Lauthals lachend!

Heiligkeit ist Gnade, also zuerst im Sein verankerte Wirklichkeit, dann erst moralischer Auftrag. Von Monsignore Florian Kolfhaus

Papst Franziskus hat Humor: Das bewies er einmal mehr unter Jesuiten-Patres in Dhaka (Bangladesch). Foto: privat

Ein trauriger Heiliger ist ein trauriger Heiliger“, hat der heilige Franz von Sales gesagt, um deutlich zu machen, dass ein Jünger Jesu nicht ständig stöhnen, sondern lauthals lachen solle. Den fröhlichen Bettler aus Assisi, den Bischof von Genf und den Jesuit auf dem Stuhl Petri verbindet nicht nur der Name, sondern auch das Bekenntnis zur wahren Freude der Kinder Gottes, die etwas ganz anderes meint als den Heidenspaß dieser Welt.

Heiligkeit ist in der Tat die „große Scheidung“ (so eine Erzählung von C. S. Lewis), die buchstäblich „gnadenlos“ die einen von den anderen, nämlich jenen in der heiligmachenden Gnade, trennt. Sie ist es, die Menschen zu Heiligen macht. Dieser Schatz, durch die Taufe geschenkt, enthüllt sich uns in seiner Fülle, wenn wir im Himmel den schauen, der auf Erden bereits unsichtbar in unseren Seelen wohnen wollte. Heiligkeit wird dann zur Seligkeit, Gnade zu Glorie, verborgene Teilhabe zu strahlender Herrlichkeit. Gott, der seinen Freunden in dieser Welt ein Lächeln auf die Lippen zaubert, wird in der anderen ihren Mund öffnen, damit sie in den Chor der Engel einstimmen, deren Hausgenossen sie sein sollen.

Der Herr „will, dass alle Menschen gerettet werden“. Heiligkeit – verstanden als leben und sterben in Gottes Gnade – ist daher kein Optional für fromme Fanatiker, sondern Verpflichtung für alle. Die Gerichtsrede Jesu macht in einem kleinen Detail deutlich, dass nur der Himmel für den Menschen in Frage kommen kann. Er ist der wahre Wohnraum, im umfassenden Sinne eines Kosmos, der jetzt auf Erden Lebenden. Der Herr spricht von einem Reich der Heiligen, „das von Anfang der Welt für sie geschaffen ist“ (Mt 25,34). Die Hölle dagegen findet sich nicht in diesem ursprünglichen Plan Gottes, sondern ist eine Schöpfung der gefallenen Geister. So denken wir ganz zu Recht Heiligkeit meistens im Vorausblick auf den Himmel.

Genauso richtig ist es aber auch, diesen Begriff vom Ursprung her zu verstehen, um zu erkennen, dass Gott den Menschen zwar zu einem rein natürlichen Leben hätte erschaffen können, aber wollte, dass diese mit Vernunft und freiem Willen begabte Kreatur von Anfang an teilhabe an seinem göttlichen Leben. In diesem Zusammenhang wird oft auf das Zweite Vatikanische Konzil verwiesen, das die allgemeine Berufung zur Heiligkeit entdeckt habe und gerade die Laien, also Männer und Frauen, die weder Ordensleute noch Kleriker sind, in ihrer säkularen Sendung bestärken wollte. Endlich, so meint mancher Theologe, habe die Kirche die „Weltchristen“ wiederentdeckt.

Endlich sei die Rede von einem besonderen Stand der Vollkommenheit beendet, und verstünde man alle „Berufungen“, auch die zum Familienvater, als gleichwertige Wege zur Heiligkeit. Hier wird der Eindruck erweckt, das Konzil habe herausgefunden, dass alle Menschen die Taufe empfangen, und alle Getauften – ob Mann oder Frau, Kind oder Greis, Laie oder Kleriker – in der heiligmachenden Gnade leben und daher Heilige sein können. Der allgemeine Heilswille Gottes und „die allgemeine Berufung zur Heiligkeit“, so der Titel des vierten Kapitels von Lumen Gentium, sind freilich nicht das Gleiche. Verwirrung der (Konzils-)Geister entsteht da, wo die Sendung wichtiger wird als das Sein.

Ist von Heiligkeit die Rede, so gilt es eine doppelte Bedeutung des Begriffs und eine doppelte Berufung des Christen zu bedenken. Es geht nicht nur darum, in den Himmel zu kommen, sondern dort auch in noch größerer Fülle an Gottes Liebe teilzuhaben. Es geht also um das Leben in der Gnade und die Sendung, diese (die Theologie spricht hier vom Verdienst) durch gute Werke zu vermehren. Immer jedoch gibt es nur eine einzige Form der Heiligkeit: Jesus Christus. Ihm ähnlich zu sein und es immer mehr zu werden sind die beiden erwähnten Berufungen, die durch die Taufe geschenkt und die treue Mitarbeit in der Gnade erreicht werden. „Gaudens gaudebo in Domino“, singt die Kirche am Fest der Unbefleckten Empfängnis, um den Tag zu feiern, an dem mit dem menschlichen Leben Mariens zugleich das übernatürliche begann und sie „voll Gnade“, voll Heiligkeit, in diese Welt eintrat. Noch ehe der Herr in Maria war, war sie voll Freude in ihm (in Domino). Die Unbefleckte Empfängnis ist daher das leuchtende Gegenbeispiel des von Papst Franziskus immer wieder verurteilten Pelagianismus, also dem Versuch, sich selbst heilig zu machen. Ohne eigene Verdienste ist Maria vor der Erbschuld bewahrt und mit der „Fülle der Gnade“ beschenkt worden. Unter allen Heiligen ist sie daher die Größte – schon im Schoß ihrer Mutter Anna, noch ehe sie eines guten Werkes fähig gewesen wäre.

Heiligkeit ist Gnade, und daher zuerst eine ontologische Wirklichkeit, erst dann ein moralischer Auftrag. Aus christlicher Sicht ist es daher nicht ganz korrekt, zu sagen, Mutter Teresa sei eine Heilige geworden, weil sie sich der Armen angenommen habe. Nein, weil sie eine Heilige war, eine Frau in der Gnade Gottes, hat sie sich in den Schmutz gebeugt, um Christus zu dienen, der dank der Taufe in ihrem Herzen lebte.

Was durch jahrelange Yogaübungen ohne Gottes Gnade nicht gelingen kann, das wird dem reumütigen Sünder in einer einzigen Beichte geschenkt: Heiligkeit. An dieser Stelle drängt sich die Frage nach der bereits erwähnten zweiten Bedeutung des Begriffs Heiligkeit auf. Hier geht es um die Sendung (Papst Franziskus) oder die Berufung (Zweites Vaticanum). Das aus der Mode gekommene, aber vom letzten Konzil häufig gebrauchte Wort Vollkommenheit brächte die notwendige Klärung. Darum geht es ja: im geheimnisvollen Zusammenspiel von menschlichem Tun und göttlicher Gnade immer vollkommener Christ zu werden.

Teresa von Lisieux, die diese doppelte Berufung zum Leben in der heiligmachenden Gnade und einem Leben, das dieselbe vermehre, erkannt hatte, schreibt dazu: „Ich hatte begriffen, dass es viele Stufen der Heiligkeit gibt, dass es jeder Seele freisteht, wie sie auf die Werbung unseres Herrn Antwort geben will, viel oder wenig für seine Liebe zu tun: in einem Wort, unter den Opfern, die er verlangt, zu wählen. Und wie in den Tagen meiner Kindheit habe ich ausgerufen: Mein Gott, ich wähle alles!“ Es war der brennende Wunsch der Karmelitin, nicht nur in den Himmel zu kommen, sondern eine der größten Heiligen zu werden.

Ihre Namensvetterin aus Kalkutta ist, so können wir jetzt in diesem Zusammenhang sagen, eine unter ihnen geworden, weil sie kein Opfer gescheut und ihr Leben in heldenhafter Weise für die Armen hingegeben hat. Die Kirche spricht hier vom „heroischen Tugendgrad“, also von einer außergewöhnlichen Mitarbeit des Menschen mit der Gnade. Alle, so lehrt das Zweite Vatikanische Konzil, sollen große Heilige werden: „Zur Erreichung dieser Vollkommenheit sollen die Gläubigen die Kräfte, die sie nach Maß der Gnadengabe Christi empfangen haben, anwenden, um, seinen Spuren folgend und seinem Bild gleichgestaltet, dem Willen des Vaters in allem folgsam, sich mit ganzem Herzen der Ehre Gottes und dem Dienst des Nächsten hinzugeben“ (LG 40).

Auch die Laien haben teil an dieser Berufung, aber das Konzil relativiert in keiner Weise die Bedeutung des Standes der Vollkommenheit, also des Ordenslebens. Das vierte Kapitel von Lumen Gentium scheut sich nicht, das Leben nach den evangelischen Räten als den leichteren Weg zur heldenhaften Heiligkeit aufzuzeigen: „Ferner wird die Heiligkeit der Kirche in besonderer Weise gefördert durch die vielfachen Räte, deren Beobachtung der Herr im Evangelium seinen Jüngern vorlegt. Darunter ragt die kostbare göttliche Gnadengabe hervor, die der Vater einigen gibt, die Jungfräulichkeit oder der Zölibat, in dem man sich leichter ungeteilten Herzens Gott allein hingibt“ (LG 42).

Große Heilige werden die Christen, und dies muss besonders für die Laien und ihre säkulare Sendung gelten, wenn sie ihre Berufung in entschiedener Opposition zur Welt leben: „Alle Christgläubigen sind also zum Streben nach Heiligkeit und ihrem Stand entsprechender Vollkommenheit eingeladen und verpflichtet. Alle sollen deshalb ihre Willensantriebe richtig leiten, um nicht im Umgang mit Dingen der Welt und durch die Anhänglichkeit an die Reichtümer wider den Geist der evangelischen Armut im Streben nach vollkommener Liebe gehindert zu werden. Mahnt doch der Apostel: Die mit dieser Welt umgehen, sollen sich in ihr nicht festsetzen; denn die Gestalt dieser Welt vergeht“ (LG 42).

Noch einmal lohnt der Blick auf die Unbefleckte. Sie ist frei von all den Krankheiten, unter denen wir Menschen leiden, seitdem unsere Stammeltern das Paradies verloren haben. Unsere Augen sind geblendet vom Licht der Sonne, so dass wir uns nur allzu gern den Schatten zuwenden. Banal ausgedrückt: Maria ist die einzig Sehende unter uns Halbäugigen. Sie ist die Einzige, die wirklich mit beiden Beinen im Leben steht, während wir uns hinkend durch diese Welt schleppen. Maria ist die einzig Heile in einer Welt voller Kranker, die – denken wir an Platons Höhlengleichnis – ihren Zustand für normal halten. Maria und die Heiligen sind die gesunden Menschen, die der Welt die Diagnose stellen: Gnadenlos!

Wären alle auf Erden Rollstuhlfahrer, so spotteten sie vielleicht über einen gehenden Menschen, weil man doch auf Rädern viel bequemer durch die Welt komme. Es sind die Heiligen, die all jene aus ihren gepolsterten Sitzen heben, die ungebremst ins Tal rollen. Auch ihre Berufung ist es, auf eigenen Füßen zu stehen und den steilen „Berg der Vollkommenheit“ hinaufzusteigen – nicht stöhnend, sondern lauthals lachend.