„Für Siegfried Lenz war Sprachlosigkeit ein großes Thema“

Drehbuchautor und Regisseur Thomas Berger über seinen Spielfilm und den Roman „Der Verlust“. Von José García

Nach einem Hirnschlag verliert Uli (Heino Ferch) die Sprache, sein wichtigstes Werkzeug als Fremdenführer. Am Meer trifft er auf die zwei Frauen, zwischen denen er sich entscheiden muss. Foto: ZDF/Marion von der Mehden
Nach einem Hirnschlag verliert Uli (Heino Ferch) die Sprache, sein wichtigstes Werkzeug als Fremdenführer. Am Meer triff... Foto: ZDF/Marion von der Mehden
Vor anderthalb Jahren verfilmten Sie „Die Flut ist pünktlich“. Jetzt adaptieren Sie wieder ein Lenz-Stück. Haben beide Werke etwas Gemeinsames?

Ein großes Thema bei Siegfried Lenz war die Sprachlosigkeit. Wir sprechen zwar miteinander, aber wir reden nicht miteinander. Wir sagen uns nicht die Wahrheit. Ich würde nicht sagen, dass die Figuren von „Der Verlust“ Lügner sind, aber sie gehen dem Aussprechen von Wahrheiten aus dem Weg. Das ist, was beide Stücke miteinander verbindet. In „Der Verlust“ ist dies verbildlicht: Jemand, der als Fremdenführer von der Sprache lebt, der die Leute mit seiner Sprache und seinem Charme einfängt, und plötzlich die Sprache verliert. In dem Moment, in dem Uli nicht mehr spricht, wird er mit der Wahrheit konfrontiert.

Bei „Die Flut ist pünktlich“ hatte André Georgi das Drehbuch geschrieben. Wie kam es, dass für „Der Verlust“ Sie selbst das Drehbuch verfassten?

Die Produzentin Jutta Lieck-Klenke fragte mich, ob ich das gerne machen würde. Da ich viel und gerne schreibe und Schreiben nicht als eine Qual begreife, wäre ich ein Narr gewesen, wenn ich die Adaption eines Romans von Herrn Lenz abgelehnt hätte.

Bei dieser Adaption haben Sie einiges verändert. Am augenfälligsten ist die Figur der Karin Petersen, die im Roman gar nicht vorkommt. Wie kamen Sie auf diesen Gedanken?

Im Roman erleidet Uli einen Schlaganfall. Er leidet an einer Aphasie und liegt im Krankenhaus. Seine Freundin Nora weigert sich, zu ihm zu gehen, weil sie schon einmal einen Mann in den Tod begleitet hat. Bei allem Verständnis für ihr Schicksal könnte man ihr diese Verweigerung übel nehmen, weil das Schicksal von Uli so viel größer erscheint. Er wird vielleicht für den Rest seines Lebens hilflos bleiben. Abhängig von anderen Menschen. Wir haben nach einem Weg gesucht, seine Figur mit einer Schuld aufzuladen, mit einem Geheimnis, das Nora erst einmal klären muss, bevor sie ihm begegnet. Daher Ulis zweites Leben mit Karin, von dem Nora nichts wusste. Wer wäre nicht verletzt, wenn er herausbekommen würde, dass sein Partner noch ein anderes Leben führt. Siegfried Lenz, der den Film noch sehen konnte, war mit dieser Änderung einverstanden, da sie im Geist seines Romans erzählt ist.

Was möchten Sie mit der Figur der Karin über Ulis Charakter ausdrücken?

Im Roman ist Uli ein charmanter Filou, der weder für seinen Bruder noch für Nora Verantwortung übernehmen will. Aber für Karin hat er Verantwortung übernommen. Er hat sie nicht alleine zurückgelassen, auch nicht, als er Nora kennengelernt hat, was für ihn sicher ein Konflikt war. Obwohl dies nicht ausgesprochen wird, hoffe ich, dass der Zuschauer daran erkennt, dass Uli im Grunde ein guter Mensch ist. Das vervollständigt seinen Charakter.

Führt dies nicht auch zu einer Klärung in dieser „Dreiecksgeschichte“?

Ich bin immer wieder verwundert, wie Menschen so etwas wie ein Doppelleben führen können. Hier bringt der Gehirnschlag die Wahrheit an den Tag. Nun muss sich jeder der drei damit auseinandersetzen. Nur wenn Nora und Karin miteinander reden, haben sie die Chance, Uli zu verstehen. Denn Karin kann Uli den Vorwurf machen, dass er ihr wehgetan hat, und sie es nicht verdient hat. Das ist das Wesentliche. Ich finde, dass Fritzi (Haberlandt) das sehr schön gespielt hat. Wir versuchen immer eine Gratwanderung, dass der Film berührt, aber nicht in Kitsch abrutscht.

Der Roman spielt ausschließlich in Hamburg, der Film zu einem erheblichen Teil auf dem Lande, an der Küste ...

Manche Romane von Siegfried Lenz spielen in Hamburg, andere auf dem Lande. Meist natürlich an der Küste. Ich wollte beide Lenz'schen Welten miteinander verbinden. Heute können wir kaum Stille ertragen. Der Wirrwarr an Stimmen in unserem Kopf ist so laut, dass wir uns selber nicht mehr hören können. Im Watt ist man gezwungen, sich selber zu begegnen. Das war einer der Gründe, warum ich die Handlung ans Meer verlegt habe: Dort müssen die Figuren sich selbst stellen.

Eine weitere Veränderung betrifft Noras Kollegin Eva (Margarita Broich), die sozusagen die Stelle der Vermieterin Frau Grant im Roman übernimmt. Warum eine solche Änderung?

Eine Frau in dem Alter von Nora, die noch in Untermiete wohnt, gehört in eine andere Zeit. Das tun Menschen heute kaum. Den Roman muss aus der heutigen Zeit heraus betrachtet werden. Würde die weibliche Hauptfigur bei einer älteren Dame zur Untermiete wohnen, würde der Zuschauer über falsche Dinge nachdenken.

Und die Figur des Taxifahrers, den es auch im Roman gibt?

Die Geschichte ist schwer. Sie braucht einen Kontrapunkt in dem Taxifahrer, den der Comedian Teddy gespielt hat. Ich wollte eine Figur, die völlig unverkrampft mit der Aphasie umgeht, einfach ohne Punkt und Komma plappert. Ich hätte etwas Angst, wenn der Film 90 Minuten in Moll, in der Dunkelheit abläuft, dass der Zuschauer das Gefühl hat, es nicht mehr ertragen zu können. Ich wollte etwas Dur dazugeben. So empfinde ich auch das Leben: Auch in den schlimmen Stunden nicht ohne Humor.

In „Der Verlust“ wechseln sich Nähe und Distanz ab. Was wollten Sie damit ausdrücken?

Die Frage ist letztendlich, ob Uli Nähe geben und ertragen kann. Nora scheint sie am Anfang zu suchen. Doch je mehr man sie kennenlernt, fragt man sich, ob auch Nora wirklich einem Menschen Nähe geben kann. Soll es eine Zukunft für die beiden geben, müssen sie genau das lernen. Karin scheint in diesem Zusammenhang die unkomplizierteste Figur zu sein. Sie gibt Uli ein Zuhause, ohne zu fragen, wo er sich unter der Woche rumtreibt. Er kommt und geht, wann er will. Das ändert sich aber sofort, als Karin von Nora erfährt. Wir haben versucht, in den Bildern mit Nähe und Distanz zu spielen. Das Watt und seine Weite spielt dabei ein große Rolle.

„Der Verlust“ nach Motiven des gleichnamigen Romans von Siegfried Lenz. Drehbuch und Regie: Thomas Berger, Montag, 5. Oktober, 20.15 Uhr, 90 Min., ZDF.

In der verwitweten Nora (Ina Weisse) scheint Uli (Heino Ferch) eine späte Liebe gefunden zu haben. Dennoch möchte sich der Hamburger Fremdenführer Uli nicht endgültig binden. Als er eines Morgens einen Hirnschlag erleidet, verliert er von einer Sekunde auf die andere die Sprache. Nora will Uli im Krankenhaus besuchen, als Ulis Handy klingelt und sich eine unbekannte Frauenstimme meldet. Die Vertraulichkeit in der Stimme macht Nora stutzig, die dem Geheimnis in Ulis Leben auf den Grund gehen will. An der Küste begegnet sie Karin (Fritzi Haberlandt). Seinerseits hält es Uli im Krankenhaus nicht mehr aus und fährt ebenfalls zu Karin. Dort begegnet er beiden Frauen.

In seiner Adaption des gleichnamigen Romans von Siegfried Lenz nimmt Drehbuchautor und Regisseur Thomas Berger neben weiteren kleineren Umgestaltungen eine wesentliche Änderung vor: Im Roman kommt eine Karin nicht vor. Deshalb heißt es offiziell, Bergers Film sei „nach Motiven des gleichnamigen Romans“ entstanden. Dennoch bleibt der Fernsehfilm in seinem Grundgedanken der Romanvorlage treu: Verlust der wichtigsten Eigenschaft bei einem Menschen, der von der Sprache lebt, durch Aphasie. Durch die Einführung einer dritten Hauptfigur erlangt Bergers Verfilmung insbesondere eine Dynamik, an der es dem Roman mangelt. Deshalb kann Bergers Film nicht nur als kongeniale Filmadaption bezeichnet werden. Er gehört zu den seltenen Literatur-Verfilmungen, die in einem größeren Maß überzeugen als ihre literarischen Vorlagen. J.G