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(K)ein Vorbild

Die lutherische Kirche in Lettland widersteht der Frauenordination.

Papst Franziskus traf bei seiner Baltikumreise im September 2018 auf Janis Vanags (2. v. l.), den Erzbischof der lutherischen Kirche von Lettland. Vanags ist ein Gegner der Frauenordination. Foto: lt

Was reformerisch gesinnte Katholiken für einen guten Reformvorschlag halten, die Weihe von Frauen zu Diakonen oder Priestern, wurde in der lutherischen Kirche Lettlands im Jahr 2016 wieder abgeschafft. Weltweit sorgte dieser „Rückschritt“ für einen Proteststurm seitens des Lutherischen Weltbundes und verschiedener, liberaler lutherischer Landeskirchen, die erheblichen Druck auf die lettischen Lutheraner ausübten, um sie von ihrem Vorhaben abzuhalten. Doch diese blieben standhaft und ließen seitdem nur noch männliche Bewerber für das Pastoren- oder Bischofsamt in der relativ kleinen lutherischen Kirche Lettlands mit rund 250 000 Mitgliedern zu.

Was waren die Gründe für diese umkämpfte Entscheidung der lettischen Lutheraner, die bisher im weltweiten Luthertum einmalig ist? Schon die Einführung der Frauenordination war in den 1970er Jahren in Lettland hochumstritten. Denn der damalige Erzbischof Janis Matulis hatte 1975 ohne einen entsprechenden Synodalbeschluss und somit relativ eigenmächtig einige Frauen zu Pastoren ordiniert und damit einen großen Proteststurm ausgelöst. Dessen Nachfolger erließ angesichts der anhaltenden Proteste zunächst ein Moratorium in dieser Frage. Knapp 25 Jahre später votierte eine kirchliche Synode dann doch mehrheitlich für die Zulassung von Frauen zum Prediger- und Pastorenamt. Als Janis Vanags, ein Gegner der Frauenordination, 1993 zum Erzbischof der lutherischen Kirche von Lettland gewählt und geweiht wurde, kam es in der Folgezeit zur Rücknahme der Frauenordination. Mit der erforderlichen Mehrheit von 80 Prozent der Stimmen nahm im Jahr 2016 die lettische Synode einen Antrag an, der die Zulassung zum Pastorenamt auf Männer beschränkte. Die fünf bis dahin ordinierten Pastorinnen durften weiterarbeiten. Hingegen wurden in der liberal orientierten, lettisch-lutherischen Kirche im Ausland, die von der Erzbischöfin Lauma Zuševica angeführt wird, weiterhin Frauen in das Pastoren- beziehungsweise Bischofsamt eingeführt.

Was sind die Gründe für die Rücknahme der Frauenordination? In erster Linie leiten sie sich von der biblischen Sicht und der lutherischen Tradition her. Martin Luther und andere Reformatoren hatten es im 16. Jahrhundert jeweils strikt abgelehnt, Frauen in das Predigeramt zu ordinieren. Sie begründeten ihre Haltung mit dem Verweis auf die Bibel, dass Jesus keine Frauen als Apostel berufen hatte. Auch die Urkirche berief oder weihte keine Frauen zu Aposteln, Diakonen oder Ältesten beziehungsweise Bischöfen, wie das Neue Testament bezeugt. Da entsprechend dem protestantischen „Dogma“ die Heilige Schrift der alleinige Maßstab (lat. sola scriptura) für das kirchliche Handeln sein soll, war somit die Ordination von Frauen in das Pastoren- oder Bischofsamt ausgeschlossen. Dies galt über 400 Jahre als ehernes Gesetz in allen Kirchen, die aus der reformatorischen Bewegung hervorgegangen sind.

Predigerinnen und Pastorinnen

Erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts begannen einige evangelische Freikirchen und Sekten mit der Zulassung von Frauen als Prediger oder Pastoren. Zur ersten Pastorin einer evangelisch-lutherischen Landeskirche in Deutschland wurde 1958 in Schleswig-Holstein die Theologin Elisabeth Haselhoff für die damalige Ev.-Luth. Kirche in Lübeck ordiniert. In den folgenden Jahrzehnten spielten die lutherischen Landeskirchen im Norden jeweils eine Vorreiterrolle für die Zulassung von Frauen in höchste Kirchenämter in Deutschland. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts folgten dann alle deutschen Landeskirchen diesem Schritt, zuletzt die von Schaumburg-Lippe. Die anfänglichen Proteste der Bekenntnisbewegung, von Pietisten und Evangelikalen verstummten im Laufe der Jahrzehnte in Deutschland, womit ein entscheidender Unterschied zum lettischen beziehungsweise baltischen, oft pietistisch geprägten Luthertum markiert ist, die dem biblischen Zeugnis und den lutherischen Bekenntnissen verbunden bleiben wollten.

Im Jahr 1992 wagte die damalige Ev.-Luth. Kirche in Nordelbien (Hamburg, Schleswig-Holstein) einen weiteren Schritt, der weltweit zu einem Dammbruch im Sinne der Frauenordination führte. Die feministische Theologin und Pastorin Maria Jepsen wurde als „Bischöfin“ in Hamburg eingesetzt. Hatte es in Hamburg über Jahrhunderte, entsprechend dem Diktum Luthers, überhaupt keine Bischöfe sondern nur „Hauptpastoren“ gegeben, riefen Lutheraner nun Jepsen zur „Bischöfin“ aus. 18 Jahre besetzte sie einen Bischofsstuhl, den es nach Martin Luthers Vorstellungen gar nicht geben konnte. Während Jepsen in ihrer Amtszeit von liberalen und feministischen „Schwestern“ und „Pastorinnen“ als Idol gefeiert wurde, verließen in ihrer Regierungszeit hunderttausende enttäuschte Kirchenmitglieder die damalige Nordelbische Landeskirche, die inzwischen mit den Landeskirchen Mecklenburgs zur „Nordkirche“ fusioniert wurde. Maria Jepsen musste 2010 wegen der Vertuschung eines sexuellen Missbrauchsfalles in ihrem Sprengel von ihrem Amt zurücktreten. Als ihre Nachfolgerin residiert inzwischen als Hamburger Regionalbischöfin die Theologin Kirsten Fehrs.

Verlangte man noch von den ersten zu Pastoren ordinierten Frauen, dass sie ehelos sein mussten, so ließ man diese Hürde im Zuge der 1968er Kulturrevolution fallen. Seitdem sind die meisten weiblichen Pastoren oder Bischöfe verheiratet oder geschieden. Die Scheidungsrate unter Pastoren, die traditionell sehr niedrig war, ist inzwischen auf einen Höchststand emporgeschnellt. Der langjährige Vorsitzende des vatikanischen Einheitssekretariats, Walter Kardinal Kasper, bemerkte einmal süffisant, dass von den damals fünf amtierenden evangelischen „Bischöfinnen“ in Deutschland vier geschieden seien.

Vorbild Margot Käßmann?

So auch Margot Käßmann, die wohl prominenteste „Bischöfin“, die 1999 als zweite Frau nach Jepsen in das höchste Kirchenamt der Hannoverschen Landeskirche gewählt wurde und später zur EKD-Chefin avancierte. Die Mutter von vier Kindern ließ sich als erste amtierende „Bischöfin“ 2007 von ihrem Mann, einem Pastor, scheiden, weil ihr angeblich „eine lebenslange Ehe nicht geschenkt worden sei“. Der erst 51-jährige Shooting-Star des Protestantismus musste 2010 nach einer Alkoholfahrt alle hohen Kirchenämter aufgeben. Gleichwohl gilt Margot Käßmann bis heute, auch vielen Reformkatholiken, als leuchtendes Vorbild für die Emanzipation von Frauen in der Kirche, für die Abschaffung des Zölibats und für die Zulassung von verheirateten Frauen und Männern in das Pastoren- bzw. Priester- oder Bischofsamt.

Ein Blick auf die beiden anderen Kirchen des Baltikums zeigt, dass die pietistischen Lutheraner Lettlands mit ihrer Haltung nicht alleine standen. Während die liberale, mit 167 000 Mitgliedern relativ kleine lutherische Kirche in Estland, bereits 1967 die Theologin Laine Villenthal (1922-2009) zur Pfarrerin ordinierte, blieb die Ev.-Luth. Kirche im mehrheitlich katholischen Litauen weiterhin der Bibel und den Lutherischen Bekenntnisschriften treu. Zu Beginn der 1990er Jahre diskutierte die litauische theologische Fakultät der Universität Klaipeda die Einführung der Frauenordination und befürworteten die Übernahme der liberalen und feministischen Theologie. Aber der damals amtierende Bischof sowie viele Pfarrer lehnten diese neue Interpretation ab. Ein geradezu klassischer Konflikt bildete sich somit zwischen der traditionellen lutherischen Theologie und der Kirchenleitung einerseits und der theologischen Fakultät andererseits ab. 1995 beantragten zwei litauische Theologinnen die Einführung der Ordination in das Pastorenamt, wobei sie von einem Vertreter der damaligen Nordelbischen Ev.-Luth. Kirche und einigen Mitgliedern der litauischen Kirchenleitung unterstützt wurden. Ihr Antrag scheiterte jedoch, denn bis heute werden keine Frauen in der lutherischen Kirche Litauens ordiniert.

Die Konflikte um die Einführung der Frauenordination in das Pastoren- oder Bischofsamt im Baltikum sind auch für die derzeitigen Diskussionen um die Abschaffung des Pflichtzölibates beziehungsweise der Zulassung von verheirateten Männern und Frauen in das Diakonen-, Priester- oder Bischofsamt in der katholischen Kirche („synodaler Prozess“) erhellend. Die entsprechenden Diskussionen und geäußerten Reformvorstellungen waren im Baltikum hauptsächlich zeitgeistig, liberal oder feministisch motiviert. Im Hintergrund der sogenannten Reformer stand dabei die weitgehende Aufgabe der Heiligen Schrift als alleinigem Maßstab sowie der entsprechenden lutherischen Bekenntnisse.

Das Beispiel Estlands zeigt, dass eine aufklärerische Universitätstheologie führend in der Aufweichung des biblischen Fundamentes und der kirchlichen Bekenntnisse wirkte, wie dies auch in theologischen Fakultäten Deutschlands in den letzten Jahrzehnten zu beobachten war. Dass eine Kirchenleitung bzw. die Priester und Bischöfe diesem zeitgeistigen Mainstream erfolgreich widerstehen können, zeigt das Beispiel Lettlands und Litauens. Interessant ist im Rückblick auch, dass seelsorgerliche Motive – ob Frauen nun besser oder schlechter für bestimmte Aufgaben geeignet seien – in der tatsächlichen Diskussion über die Annahme oder auch die Rücknahme der Frauenordination nahezu keine Rolle gespielt haben.