Mann und Frau ergänzen einander

Philosophin Gerl-Falkovitz: Unterschied zwischen Mann und Frau ist bleibendes "Salz in der Suppe".

Mann und Frau
Marc Chagalls "Hommage an Appolinaire" zeigt die Einheit von Frau und Mann. Foto: IN

In der gegenwärtigen Gesellschaft ist das "Talent" zur Männlichkeit und Weiblichkeit oft verkümmert, doch würde dessen Wiederentdeckung dem Menschen helfen, wieder beziehungsfähiger zu werden: Das war eine der zentralen Botschaften einer Tagung zum Thema "Mann und Frau", die das Institut für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie (RPP) am Wochenende gemeinsam mit dem Institut für Ehe und Familie (IEF) und der Sigmund Freud Privatuniversität in Wien veranstaltet hat.

Raphael Bonelli: Nur zwei Perspektiven ergeben ein dreidimensionales Bild

"Erst zwei Augen, die aus verschiedenen Blickpunkten auf dieselbe Sache schauen, ergeben ein dreidimensionales Bild": So erklärte der Psychiater und RPP-Institutsleiter Raphael Bonelli die Ergänzung, die Mann und Frau in einer Paarbeziehung einander lieferten. Verleugne und verdränge einer von beiden seine Geschlechtlichkeit, gehe die Räumlichkeit verloren, wodurch das Kippen in eine Konkurrenzsituation drohe. Dies sei auch eine der Ursachen, warum die Generation der zwischen 1980 und 2000 Geborenen die gegenseitige Anziehungskraft - den "Eros" - verloren hätten: "Millennials haben weniger Sex als alle Generationen vor ihnen. Mann und Frau fällt nicht mehr ein, was sie gemeinsam im Bett unternehmen können", so der Autor des Buches "Frauen brauchen Männer - und umgekehrt". Er appellierte zu einem "neuen Selbstbewusstsein" der Geschlechter und deren Begegnung auf Augenhöhe: Mann und Frau seien "nicht gleichartig, aber gleichwertig".

Reinhard Haller: Kränkungen sind "psychologische Großmacht"

Speziell auf die Partnerschaft und die hier zu beobachtenden Kränkungen ging der Psychiater Reinhard Haller ein. Bei Kränkungen handle es sich um eine "psychologische Großmacht", führten sie doch oft zu nachhaltigen Erschütterungen der Werte und des "innersten Ichs" eines Menschen. Tragödien wie etwa das islamistische Terrorattentat gegen "Charlie Hebdo", die "Germanwings"-Katastrophe mit 148 Toten oder auch die vielen Schießereien an US-Schulen seien vor allem durch Kränkungen zu erklären, wobei dahinter meist Angst vor Liebesverlust, nicht verheilte Wunden oder Demütigungen stünden. Kränkung könne zur unheilbaren Verbitterung führen. Die edelste Form, Kränkung zu überwinden, sei das Verzeihen, so der Chefarzt eines Vorarlberger Krankenhauses.
Einblicke in neueste Forschungen zu den Geschlechterhormonen gab die Gynäkologin Doris Gruber. Abhängig vom Menstruationszyklus, sähen Frauen Männer beispielsweise ganz unterschiedlich, so die Endokrinologin vom AKH Wien. Das Gleichgewicht von weiblichen und männlichen Hormonen bestimme auch das Fettverteilungsmuster, gemeinsam mit anderen Faktoren wie etwa der Nahrungszufuhr. Schließlich verwies die Expertin auf epigenetische Spuren, welche Hormone im Körper beider Geschlechter hinterlassen: So entfalte beispielsweise das beim Orgasmus für kurze Zeit ausgeschüttete Liebeshormon Oxytocin langfristig im Gehirn jene Wirkung, die eine Bindung an den Partner verstärkt - ähnlich wie es nach der Geburt das Bonding zwischen Mutter und Kind ermögliche.

Beate Wimmer-Puchinger: Es gibt keine "20 Geschlechter"

So sehr auch gesellschaftliche Einflussfaktoren die Geschlechter prägten, gebe es dennoch nicht die von Transgender-Theoretikern postulierten "20 Geschlechter", erklärte die Psychologin Beate Wimmer-Puchinger. Vielmehr sei zuvorderst die Biologie tonangebend. Erfreulich sei daher die derzeit laufende Entwicklung hin zu einer geschlechtsspezifischen Medizin ("Gendermedizin"), von der vor allem die Frauengesundheit profitiere. Wimmer-Puchinger warnte wie schon bereits zuvor die Gynäkologin Gruber vor der Verwendung der Pille als hormonelle Verhütung in der Pubertät: Derartige Präparate könnten zu Schädigungen führen, wenn sich der Zyklus der Frau dadurch nicht stabil entwickle, zudem steige das Infertilitätsrisiko.

Hanna Barbara Gerl-Falkovitz: "Geheimnisvolle Spannung" zwischen Mann und Frau

Aus philosophischer und theologischer Sicht beleuchtete Hanna Barbara Gerl-Falkovitz die "geheimnisvolle Spannung" zwischen Mann und Frau. Beide gemeinsam seien "mehr als zwei Personen", entstehe durch das Aufeinandertreffen der Geschlechter doch "eine neue Weltschöpfung". Die in Heiligenkreuz lehrende Religionsphilosophin verwies auf die verschiedenen altasiatischen, griechischen und germanischen Mythen, die allesamt auf gegenseitige Ergänzung der Geschlechter hinausliefen. Dargestellt werde dabei stets die Frau als Lebensbringerin sowie auch als ein bleibendes Geheimnis für den Mann, der dieses Rätsel zu lösen habe. Ein völliges Erkennen des anderen sei dabei nie möglich, der Reiz der Unergründlichkeit und bleibenden Fremdheit sei "das Salz in der Suppe".

DT/KAP

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