„Abgesägte Existenzen“

In Saarbrücken wurde ein zentraler Platz nach dem Rabbiner Friedrich Schlomo Rülf benannt, der zahlreiche Juden rettete. Von Bodo Bost

Seit 1997 verleiht die Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft des Saarlandes (CJAS) zum Gedenken an die Verdienste des großen Saarbrücker Rabbiners die Friedrich-Schlomo-Rülf-Medaille als Auszeichnung an Personen, Institutionen oder Initiativen, welche sich um die Verständigung zwischen Juden und Christen verdient gemacht haben. 2008 beschloss der Saarbrücker Bezirksrat Mitte, zu Ehren Rülfs den vor dem Saar-Center neu zu gestaltenden Platz „Rabbiner-Rülf-Platz“ zu benennen und ein Mahnmal für die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordeten saarländischen Juden zu errichten. Der Rabbiner-Rülf-Platz und das dazugehörige Mahnmal „Der unterbrochene Wald“ sind im Oktober in Saarbrücken unter großer Anteilnahme der Bevölkerung offiziell eingeweiht worden. Der Platz und die Treppe zum Saarufer am Ende der Berliner Promenade sollen an die Ermordung saarländischer Juden während des Nationalsozialismus erinnern. 40 abgesägte Birkenstämme sollen inmitten frisch verpflanzter Bäume an tausende „abgesägte Existenzen“ ermordeter Juden aus dem Saarland erinnern. Um die Errichtung des Mahnmals, dessen Initiative von der Synagogengemeinde ausging, hatte es zuvor Debatten gegeben.

Zur offiziellen Einweihung sprachen Saarbrückens Oberbürgermeisterin Charlotte Britz, die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, der Vorsitzende der Synagogengemeinde Saar, Richard Bermann, der Darmstädter Künstler Ariel Auslender und Jedida Rülf, die in Israel lebende Tochter des Rabbiners. Die 1940 in Nahariya als jüngstes von fünf Kinder des Rabbiners geborene Jedida Rülf konnte am authentischsten über ihren Vater sprechen, der ein durch und durch überzeugter Deutscher und Jude gewesen sei. Dr. Schlomo Friedrich Rülf (1896–1976) wirkte zwischen 1929 und 1935 als Rabbiner in Saarbrücken und half damals vielen Juden ihr Leben zu retten. Rülf, der 1896 in Braunschweig geboren wurde, entstammte einer alten deutsch-sephardischen Rabbinerfamilie; ein Verwandter von ihm, Rabbiner Isaak Rülf von Memel, dem man den Beinamen Dr. Hülf gegeben hatte, hatte in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg in der damals östlichsten Stadt Deutschlands als Gründer der zionistischen Bewegung „Chibbat Zion“ (Liebe zu Zion) tausende russischer Juden vor den Pogromen im Zarenreich gerettet. Sein Großneffe Friedrich Schlomo Rülf tat dasselbe in den Jahren 1933–35 für seine Glaubensbrüder im Saarland, das damals vom Völkerbund verwaltet wurde und sich in einer Volksabstimmung im Januar 1935 für die Rückkehr zu Hitler-Deutschland entscheiden sollte.

In der Zeit des Abstimmungskampfes hatte Rabbiner Rülf mit der Internationalen Saarländischen Regierungskommission, dem Jüdischen Weltkongress und dem Völkerbund oft bis zur Erschöpfung mit politischen und diplomatischen Aktivitäten für die Rettung der damals etwa 6 000 saarländischen Juden gekämpft. Geschickt hatte Rülf die internationale Aufmerksamkeit im damaligen Saargebiet genutzt, um seine Glaubensbrüder im Saarland zumindest für die Dauer eines Jahres durch das Römische Abkommen von den antisemitischen Gesetzen in Deutschland zu befreien. Vielen Juden ist so bis 1936 die Ausreise mitsamt ihres Vermögens aus dem wieder deutschen Saargebiet gelungen. Rülf selbst hatte schon vor der Volksabstimmung seine Stelle als Rabbiner in Saarbrücken aufgegeben und war über Genf, wo er beim Völkerbund die Einhaltung der Abmachungen anmahnte, ins damalige Palästina ausgewandert. Auch in Palästina und seit 1948 in Israel wirkte Friedrich Schlomo Rülf als anerkannter Pädagoge und Sozialarbeiter bei der Integration der vielen Tausenden von jüdischen Rückkehrern nach Zion.

Bereits 1950/51 war in Saarbrücken als erster deutscher Stadt, anstatt der in der Pogromnacht vom 9. November 1938 zerstörten Synagoge, mit Hilfe Frankreichs eine neue Synagoge gebaut worden. Zur Einweihung lud man Dr. Rülf ein, die Eröffnungsrede zu halten. Er blieb fast zwei Jahre und half beim Wiederaufbau der auch nach dem 2. Weltkrieg stark wachsenden jüdischen Gemeinde, in deren Reihen sich mit dem französischen Hohen Kommissar Gilbert Grandval, Senatspräsident Alfred Levy und Polizeipräsident Guy Kurt Lachmann viele führende Köpfe der damaligen saarländischen Landesregierung befanden, die mit Ministerpräsident Johannes Hoffmann aus dem Exil zurückgekommen waren und seit 1947 einen autonomen Saar-Staat unter französischer Tutelle ausgerufen hatten. Aus diesem Kreisen erhielt Friedrich Schlomo Rülf auch eine große wirtschaftliche Unterstützung für seine schulische Pionierarbeit als Direktor einer Schule in der deutsch-israelischen Stadt Nahariya in Galiläa, wo er sein Lebenswerk als Ehrenbürger der Stadt abschloss. Bis zu seinem Tode 1976 hat Rülf das Saarland noch einige Mal besucht, wo sein Lebenswerk nach der Rückgliederung der Saar an Deutschland 1957 allerdings in Vergessenheit geriet, bis als erste die Christlich Jüdische Arbeitsgemeinschaft Saar unter Vorsitz von Prof. Jochum 1997 mit der Einführung einer „Friedrich-Schlomo-Rülf-Medaille“ wieder an das Wirken dieses Brückenbauers zwischen den Religionen, Kulturen und Nationen erinnerte. Im Saarbrücker Rathaus erinnert eine vom Adolf Bender Zentrum in St. Wendel angefertigte Ausstellung an das Lebenswerk von Rabbiner Rülf. Die persönlichen Erinnerungen von Schlomo Rülf, die bereits in den 1970er Jahren unter dem Titel „Ströme im dürren Land“ erschienen waren, wurden aus Anlass der Platzbenennung vom St. Ingberter Röhrig Verlag in einer Neuausgabe wieder neu herausgegeben.