Kämpferinnen für die Weihe

Ein Porträt über unterschiedliche Typen von Frauenpriesterprotagonistinnen. Von Peter Winnemöller

Frau will katholische Priesterin werden
Jacqueline Straub (29) will „römisch-katholische Priesterin“ werden. Foto: dpa

Der Streit währt nicht erst seit gestern. Seit vielen Jahren gibt es Forderungen, Frauen zu Priestern zu weihen. Es wurde geforscht. „Inter insigniores“ von Papst Paul VI. und „Ordinatio sacerdotalis“ von Papst Johannes Paul II waren das Ergebnis. Die Glaubenskongregation bekräftigte diese Lehre als depositum fidei. Ende der Diskussion? Weit gefehlt. Angefangen beim Kirchenvolksbegehren 1995 über das Memorandum von 2011 bis hin zu Maria 2.0 wiederholt sich die Forderung Priesterweihe für Frauen. Nach Veröffentlichung der MHG-Studie im vergangenen Jahr erlebten wir ein Crescendo dieser Forderung. Frauen aus unterschiedlichen Kontexten mit unterschiedlichen Motivationen sind in dieser Mission unterwegs. Allen gemeinsam ist, die Lehrentscheidung der Päpste nicht hinnehmen zu wollen.

Die Jugendliche

Die jüngste Protagonistin unter jenen, die sich derzeit in den Medien bemerkbar machen, ist Jacqueline Straub. Straub ist Jahrgang 1990, sie hat Theologie studiert und arbeitet in der Schweiz als TV-Journalistin und Buchautorin. Das ist eine ganz normale Karriere für eine Frau unserer Tage. Manchmal predigt sie in Pfarreien. Das ist schon nicht alltäglich. Doch die junge Frau wartet darüber hinaus mit einer überraschenden Botschaft auf: Sie sagt, sie sei zur Priesterin berufen und strebe die Weihe an. „Ich lebe in der Hoffnung“, sagt die Theologin, „dass ich und viele andere Frauen unsere Berufung als römisch-katholische Priesterin leben dürfen.“

Berufung betrachtet die Kirche als Dreischritt aus Neigung, Eignung und Annahme durch die konkrete Gemeinschaft. Dazu sagt Jacqueline Straub, ihre Berufung werde von der Kirche gar nicht geprüft. Sie gesteht zu, dass es kein Recht auf die Weihe gibt und ergänzt: „Dennoch gilt es, die Prüfung der Berufung einer Frau zum dreigestuften sakramentalen Weiheamt theologisch und kirchenrechtlich zu ermöglichen und damit die Gleichheit der Startchancen (Gleichheit vor dem Gesetz) innerkirchlich herzustellen.“ Gegen die Haltung der Kirche, weibliche Berufungen zum Priesteramt nicht prüfen zu müssen, wendet sie ein: „Ist Gott so klein? Kann der Heilige Geist nicht auch in einer Frau wirken?“ Eben weil sie diese Berufung spüre, setze sie sich für Veränderungen ein.

Ein Wechsel in eine andere christliche Gemeinschaft kommt für sie nicht in Frage. „Mein Herz schlägt römisch-katholisch und das wird es auch bis zum Lebensende.“ Auch wenn es in fünfzig Jahren keine Priesterinnen in der Kirche gibt, betrachtet sie das nicht als Scheitern ihrer Mission. Junge Frauen, die sich ebenfalls berufen fühlen, bestärkt sie darin, ihre Berufung immer wieder zu prüfen und diese nicht zu verdrängen. Immerhin spreche ihrer Ansicht nach die Bibel für die Frauen. Einschlägigen Hinweisen der Bibelkommission im Vorfeld von „Inter Insigniores“ habe Papst Paul VI. keine Beachtung geschenkt.

Die Diplomatin

Der Kampf für das Frauenpriestertum im Gewand der Botschafterin mutet seltsam an. Anette Schavan war nach ihrem Rücktritt vom Ministeramt für vier Jahre Botschafterin beim Heiligen Stuhl in Rom. Davor hatte sie lange Jahre in Deutschland Politik gemacht, auch Kirchenpolitik. Von 1994 bis 2005 war Schavan Vizepräsidentin des ZdK. Bekanntermaßen streitet das ZdK massiv für die Öffnung aller Ämter für Frauen.

Auch wenn sie als Botschafterin nicht so ganz offen für das Priestertum der Frau eintrat, zwischen den Zeilen war es immer wieder mal zu hören. Vorher und hinterher gab es durchaus deutlicher kleruskritische, zumeist im Kern männerkritische Äußerungen. Schavan sprach dann von „geschlossenen Gesellschaften“ innerhalb der Kirche oder von Männerbünden. Schon im Jahr 1994 stellte sie eine Verbindung von Pflichtzölibat und dem Ausschluss der Frauen vom Weiheamt her, zudem betonte sie, Voraussetzung für den Kult sei es, sich auf Frauen nicht einzulassen. Den Kirchenstreik Maria 2.0 erlebte die Politikerin und ehemalige Botschafterin als ultimativ. Irgendwann reiße jeder Geduldsfaden, betonte sie im Interview mit dem SWR.

Die Politikerin

Das Zentralkomitee deutscher Katholiken ist ein beliebtes Feld für Funktionäre und Politiker aller Couleur. Hier ist der Zugang zu den Bischöfen unmittelbar. Die ehemalige Bundestagsabgeordnete Claudia Lücking-Michel ist schon seit 2005 Vizepräsidentin des ZdK. Als Theologin war sie für das Cusanuswerk und Misereor tätig. Viele Jahre hat sie in der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands KFD verschiedene Funktionen ausgeübt. Das ZdK ist die offizielle Vertretung der katholischen Laien in Deutschland. Es ist Gesprächspartner der Bischofskonferenz. Im Statut des Zentralkomitees, welches von den Bischöfen anerkannt ist, heißt es: „Das Zentralkomitee wirkt an kirchlichen Entscheidungen auf überdiözesaner Ebene mit und berät die deutsche Bischofskonferenz in Fragen des gesellschaftlichen, staatlichen und kirchlichen Lebens.“ Es setzt sich, so Claudia Lücking-Michel, für die Zulassung von Frauen zu allen Weiheämtern der Kirche ein. „Nicht die Zulassung von Frauen ist heute begründungspflichtig, sondern deren Ausschluss“, betont die Politikerin. Wenn das ZdK den Bischöfen und der Öffentlichkeit ihre Überzeugungen in der Frage der Weiheämter vortrage, so sei das die Wahrnehmung ihres Beratungsauftrages, stellt die Vizepräsidentin klar. Mit Kampf oder politischem Streit habe dies gar nichts zu tun. Auch wenn das Engagement in dieser Frage laut Lücking-Michel kein Kampf sein soll, hatte sich das ZdK offen hinter die Streikaktion „Maria 2.0“ gestellt. Zu den großen Herausforderungen gehöre ihrer Ansicht nach auch die Frage nach der zukünftigen Rolle der Frauen in der Kirche. Man werde sich seitens des ZdK mit dieser Haltung gemeinsam mit Priestern, Ordensleuten, Theologieprofessoren und Bischöfen auf den synodalen Weg begeben.

Die Nonnen

In Frauenklöstern sind so manche Schwestern in der Ämterfrage auf Krawall gebürstet. Die Generaloberin der Oberzeller Franziskanerinnen, Sr. Katharina Ganz, fragte bei Papst Franziskus sehr direkt nach, wie es denn mit dem Diakonat der Frau aussieht. Die Ordensfrau, die wie eine Managerin mit Kostüm, Bluse und Halstuch auftritt, nahm die Gelegenheit eines Treffens des Papstes mit Ordensoberinnen wahr. Sie sprach den Papst recht burschikos mit „Bruder Franziskus“ an. Die Antwort des Papstes war höflich, aber bestimmt. Derzeit gebe es keine Möglichkeit. Man forsche weiter, so Papst Franziskus. Sr. Katharina ist nicht allein. Die Priorin des Klosters Fahr in der Schweiz ist im Jahr 2006 für die Gleichstellung von Männern und Frauen 1 200 Kilometer nach Rom gepilgert. In Rüdesheim am Rhein steht die Abtei St. Hildegard. Dort lebt Sr. Philippa, die sich selber als Frauenrechtlerin bezeichnet. Die Frage der Gleichstellung von Männern und Frauen, auch hinsichtlich des Amtes, bezeichnet sie als eine Frage von Sein oder Nichtsein der Kirche.

Die Aufständische

Christiane Florin ist Journalistin beim Deutschlandfunk in der Redaktion „Religion und Gesellschaft“. Von Haus aus ist sie Politikwissenschaftlerin. Sie war beim Rheinischen Merkur als Redakteurin tätig. Nach dessen Ende leitete sie die Redaktion der ZEIT-Beilage „Christ und Welt“. Seit 2016 ist sie beim Deutschlandfunk. Ihr Blick auf die Kirche hatte sich verändert, nachdem sie die Redaktion von „Christ und Welt“ übernommen hatte. Erstmals, so Florin, habe sie sich professionell mit der Institution Kirche befassen müssen. Ihr Buch „Der Weiberaufstand“ von 2017 hatte für Diskussionen gesorgt. Das Buch sei eine Ermutigung zum begründeten Widerspruch und eine Aufforderung zum Perspektivwechsel. „Gleichberechtigung muss auch in der Kirche nicht erbeten werden, sie ist ein Recht, das Frauen vorenthalten wird“, unterstreicht Christiane Florin.

Nüchtern konstatiert die Journalistin die fehlende Geschlechtersolidarität. Nur weil Frauen das gleiche Geschlecht hätten, müssten sie nicht auch die gleiche Meinung haben. Eine Diskriminierung lasse sich nicht dadurch widerlegen, dass sich ein Teil der diskriminierten Gruppe nicht diskriminiert fühle. Darum sehe sie in der aktuellen Situation intellektuell diejenigen auf verlorenem Posten, die glaubten, es sei besonders klug, Kritik am „Weiberaufstand“ oder an „Maria 2.0“ von einer weiblichen Stimme formulieren zu lassen. In der Vielfalt der Streiterinnen für Gleichberechtigung der Frauen – nicht nur – in der Ämterfrage gibt es eine Gemeinsamkeit. Im Grunde können sich alle eine Kirche ohne weibliche Priester auch in 50 Jahren vorstellen. Christiane Florin bringt es so auf den Punkt: „Ja, ich kann mir gut vorstellen, dass es in 50 Jahren immer noch keine katholischen Priesterinnen gibt, denn die Kirchengeschichte zeigt, dass sich auf fragilen Argumenten ein stabiles Herrschaftssystem errichten lässt.“

Ein beendeter Streit ohne Ende

Mit „Ordinatio sacerdotalis“ sollte der Streit um die Weihe von Frauen beendet werden. Ein Blick in den Alltag der Kirche zeigt, dass der Streit zumindest im deutschsprachigen Raum wieder an Fahrt gewinnt.