Berlin

Das Doppelleben mancher Intellektueller

„Zwischen den Zeilen“ verknüpft die Auswirkungen der neuen Lesensgewohnheiten auf einen kleinen Verlag mit den Verwirrungen der Protagonisten in Liebesdingen. Von José García

Garcías Filmtipp: "Zwischen den Zeilen"
Als Autor verarbeitet Léonard (Vincent Macaigne) gerne seine eigene Liebesbeziehungen in seinen Romanen. Im aktuellen Buchmanuskript geht es um seine Affäre mit Selena (Juliette Binoche), der Ehefrau seines Verlegers Alain. Foto: Alamode

Léonard Spiegel (Vincent Macaigne) hat es nicht ganz verstanden. Deswegen muss es ihm Alain (Guillaume Canet) klipp und klar sagen: Alain, der den Pariser Verlag von Marc-Antoine (Pascal Greggory) leitet, hat kein Interesse am neuen Buchmanuskript Léonards, obwohl bisher dessen Romane immer in dem Verlag erschienen sind. Alain ist ohnehin vollauf damit beschäftigt, den kleinen Verlag umzustrukturieren. Denn die digitale Revolution und die Verdrängung des gedruckten Buchs durch E-Books und soziale Medien stellen insbesondere kleine Verlage vor große Schwierigkeiten.

Sein Narzissmus führt ihn dazu, die Grenzen zwischen real und fiktiv verschwimmen zu lassen

Deshalb stellt Alain die junge Laure (Christa Théret) ein, die den Verlag ins digitale Zeitalter überführen soll. Léonard, der die digitale Welt verachtet, hat noch ein Problem: Sein Narzissmus führt ihn dazu, die Grenzen zwischen real und fiktiv verschwimmen zu lassen, und seine eigenen Liebesbeziehungen kaum verhüllt in die Handlung seiner Bücher einzubauen. In seinem aktuellen Manuskript handelt es sich um seine Affäre ausgerechnet mit Alains Frau Selena (Juliette Binoche) – was sich allerdings nur demjenigen erschließt, der „zwischen den Zeilen“ lesen kann.

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Sehr französisch nimmt sich „Zwischen den Zeilen“ in den intellektuell wirkenden Gesprächen über die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Büchermarkt aus, die ins Allgemeine gesteigert werden, etwa ob die Blogs und sozialen Medien wirklich dazu führen, mehr zu lesen.

„Das ist total verrückt, die Leute
lesen Bücher auf dem Smartphone“

Das Unverständnis der „alten Garde“ gegenüber den von den Neuen Medien hervorgebrachten Veränderungen der Lesensgewohnheiten wird in den Worten des Verlegers Marc-Antoine deutlich: „Das ist total verrückt, die Leute lesen Bücher auf dem Smartphone“. Mit der Haupthandlung wird aber auch ein anderes sehr „französisches“ Thema verknüpft: die Freizügigkeit in Liebesdingen, die zu einer Verwirrung des Gefühlshaushalts der Protagonisten einhergeht. Darin drückt sich der Originaltitel „Doubles vies“ deutlich aus.

DT

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