Als Erwachsener sich taufen lassen

Jennifer Hardes geht diesen Weg – Insgesamt 3 315 solcher Taufen 2009 – Gefälle zwischen Ost- und Südbistümern. Von Thomas Emons

Das Denkmal für den Montanindustriellen Stumm im saarländischen Neunkirchen, der zweitgrößten Stadt im Land. Foto: INT
Das Denkmal für den Montanindustriellen Stumm im saarländischen Neunkirchen, der zweitgrößten Stadt im Land. Foto: INT

Mülheim an der Ruhr (DT) Taufe. Dabei denkt man normalerweise an Kinder. Doch es gibt auch Erwachsene, die sich taufen lassen. Allein 2009 gingen nach Angaben der Deutschen Bischofskonferenz hierzulande 3 315 Menschen im Alter über 14 Jahren diesen Weg und fanden so gleichsam spätberufen zum christlichen Glauben und zur katholischen Kirche. Das entspricht in etwa dem Niveau der vergangenen 15 Jahre. Während der Anteil der katholischen Erwachsenentaufen an Taufen insgesamt 2009 bundesweit bei etwa 1,8 Prozent lag, war dieser Anteil vor allem in den Bistümern der neuen Bundesländer deutlich höher: in Magdeburg zum Beispiel bei 10,4 und in Görlitz bei 7,2 Prozent. In süddeutschen Bistümern wie Regensburg, Augsburg, Passau oder Würzburg wurden dagegen weit weniger Erwachsene getauft – der Anteil an den Gesamttaufen bewegte sich dort zwischen 0,9 und 1,1 Prozent.

„In den Südbistümern gibt es ein traditionell starkes katholisches Milieu. Da ist es noch selbstverständlicher, dass Eltern ihr neugeborenes Kind auch taufen lassen. In den ostdeutschen Bistümern ist das ganz anders. Dort finden viele Menschen erst im Erwachsenenalter zum Glauben“, erklärt Nicolaus Klimek, beim Ruhrbistum Essen für Erwachsenenkatechese und Erwachsenentaufen zuständig, die regionalen Unterschiede. Wobei das Ruhrbistum mit 112 Erwachsenentaufen 2009 und einem Anteil von 2,2 Prozent leicht den Bundesdurchschnitt überstieg.

Aus seiner Praxis und dem regelmäßigen Erfahrungsaustausch mit Kollegen aus anderen Bistümern weiß Klimek, was erwachsene Menschen motiviert, sich taufen zu lassen. In erster Linie die „Begegnung mit glaubwürdigen und überzeugten Christen, die Eheschließung mit einem katholischen Partner oder auch Lebenskrisen, in denen sich die Sinnfrage noch einmal ganz existenziell stellt“ sind Klimeks Erfahrung nach die zentralen Schlüsselerlebnisse, die die Tür zum Glauben und zum Eintritt in die katholische Kirche öffnen.

„Es ist immer wieder bewegend zu hören und zu sehen, was der Glaube für die Menschen bedeutet und welche Kraft sie durch ihn spüren“, berichtet der Theologe von inspirierenden Begegnungen mit Erwachsenen, die sich besonders intensiv und bewusst mit dem christlichen Glauben auseinandergesetzt haben, da sie nicht schon durch ein religiöses Elternhaus geprägt worden sind.

Das gilt auch für Jennifer Hardes. Die 29-jährige Umweltschutzassistentin, die an der Universität Dortmund arbeitet und in Mülheim an der Ruhr lebt, bereitet sich zurzeit mit 18 anderen Erwachsenen in einem Glaubenskurs auf ihre Taufe vor.

Ihre Eltern sind evangelisch. Gleichwohl spielte Religion in ihrer Jugend keine große Rolle. Der Gottesdienstbesuch gehörte nicht zum Alltag. Mit dem Religionsunterricht in der Schule konnte sie anfangs nicht viel anfangen, weil der Glaube zu Hause nicht gelebt wurde. Die katholische Kirche war für sie wie ein ferner Planet, galt ihr vor allem als streng, konservativ und lebensfern.

Doch dann lernte sie in der Berufsschule einen katholischen Priester kennen. Der begeisterte sie mit einem ausgesprochen lebenspraktischen Religionsunterricht und seiner gelebten Nächstenliebe – der Priester nahm in seinem Pfarrhaus auch Obdachlose auf. „Das hat mich irgendwie aufgeweckt. Und ich habe gemerkt, dass man nicht alles schwarz-weiß sehen kann und dass es im Leben viele Grauabstufungen gibt“, erinnert sich Hardes.

Später lernte sie einen Mann aus dem katholischen Italien kennen und ließ sich von der Kirchenbaukunst in Bella Italia begeistern. „Wenn man darauf soviel Sorgfalt verwendet hat, muss da was dran sein“, dachte und denkt sie immer wieder mit Blick auf alte Gotteshäuser. Doch den letzten Anstoß zur Taufe und zum Eintritt in die katholische Kirche kam erst viel später in Form einer Tauffeier und eines Trauergottesdienstes. „Die Symbolik der Liturgie hat mir gut gefallen. Und ich habe gespürt, dass der Glaube, den man als Teil einer großen Gemeinschaft lebt und mit anderen Menschen teilt, etwas ist, woran man sich im Leben festhalten kann“, schildert Hardes ihre spirituelle Erfahrung in und mit der katholischen Kirche.

Zu Hause gab es „Grund zur Diskussion“, als die evangelischen Eltern erfuhren, dass sich ihre Tochter katholisch taufen lassen wollte. Doch Hardes, die mit der Taufe im Mai auch die Heilige Erstkommunion und die Firmung empfangen wird, ließ sich nicht von ihrer Entscheidung abbringen. Auch wenn sie persönlich denkt, dass es in der katholischen Kirche Reformen braucht und nicht alles Gold ist, was glänzt – sie nennt etwa das Thema Frauen. Doch auch Naturkatastrophen, wie jetzt in Japan, können die Naturwissenschaftlerin nicht in ihrem neuen Glauben erschüttern. Denn sie sieht die Not dieser Welt als „von Menschen gemachtes Problem“. Sie kann mit Blick auf Japan zum Beispiel nicht nachvollziehen, wie man in einem geologisch sehr aktiven Gebiet Atomkraftwerke errichten kann. Insofern sieht sie Gott zwar bei den Menschen in Not, aber nicht „als jemanden, der alles glattbügelt“.

Apropos glattbügeln. Die Freude über Menschen wie Jennifer Hardes, die aus eigenem Entschluss und freiem Willen den Weg in die katholische Kirche gefunden haben, kann die ebenfalls aus der Statistik der Deutschen Bischofskonferenz hervorgehende Tatsache nicht „glattbügeln“, dass im Jahr 2009 über 120 000 Menschen in Deutschland die katholische Kirche verlassen haben, während etwas mehr als 12 000 Menschen wieder eintraten oder wieder aufgenommen wurden – und insgesamt 179 000 Taufen 255 000 Sterbefällen gegenüberstanden.