Worte aus der Schutzzone

Mit dem „Anschwellenden Bocksgesang“ sah Botho Strauß kurz nach der Wende die Konflikte unserer Zeit voraus – Die Empörung erwies sich als falsch. Von Stefan Meetschen

Dramatiker mit Sinn für Ikonen und Mythen: Botho Strauß. Foto: dpa
Dramatiker mit Sinn für Ikonen und Mythen: Botho Strauß. Foto: dpa

Kein Protest, kein öffentliches Staunen regte sich, als der Dramatiker Botho Strauß 1991 in dem Essay „Der Aufstand gegen die sekundäre Welt“ die Welt der Kunst nahezu auf eine Stufe mit der Religion stellte: Kunstwerke mit Ikonen zu vergleichen, Versworte in die Nähe der Eucharistie zu rücken – darin konnte ein ebenso theologie- wie geschichtsfremder Politik- und Medienbetrieb nichts Verwerfliches oder Öffnendes erkennen. Der Nebel des Sekundären verstellte den Blick auf längst vergessene Gesichte, verlorene religiöse Gefühle. Nur ein „geheimes Erdbeben“ (Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz) fand statt – in katholischen Kreisen, im Verborgenen.

Zwei Jahre später allerdings, im Februar 1993, als Botho Strauß im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ den Essay „Anschwellender Bocksgesang“ veröffentlichte, waren die Reaktionen anders. Vollkommen anders. Vom SPD-Intellektuellen Peter Glotz bis zum Doyen der vernichtenden Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, erschall ein schriller Schrei der Empörung. Das kulturpessimistische Establishment der alten Bundesrepublik sah sich durch den enigmatisch-bildungsgesättigten Text herausgefordert. So sehr, dass Strauß, berühmt geworden mit Theaterstücken wie „Groß und Klein“, „Trilogie des Wiedersehens“ und Erzählungen wie „Paare, Passanten“, gar als „Wirrkopf“ denunziert wurde.

Dabei hatte der 1944 in Naumburg an der Saale geborene Autor, der damals nur in Berlin, seit Ende der 1990er Jahre aber auch in der Uckermark lebt, lediglich mit hellsichtiger Sensibilität auf die veränderte politische Weltlage reagiert und mit der Witterung des metaphysischen Propheten-Dichters einen Blick in die Zukunft gewagt. Einen ziemlich schonungslosen Blick, zugegeben – doch wessen, wenn nicht des Dichters Aufgabe ist es, Auge und Herz über die trübe Gegenwart hinweg zu erheben, um die sich abzeichnenden Kampf- und Schauspiele zu fühlen und zu schildern? Und so erinnerte Botho Strauß in bester Nachfolge von Hölderlin, Novalis und Rudolf Borchardt im „Anschwellenden Bocksgesang“ das sich an die bequemen westeuropäischen Sicherheiten klammernde Milieu der „Spiegel“-Leserschaft daran, dass gar nicht so weit entfernt von Wohlstandsdeutschland, dem „System der abgezweckten Freiheiten“, Völker und Stämme leben, die sich auf vollkommen anderen Grundlagen bewegen.

Eine Kollision dieser asynchronen Systeme sei unvermeidlich. „Zwischen den Kräften des Hergebrachten und denen des ständigen Fortbringens, Abservierens und Auslöschens wird es Krieg geben.“ So die nüchterne Prognose des zurückgezogen lebenden Dichters. Wobei Strauß, der die „Sinnstiftungspotenziale“ (Helga Arend) von Mythen und religiösen Traditionen immer wieder in sein Werk integriert hat, schon damals in der direkten Nachwende-Zeit keinen Zweifel daran ließ, wem er sich näher fühle. „Die Würde der bettelnden Zigeunerin sehe ich auf den ersten Blick. Nach der Würde – ach, Leihfloskel vom Fürstenhof! – meines deformierten, vergnügungslärmigen Landsmannes in der Gesamtheit seiner Anspruchsunverschämtheit muss ich lange, wenn nicht vergeblich suchen.“

Ob „kritisch-aufgeklärte“ Alt-68er, welche die „Kirche, Tradition und Autorität“ verhöhnen, ob dumpfe, „Schändungen“ begehende Neonazis oder der Typus des Liberalen, der „geltungssüchtig“ und „immer rücksichtsloser liberal“ sei, „ein ständig sich proklamierender, innerlich hochreizbarer, höchst benachbarter Widersprecher des Antiliberalen“ – bei Strauß wird die ganze bundesrepublikanische Mischpoke entblößt und als absurd-anachronistisch anmutendes Ensemble einer dem Untergang geweihten Heiden-Gesellschaft erkennbar, die den bevorstehenden globalen Herausforderungen nicht gewachsen sei: „Wir werden herausgefordert, uns Heerscharen von Vertriebenen und heimatlos Gewordenen gegenüber mitleidvoll und hilfsbereit zu verhalten, wir sind per Gesetz zur Güte verpflichtet. Um dieses Gebot bis in die Seele der Menschen (nicht nur der Wähler und Wählerinnen) zu versenken, bedürfte es nachgerade einer Rechristianisierung unseres modernen egoistischen Heidentums.“ Doch: „Intellektuelle sind freundlich zum Fremden, nicht um des Fremden willen, sondern weil sie grimmig sind gegen das Unsere und alles begrüßen, was es zerstört – ...“.

Und: „Es wird vermutlich so sein, daß die niedergehende Gesellschaft, ohne ihr System aufzugeben, in die Hände einer systemkonform arbeitenden Schattengesellschaft fällt. Daß hinter den schwachen Drahtziehern dann stärkere Drahtzieher auftauchen und diese in ihre Züge nehmen.“ Eher „mit einem Wimmern“ gehe die Bundesrepublik zugrunde, denn mit einem „großen Knall“. Frühestens mit dem 11. September 2001 konnte sich Strauß durch die Wirklichkeit bestätigt sehen, und auch beim „Spiegel“ erkannte man, wie richtig der Schriftsteller mit seiner unbequemen Diagnose lag. In dem Kurz-Essay „Der Schlag“ zog Botho Strauss im Herbst 2001 noch einmal an die Kulturkonfliktfront, um angesichts der zusammengesackten „Twin Towers“ von Manhattan den weiter angeschwollenen Bocksgesang zu liefern – beginnend mit einem als Frage verkleideten Befund: „Ein Schlag, der durch alle Köpfe, Kassen und Kanäle ging; wahrscheinlich am wenigsten durch gläubige Herzen. Wer von den Betroffenen und Betroffenheitsrepräsentanten hat einen Anschlag auf den eigenen Glauben empfunden und sagte: Niemals wird der Islam bis in mein Herz dringen, denn es verteidigt seine christlichen Trümmer?“ Endend mit dem Fazit: „Die Blindheit der Glaubenskrieger und die metaphysische Blindheit der westlichen Intelligenz scheinen einander auf verhängnisvolle Weise zu bedingen.“

Dabei ließ Strauß schon im „Anschwellenden Bocksgesang“ 1993, der mit der fremd anmutenden Übersetzung des griechischen Wortes „Tragödie“ spielt, keinen Zweifel daran, wie hilflos und machtlos der aufgeklärte Westen angesichts bevorstehender weltgeschichtlicher Turbulenzen sei und – dies kann man getrost ergänzen – auch weiterhin ist. „Die Modernität wird nicht mit ihren sanften postmodernen Ausläufern beendet, sondern abbrechen mit einem Kulturschock. Der Kulturschock, der nicht die Wilden trifft, sondern die verwüstet Vergeßlichen.“

Im Falle der Deutschen, das unterstrich Strauß, herrsche aber nicht nur Vergesslichkeit, es fehle auch der Sinn für das „Verhängnis“ der eigenen Geschichte im 20. Jahrhundert. Es sei „pikant, wie gierig der Mainstream das rechtsradikale Rinnsal stetig zu vergrößern sucht, das Verpönte immer wieder und noch einmal verpönt, nur um offenbar immer neues Wasser in die Rinne zu leiten, denn man will's ja schwellen sehen, die Aufregung soll sich ja lohnen. Das vom Mainstream Mißbilligte wird von diesem großgezogen, aufgepäppelt, bisweilen sogar eingekauft und ausgehalten.“

Ein Vorwurf, der das Establishment bis ins Mark traf. Rechtsradikalismus als Folge antiautoritärer Verwahrlosung, als Folge einer politisch einseitigen Medienwelt – diesen Springerstiefel des pädagogischen Misslingens wollten sich die „gewitzten und zerknirschten Gewissenswächter“ nicht anziehen. Der Vorwurf wurde stattdessen auf den Dichter um- und zurückgeleitet, der dadurch selbst in die Rolle des antiken Opfers, des Sündenbocks geriet.

Doch Strauß, dieser Apologet des Elementaren, dieser Verkünder nach eigenem Gesetz, ließ den Leser, den wirklichen Leser, nicht ohne einen Hoffnungsschimmer zurück („So viele wunderbare Dichter, die noch zu lesen sind – so viel Stoff und Vorbildlichkeit für einen jungen Menschen“). Wie so oft in seinem Werk – vor und nach dem „Anschwellenden Bocksgesang“ – fand Strauß auch in dem umstrittenen Essay Raum für anspruchsvollen Trost und Hoffnung mit Substanz, nämlich dort, wo er auf den „Abgesonderten“, den „Außenseiter“ zu sprechen kam. „Heute benutzen Majorität und Minderheit, gleich welcher Sparte, durchweg dasselbe konforme Vokabular der Empörungen und Bedürfnisse. Dem gegenüber werden sich strengere Formen der Abweichung und der Unterbrechung als nötig erweisen; man wird sich daran erinnern, daß in verschwätzten Zeiten, in Zeiten der sprachlichen Machtlosigkeit, die Sprache neuer Schutzzonen bedarf; und wär's allein im Garten der Befreundeten, wo noch etwas Überlieferbares gedeiht, hortus conclusus, der nur wenigen zugänglich ist und aus dem nichts herausdringt, was für die Masse von Wert wäre. Tolerante Mißachtung der Mehrheit.“ Worte, die wie ein subversives Alternativ-Programm klangen und weiterhin so verstanden werden können; auch deshalb, weil sich die zur Polit-Nostalgie neigende Zivilgesellschaft noch immer in der Austragung alter linker und rechter Grabenkämpfe gefällt.

Doch man sollte es sich nicht zu einfach machen bei der Rezeption dieser Sätze. Eine Runde von elitären Schulterklopfern, die sich gegenseitig in ihrer selbstgeweihten Randexistenz bestärken, um eines Tages eine Revolution durchzuführen, schwebte dem Theaterkollektiv-erfahrenen Strauß, der seine Karriere als Dramaturg an Peter Steins „Schaubühne“ begann, wohl nicht vor. Eher schon eine an Ernst Jünger angelehnte Einladung zum Waldgänger- und Anarchentum, zur distanzierten Integration in das jeweils bestehende System. „Was sich stärken muß, ist das Gesonderte. Das Allgemeine ist mächtig und schwächlich zugleich. Der Widerstand ist heute schwerer zu haben, der Konformismus ist intelligent, facettenreich, heimtückischer und gefräßiger als vordem, das Gutgemeinte gemeiner als der offene Blödsinn, gegen den man früher Opposition oder Abkehr zeigte.“

Ist es diese Scheu vor dem „Konformismus“, dem „Gutgemeinten“, welche Botho Strauß trotz seines beeindruckenden Eucharistie- und Ikonen-Verständnisses seit vielen Jahren in – wenn man so sagen darf – ambivalenter Spannung zur katholischen Kirche verharren lässt? In dem 1997 veröffentlichten, noch immer sehr lesenswerten Tagebuch „Die Fehler des Kopisten“, in dem der Autor vom Heimisch-Werden in der Uckermark berichtet, vom Zusammensein mit dem Sohn, der Natur, den neuen Nachbarn, findet man inmitten der Naturschilderungen plötzlich Sätze wie diese: „,Vielfalt statt Einfalt!‘ Mit solchem Spruch wollen sie den Papst vermahnen. Der Letzte auf dieser Erde, der dazu berufen ist, das Heil nicht von Reformen zu erwarten. Diese Leute ahnen offenbar nicht, wie nötig die Entfaltung des Pluralen der einen Instanz bedarf, die es ausschließt. Sie wissen nichts von Einfalt, die längst verlorenging, aus dieser Welt fast spurlos schwand – und wieviel Kraft und Gewissen sie erfordert, im Gegensatz zum raschen Zapping durch die nahverwandten Meinungen. Wie kann man für das Viele sein, wenn man das Eine noch nie erfahren hat? In dessen Namen doch der Gläubige seine Religionszugehörigkeit begründet.“ Schrieb das ein nicht-katholischer Intellektueller im Wissen, dass eine Kirche des Pluralen den Einheitsgedanken gar nicht verraten kann, ohne dabei auch Gott zu verraten? Es sei denn, sie strebte im Reformeifer ihre Selbstauflösung an?

An der mystischen Faszination, die Strauß mit Christus verbindet, lässt sich, wie man an anderer Stelle des Buches lesen kann, nicht zweifeln: „Unwahrscheinlicher als Jesus Christus ist nichts. Einen tieferen Glauben als den christlichen kann auch heute kein Mensch erlangen.“ Transzendente Äußerungen, über welche die Mehrheit der Feuilletonagenten wie schon beim „Aufstand gegen die sekundäre Welt“ gnädig oder ignorant hinwegsahen. Doch im Jahr 2000 legte Strauß in einem Gastartikel für die Wochenzeitung „Die Zeit“ theologisch nach. Dort schreibt er: „Einst stand der Mensch Gott näher und war daher größer, wenn auch elender dran. Was die Heutigen bramarbasierend „Selbstvergottung“ nennen, ist vor Seinem Auge nichts als präpotente Aufgockelung, verliert seine Kleinheit nicht und nichts von der unendlichen Entfernung zu IHM. (...) Kenosis des Menschen. Seine Selbstentäußerung, die nun den Dingen Leben einhaucht. Um ihretwillen ist ,er, der reich war, arm geworden‘ (2. Kor 8, 9).“ („Wollt ihr das totale Engineering?“, in: Die Zeit, Dezember 2000)

Möglich, dass Strauß von der Kirche – in Ergänzung zum griechischen Mythos und anderen Kultur- und Religionstraditionen – vor allem das ersehnt, was er im „Anschwellenden Bocksgesang“ so formulierte: „den Wiederanschluß an die lange Zeit, die unbewegte“, die „ihrem Wesen nach Tiefenerinnerung und insofern eine religiöse oder protopolitische Initiation“ ist. Imagination des Geistes statt irdischer Verheißung. Sicher war es kein Zufall, dass Strauß, während ihm im Jahr 1994 weiter der kalte Wind der öffentlichen Denunziation ins Gesicht blies, den solidarischen Schulterschluss mit dem als „Panzerkardinal“ diffamierten Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., suchte. In dem Brief „Der Nietzsche unserer Zeit“, der später im Sammelband „Der Gebärdensammler“ erschien, attackiert Strauß das „Regime der telekratischen Öffentlichkeit“ (Anschwellender Bocksgesang) mit anhaltender Beißlust und drückt die weise Einsicht aus: „Der Ketzer, der gefeierte, ist nach wie vor jemand, der die ungeheure Tapferkeit besitzt, die Jungfrauengeburt zu leugnen. Verglichen damit ist Kardinal Ratzinger der Nietzsche des ausgehenden 20. Jahrhunderts.“ In diesen „seltsamen Verkehrungen“, so Strauß, habe man sein „intellektuell risikoreiches Leben“ zu führen.

Und weiter an anderer Stelle in einem Interview bekannte Strauß: Er selbst, der kein Theologe sei, „präzisiere lediglich das Detail aus einer transzendenten Gestimmtheit“. Jedes Tabu sei besser als ein zerstörtes. Die gesellschaftliche Allgegenwart des Haltlosen und Formlosen sei derart zur Üblichkeit geworden, dass sich der Begriff des Rebellentums verkehre. Nicht der sei mehr ein Rebell, der gegen das Gesetz rebelliere, sondern der, der das verlorene, unkenntlich gewordene Gesetz suche und befolge.

Im „Anschwellenden Bocksgesang“ hat Botho Strauß früh den rechten Weg gewiesen, wie man in dieser tragisch schwachen und flachen Zeit sein Leben und Denken kultivieren kann. Neuer Schutzzonen bedarf inzwischen nicht nur die Sprache.