Dammbruch beim Humanexperiment

Nicht nur in China: Auch der gebürtige Österreicher Werner Neuhausser plant, menschliche Keimzellen genetisch zu verändern.

Genomforschung: Humanexperimente nicht nur in China, auch in den USA
Genomforschung: Humanexperimente nicht nur in China, auch in den USA. Foto: Elleringmann

Keine drei Wochen ist es her. Da verstieß die „scientific community“ den chinesischen Biophysiker He Jiankui aus ihrer Mitte. „He Jiankui hat eindeutig eine rote Linie überschritten, vor allem weil er bei seiner Forschung die Sorgen der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft in Bezug auf die Editierung menschlicher Keimbahnen ignoriert hat“, erklärte etwa Emmanuelle Charpentier, Direktorin am Berliner Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie und eine der beiden Mütter jener Technologie, mit der He experimentiert hatte. Im Erbgut zweier im Labor erzeugter Mädchen. Hes Ziel: Die beiden irgendwann im Herbst zur Welt gekommenen Mädchen sollten die ersten genetisch verbesserten Menschen sein, die gegen das humane Immundefizienz-Virus (HIV) immun waren.

Humanexperimente: Nebeneffekte bleiben geheim

Welchen Erfolg Hes Humanexperimente hatten, beziehungsweise welche Schäden Lulu und Nana dabei womöglich davontrugen, weiß außer He selbst bisher wohl niemand so genau. Falls doch, dann werden diese Erkenntnisse – zumindest bislang – unter Verschluss gehalten.

Was andere Forscher offenbar keineswegs daran hindert, nun – da das Tabu gebrochen ist –, völlig ungeniert auf Hes Pfaden zu wandeln. Und das nicht etwa in China oder irgendeinem anderen Land, in dem das Konzept fundamentaler Rechte, die sich aus der Würde des Menschen ableiten lassen, keine große Tradition besitzt, sondern in den USA. Und auch hier nicht in irgendeinem zwielichtigen Labor einer schlecht beleumundeten Biotech-Firma, sondern an der ehrwürdigen Harvard University in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts.

Werner Neuhausser will Spermien genetisch verändern

Dort nämlich plant der gebürtige Österreicher Werner Neuhausser, menschliche Keimzellen, oder genauer, Spermien genetisch verändern. Gemeinsam mit seinem Kollegen Denis Vaughan will der Reproduktionsmediziner in den Spermien ein Gen verändern, das mit Alzheimer assoziiert wird. Eine Mutation dieses Gen (ApoE4) wird mit einen stark erhöhten Risiko für Morbus Alzheimer in Verbindung gebracht. Zugleich wird Trägern dieser Mutante jedoch ein deutlich reduziertes Risiko für die Ausbildung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen nachgesagt.

Vorerst keine Experimente mit menschlichen Embryonen

Wie Antonio Regalado in der aktuellen Ausgabe des „MIT Technology Review“ schreibt, wollten Neuhausser und Vaughan vorerst nicht an menschlichen Embryonen forschen. Stattdessen wollten die Forscher zunächst mit Spermien trainieren, die ihnen von „Boston IVF“, einem Netzwerk von Fruchtbarkeitskliniken, zur Verfügung gestellt würden.

Weshalb die Gefahr besteht, dass das Genom-Editing keineswegs bloß zur Heilung von Krankheiten, sondern zur Verbesserung von Menschen eingesetzt werden soll, erfahren Sie in der aktuellen Ausgabe der „Tagespost“ vom 20. Dezember 2018. Kostenlos erhalten Sie diese Ausgabe hier.

DT (jobo)