Der gefährdete Einzelne

Stefan Meetschen nimmt den Einzelnen in den Blick. Das ist eingedenk des Zwangs zur Homogenität von großer Bedeutung.

In der Masse droht der gefährdete Einzelne unterzugehen
In der Masse droht der gefährdete Einzelne unterzugehen. Foto: dpa.

Botho Strauß wusste es schon vor Jahrzehnten: „Der Einzelne ist heute ungeheuer gefährdet.“ Das stimmt. Inzwischen buhlen Netzwerke, Parteien und Bewegungen in digitaler Aufdringlichkeit bei jedermann um Anschluss und Zustimmung. Den oft gescholtenen Individualisten - gibt es ihn angesichts dieser sozialen Druckwelle überhaupt noch? Wäre er als Rarität nicht längst ein Fall für das Weltkulturerbe oder den Artenschutz? Jenseits der großen Moden und Informationsströme, des banalen Gekichers und gängiger Sprachschablonen?

Einzelgängertum bewährt sich in der Begegnung mit der Gruppe

Dabei ist wahres Einzelgängertum keine Frage der äußeren Isolation. Es stärkt und bewährt sich in der Begegnung mit einer Gruppe, der Konfrontation mit einem Kollektiv. Ohne, dass man dabei per se auf Übertreibungen zurückgreifen müsste, wie es Max Stirner in seinem berühmt-berüchtigten Werk „Der Einzige und sein Eigentum“ getan hat, in dem er schreibt: „Wir sind allzumal vollkommen, und auf der ganzen Erde ist nicht Ein Mensch, der ein Sünder wäre! Es gibt Wahnsinnige, die sich einbilden, Gott Vater, Gott Sohn oder der Mann im Monde zu sein, und so wimmelt es auch von Narren, die sich Sünder zu sein dünken; aber wie jene nicht der Mann im Monde sind, so sind diese – keine Sünder. Ihre Sünde ist eingebildet.“

Selbsterkenntnis setzt Selbstkritik voraus

Gerade der Einzelne wird sich der „Sünde“, also der Verstöße gegen die Prinzipien der Wahrheit und Gerechtigkeit, bei genauer Beobachtung seiner selbst und der Mitglieder einer Gruppe bewusst werden. Selbsterkenntnis setzt schließlich Selbstkritik voraus. Er wird auch mit diagnostischer Kühle erkennen, wenn das Kollektiv in die Irre tappt. Sei es, weil man einer falschen Idee anhängt oder weil diejenigen, die es führen, von der Macht oder anderen Versuchungen korrum bpiert wurden. Was geradezu zwangsläufig eine Opposition, eine Gegenbewegung auslöst, die ihrerseits aber auch nicht vor Verirrungen oder Übertreibungen gefeit sein muss.

Der Einzelne wird deshalb auch dieser mit Misstrauen begegnen und selbst dann einen inneren Sicherheitsabstand halten, wenn er deren Ideale und Prinzipien zu einem gewissen Grad teilt. So wie es Ernst Jünger zur Zeit des Zweiten Weltkriegs vorexerziert hat.

Stefan Meetschen glaubt an den Einzelnen und befasst sich dabei auch mit der Situation in der Kirche. Lesen Sie den ganzen Text in der aktuellen Ausgabe der „Tagespost“ vom 10. Januar 2019. Kostenlos erhalten Sie diese Ausgabe hier.

DT/mee (jobo)