, an denen ich früher gelebt habe.“

Schon als Kind hat er sich für Afrika interessiert

Josef Stamer hat sich schon als kleiner Junge für Afrika interessiert. Geboren wurde er als siebtes und jüngstes Kind einer Handwerkerfamilie in Sülm in der Eifel. Als Heranwachsender verspürte er den Wunsch, Priester zu werden. „Doch als Pastor predigen wollte ich nie. Und dann gab es ja noch mein großes Interesse für Afrika.“ Nach Schule und Abitur in Bitburg kam er in Trier in Berührung mit den Weißen Vätern. „Genau das war es, was ich wollte: Missionar in Afrika werden“, erinnert sich der fast 80-Jährige. Großes Glück hatte er, als er die Chance bekam, am Seminar der Weißen Väter im tunesischen Karthago zu studieren. „Daher kommt letztendlich auch mein Interesse für den Islam“, erklärt er. „Wir gehörten zu den letzten Studenten, die dort lernen konnten. Das war 1964.“ Im gleichen Jahr erhielt Stamer die Priesterweihe. Anschließend folgte das zweijährige Studium am Päpstlichen Institut für Arabische und Islamische Studien in Rom. Und 1966 erfüllte sich schließlich sein Wunsch, Missionar der Weißen Väter in Afrika zu werden. Er wurde nach Mali geschickt.

Die christliche Minderheit ist glaubensstark

Dort lernte er die Christen als eine sehr glaubensfreudige Minderheit kennen, die von den Muslimen toleriert und akzeptiert wurde. „Der Umgang war freundlich. Auch heute noch sind das Zusammenleben und die Beziehungen zwischen den Religionen gut. Das muss auch so erhalten bleiben.“ Im ganzen Land hätten die Christen einen hervorragenden Ruf. Sie sind in allen Berufsgruppen und staatlichen Positionen vertreten. Aber das islamische Umfeld sei anders geworden, hätte sich radikalisiert. Doch der Großteil der malischen Muslime sei nicht auf der Seite der Islamisten. „Mit den Anschlägen sind sie ganz und gar nicht einverstanden. Denn hauptsächlich trifft es sie. Sie werden dabei verletzt oder sterben.“ Den verdeckten Krieg, wie ihn Pater Stamer bezeichnet, gibt es vor allem im Norden und im Zentrum des Landes. „Das bekommt man nicht so schnell in den Griff. Ich selbst sehe keine Zukunft mehr, auch was den neuen ,alten‘ Präsidenten angeht. Die letzten Jahre waren dahingehend nicht sehr vielversprechend.“

Das sind harte Worte eines Afrikakenners. „Für katholische wie auch evangelische Christen ist diese Entwicklung ein herber Rückschlag.“ Im Zuge dessen musste 2012 die Station der Weißen Väter im nordmalischen Gao aufgegeben werden. „Die Missionare wurden bedroht. Die Islamisten suchten von Beginn an gezielt nach Christen. Viele mussten fliehen, kamen aber auch bei muslimischen Freunden unter. Damals ist sehr viel von unserer Arbeit zusammengebrochen.“ 2015 hat Pater Stamer auch die Leitung des von ihm gegründeten Instituts „Centre Foi et Rencontre“ in Bamako abgegeben. Hier können auch heute noch Laienpriester, Ordensfrauen sowie Protestanten ein Zusatzstudium absolvieren, um seelsorgerisch tätig zu werden. „Das Wichtigste dabei ist, den Dialog und das Verständnis in die Gemeinden zu bringen“, ergänzt er. Noch heute hält Stamer im Institut Vorlesungen und ist Ansprechpartner für die Gäste.

Zusätzlich veranstaltet er Einkehrtage für die Schwestern vor Ort. Jeanne-Antilde Coulibaly ist gerne dabei. Die malische Ordensfrau ist Verantwortliche eines Gästehauses in Bamako, wo Ordensfrauen aus ganz Westafrika logieren können, wenn sie in der Stadt sind und etwas erledigen müssen: Zum Beispiel Arztbesuche, Behördengänge oder die Einkehrtage mit Pater Stamer besuchen. Sie gehört genau wie ihre ältere Mitschwester Marie-Bernard Niaré dem Orden Töchter des Unbefleckten Herzens Mariä (Filles Du Coeur Immaculé de Marie) an. Neben der Pflege des Gästehauses unterrichtet Schwester Jeanne-Antilde elf- bis 16-jährige Mädchen in Hygiene und kümmert sich um jüngere Schwestern ihres Ordens.

Im kanadischen Montréal hat sie Psychotherapie studiert. „Das kommt mir hier bei meinen Aufgaben sehr zugute“, betont die Malierin, „genau wie das Englischstudium in Burkina Faso.“ Im Nachbarland lebte sie fünf Jahre, bevor sie die Leitung des Gästehauses in Bamako übernahm. „Wegen der politischen Lage bleiben die Gäste leider aus“, zieht sie Fazit. Umso wichtiger ist es ihr und Marie-Bernard, mit Pater Josef in Klausur zu gehen. „Wir bekommen dadurch neue Impulse und feiern die Eucharistie“, ergänzt die ältere Schwester. „Auch für das geistliche Leben sind die Einkehrtage wichtig“, so Pater Stamer. Er hat eingewilligt, weitere drei Jahre für die Weißen Väter in Mali zu bleiben. Seinen Lebensabend will er in Deutschland verbringen. „Doch meine Zukunft hängt auch von meiner Gesundheit ab, denn ich will den Mitbrüdern hier schließlich nicht zur Last fallen.“