Kann Technik neuen Sinn schaffen?

Ehe, Familie, Sexualität – Diese Einheit knackt jede Gender-Ideologie und führt die Postmoderne ad absurdum. Von Alexander Riebel

Bundeswehr-Bataillon in Storkow bekommt neue Kommandeurin
Die Bundeswehrkarriere begann als Mann – inzwischen ist die transsexuelle Anastasia Biefang Oberleutnant im Bundeswehrbataillon im brandenburgischen Starkow. Foto: dpa
Bundeswehr-Bataillon in Storkow bekommt neue Kommandeurin
Die Bundeswehrkarriere begann als Mann – inzwischen ist die transsexuelle Anastasia Biefang Oberleutnant im Bundeswehrba... Foto: dpa

Selten ist die Differenz der Geschlechter überzeugender auf engem Raum dargestellt worden. Antonio Malo, Professor für anthropologische Philosophie an der Santa Groce Universität in Rom, zeigt in seiner anthropologischen Betrachtung den Grund der Differenz von Mann und Frau im christlichen Weltbild und hat damit den archimedischen Punkt, von dem aus er die moderne und insbesondere postmoderne Sicht der Geschlechter zurückweisen kann. Die Gender- ideologie ist kein gangbarer Ausweg. Ganz im Gegenteil – der untrennbare Zusammenhang von Familie, Sexualität, Ehe und Weitergabe – nicht nur Reproduktion – des Lebens spielen für Malo die entscheidende Rolle. Der Mensch ist für Malo nicht das Problem, das die moderne naturwissenschaftlich beeinflusste Perspektive sehen möchte, nämlich ein Problem, das nun endlich ein für alle Mal zu lösen sei, sondern der Mensch ist ihm ein Geheimnis – es bedarf also der Erforschung des geheimnisvollen Ursprungs dieses Geheimnisses und der Ziele des Menschen.

Dabei ist die menschliche Sexualität weit mehr als nur etwas Animalisches. Malo spricht von ihrer Humanisierung, weil die biologische Neigung in Begehren und Liebe weiterentwickelt ist. Aber zur Humanisierung gehört noch mehr, nämlich der Unterschied zwischen Individuum sein als Mann und Frau sowie das Personsein, das noch darüber hinausgeht. „Und so ist der Unterschied, welcher das Personsein noch fundamentaler ermöglicht, der ethische Unterschied: Er besteht darin, mehr zu werden, als man gegenwärtig ist, ohne dabei aber die eigene Identität – als Mann oder Frau – zu verlieren, kurz gesagt, er verhilft dazu, mehr man selbst zu sein“, heißt es bei Malo, und weiter: „Das eigentliche Leben desjenigen Wesens, das seine Anlagen immer mehr zu entfalten versteht – also: der Person –, ist nicht bloß das Leben des Männchens oder Weibchens der Spezies; es ist vielmehr das Leben jenes Subjekts, das in zunehmendem Maße dazu fähig ist, sich von allen anderen Subjekten zu unterscheiden und dabei seine eigene Identität herauszubilden.“ Diese spezifisch menschlichen Charakteristika bieten aber die Gendertheorien nicht und nach Malo auch nicht die Philosophiegeschichte, die er von Plato über Kant und Hegel bis zu Foucault durchläuft. Diese Kapitel sind äußerst eindrucksvoll, zeigt der Autor darin, dass ein Verweisen auf die Philosophie nicht zu dem Ziel führt, das er erreichen möchte. Das Kriterium für die Beurteilung der Philosophie ist ihm wiederum die christliche Sicht, nach der Mann und Frau keineswegs darin aufgehen, geschlechtliche Wesen zu sein, sondern Person. Insofern haben sie auch die gleiche Würde vor Gott: „Mann und Frau sind dazu geschaffen, sich als Ehemann und Ehefrau zu lieben und eine Familie zu gründen. Die Liebe zwischen Mann und Frau führt so zur Vereinigung der zwei Modalitäten des Personseins.“ Dieses Personsein ist so eine ethische Identität des Menschen, die über die sexuelle Identität hinausgehe. „Personsein bedeutet, dass der Mensch nicht seine Natur ist und durch diese bestimmt ist, sondern eine Natur besitzt und in gewisser Weise über diese und sich bestimmen kann. Indes handelt es sich um ein Prinzip, welches auf einen transzendenten Ursprung und auf ein transzendentes Ziel verweist.“

Beim späten Platon und im Neuplatonismus sahen die Verhältnisse ganz anders aus – Mann und Frau standen für das Eine und die Vielfalt, und so war alles Weibliche schon begrifflich das veränderliche und Imperfekte, weil es sich vom Einen entfernt. Auch wurde der Samen als Form des Embryos angesehen, die Frau aber nur als Materialprinzip. Dies habe auch Thomas von Aquin so gesehen, trotz des Augustinus, „der Mann und Frau gleichermaßen als Abbild Gottes ansah“. Ganz anders die sexuelle Revolution von 1968, die tabula rasa machen wollte mit moralischen und religiösen Werten – doch das Ziel, den Unterschied der Geschlechter zu beseitigen, hat die Revolution nicht sofort erreicht. Aber der Anfang war versucht, nämlich den „neuen Typus von Menschen ex nihilo zu erschaffen“, losgelöst von der Geschichte und ohne jede Ungleichheit.

Bei der Feministin Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre sind die Liebenden besitzergreifende Wesen. Nach ihnen will der Liebende die Freiheit des anderen besitzen, ohne sich zu schenken – eine zentrale Kritik von Malo. Nach der Auffassung der beiden Franzosen soll auch die geschlechtliche Vereinigung verschwinden. Ja sie widerstrebe dem Menschen sogar, weil sie ihren Sinn verloren hat, meinte Simone de Beauvoir. Aber so werden Person, Sexualität und Familie natürlich nicht möglich; zumal Abtreibung als Freiheitsakt der Frau gesehen wurde. Radikalfeministinnen wie Shulamith Firestone sehen inzwischen die Menschheit über die Natur hinauswachsen: „Wir können die Aufrechterhaltung einer diskriminierenden, auf Geschlecht basierenden Klassengesellschaft nicht länger damit rechtfertigen, dass sie ihre Ursprünge in der Natur selbst hat.“ Am deutlichsten hat Judith Butler dann das Geschlecht als kulturelle Konstruktion verstanden, für die die Unterscheidung zwischen männlich und weiblich nur eine Tarnung des männlichen Machtwillens ist. Durch Ritualisierung (Wiederholung) bestimmter sexueller Verhaltensmuster habe man sich auf ein traditionelles Grundmuster festgelegt, was aber keineswegs notwendig sei. Daher müssten auch die anderen LGBT-Formen der Sexualität mehr in den Vordergrund gerückt werden – für Butler gibt es keine endgültige Gender-Identität.

Es ist hoch interessant, Malos Ausführungen über die gegenwärtigen Diskussionen zu lesen und zu sehen, dass die Gender-Ideologie den Keim ihrer Zerstörung in sich trägt. Freier Wille und kulturelles Konstrukt sind die Hauptmerkmale dieser Ideologie, und „an die Stelle des alten marxistischen Paradieses ist eine effiziente Technologiegesellschaft getreten, in der sich alle Menschen alle ihre Wünsche erfüllen können – wohl die einzige Freiheit, die dem postmodernen Menschen geblieben ist“, heißt es bei Malo. Demgegenüber geht es ihm darum zu zeigen, dass der Mensch von Anfang an Mann oder Frau ist. Die Postmoderne verwechsle die je eigene Identität des Menschen mit dem Verlangen, auf verschiede Weisen zu sein. Die sexuelle Identität des Menschen gründet aber nach Malo im Gezeugt-Sein. Und damit schließt sich wieder der Kreis, wonach Sexualität, Ehe und Familie untrennbar zusammengehören. Regenbogenfamilien gehören dabei natürlich nicht zum Familienbild von Malo. „Die Autonomie der Aufklärung führte bis zur Selbsthabe“, schreibt die Religionsphilosophin Professor Hanna-Barbara GerlFalkovitz im Vorwort zum Buch und kritisiert die moderne Tendenz, das Geschlecht als ein selbstgemachtes „factum“ anzusehen. Dagegen hebt sie die „fruchtbare Asymmetrie“ der Geschlechter hervor, die den Reiz ihrer Beziehung ausmache.

Antonio Malo: Mann und Frau: Eine anthropologische Betrachtung zur Differenz der Geschlechter. Mit einem Geleitwort von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. Verlag Duncker & Humblot 2018, 155 Seiten, ISBN-13: 978-342815-

138-7, EUR 49,90