Ausverkauf des Abendlandes

Wie der Katholizismus beinhaltet auch der Begriff "Abendland" ein Bekenntnis, meint Marco Gallina in der "Tagespost".

Kloster Banz am Abend. Das Abendland ist christlich geprägt
Das Abendland ist christlich geprägt. Kloster Banz am Abend angestrahlt. Foto: Nicolas Armer (dpa)

Das Abendland hat einen schweren Stand. Spätestens als eine Dresdener Demonstration den Begriff nach einigen Jahrzehnten des politischen Schlafes wieder aufgeweckt hatte, sahen die Artilleristen der großen Medienhäuser die Zeit gekommen, diesen in Artikeln oder Radiofeatures unter Dauerfeuer zu bombardieren. Ob „Focus“, „Süddeutsche“, „Spiegel“ oder „Zeit“: kaum ein Medium, dass nach den ersten PEGIDA-Demos nichts anderes zu tun hatte, als ein Wort zu diffamieren, aus dem einfachen Grund, dass es das falsche Lager benutzte.

Michael Wolffsohn: Gedanke des christlichen Abendlandes "geistiger Müll"

Noch in den 1950ern hatten sich insbesondere CDU und CSU mit dem Gedanken des christlichen Abendlandes identifiziert, um eine europäische Gemeinschaft aus der Taufe zu heben; 2017 äußerte der Publizist Michael Wolffsohn in der „Süddeutschen Zeitung“: „Geistiger Müll muss beseitigt werden, wenn vom ,christlichen‘ oder gar ,christlich-jüdischen Abendland‘ gesprochen wird.“

Manfred Becker-Huberti: Christliches Abendland ist "Kampf- und Ausgrenzungsbegriff"

Dass Säkularismus und Relativismus ihren Anteil an einer Skepsis gegenüber allem haben, was irgendwie christlich klingt oder christlich geartet sein könnte, ist im Grunde keine Neuigkeit: Die Definition eines Kulturraums gilt als Provokation, die Dekonstruktion als Kür in der journalistischen Welt. Die Romantik, die das christliche Abendland in sich trägt, steht im Gegensatz zur real-existierenden Brüsseler Bürokratie ohne Glaubensbekenntnis. Umso irritierender wirkte da ein Beitrag des Theologen Manfred Becker-Huberti aus dem Jahr 2016, der auf dem Nachrichtenportal katholisch.de erschien und das christliche Abendland herunterrelativierte: „Für etwas anderes als Abgrenzung taugt der Begriff ,christliches Abendland‘ nicht, er ist ein Kampf- und Ausgrenzungsbegriff, eine völlig unfundierte Fiktion.“

Der Begriff Abendland steht jetzt auch bei Kirchenvertretern in der Kritik

Es ist das eine, wenn die Presse einen Begriff schleift, der nicht in das Konzept ihrer politischen Agenda passt; es ist aber das andere, wenn Theologen oder gar Kardinäle einen Begriff schleifen, der nichts anderes als die Frucht jahrhundertelanger Arbeit ihrer Vorgänger ist. Der Chef der Deutschen Bischofskonferenz hat im Grunde letzte Woche nichts anderes getan, als eine Ansicht wiederzugeben, die sein hauseigenes Medienportal sowie weitere ungenannte Theologen im Hintergrund teilen.

Marco Gallina bekennt sich zum „christlichen Abendland“. Was das eigentlich Irritierende an der Äußerung von Reinhard Kardinal Marx sei, was unserer Zeit fehle und welche Anstrengungen Christen heute auf sich nehmen sollten, lesen Sie in der aktuellen Ausgabe der „Tagespost“ vom 17. Januar 2019. Kostenlos erhalten Sie diese Ausgabe hier.

DT/mee (jobo)