Heiligkeit ist möglich

Josefmaria Escrivá lehrte bereits in den 1930er Jahren die Heiligkeit im Alltag. Von Robert Weber

Josefmaria Escrivá, der Gründer des Opus Dei, wurde von Papst Johannes Paul II. 1992 selig- und 2002 heiliggesprochen. Foto: dpa

Gott überrascht uns in den Heiligen und ruft durch sie auf immer wieder neue Weise zur Nachfolge auf. Und so ziehen sie wie Steine, die ins Wasser geworfen werden, in der Geschichte der Kirche und der Welt auf allen Kontinenten und die Jahrhunderte hindurch immer wieder neue Kreise der Heiligkeit. Der heilige Josefmaria Escrivá (1902 bis 1975) ist einer von ihnen. Papst Johannes Paul II. nannte ihn den „Heiligen des Alltäglichen“.

Heiligkeit ist nichts Abgehobenes, etwas, das ein paar besonders eifrigen Spezialisten vorbehalten ist, sondern, wie Papst Franziskus es in seinem jüngsten Schreiben Gaudete et exsulate treffend formuliert: Der Heilige ist der „Heilige von nebenan“. Der heilige Josefmaria hatte in den 1930er Jahren bereits davon gesprochen, dass Heiligkeit im Alltag für jede und jeden möglich ist. Nach langem Suchen und Beten hatte der damals 26-jährige Priester am 2. Oktober 1928 in einem mystischen Erlebnis die Sendung erhalten, die allgemeine Berufung zur Heiligkeit zu verbreiten, eine Botschaft, die, wie er sagte, wie das Evangelium „alt und neu“ zugleich war. Denn so sehr das Evangelium unmissverständliche Aufrufe zur Heiligkeit enthält, und so sehr den ersten Christen noch klar war, dass sie als Bürger ihres Landes in ihrem Beruf und Stand Licht und Sauerteig sein sollten, so sehr war dieses Selbstverständnis über die Jahrhunderte aus dem Bewusstsein und der Praxis der Gesellschaft entschwunden.

„Die Heiligen überraschen, verwirren, weil ihr Leben uns einlädt, aus der ruhigen und betäubenden Mittelmäßigkeit hinauszugehen“, schreibt Papst Franziskus. Und tatsächlich: Mit der Botschaft, dass jeder zur Heiligkeit berufen sei, im „Gewühl des Alltags“, irritierte und verblüffte der Gründer des Opus Dei seine Zeitgenossen. Manchen schien das Ansinnen dieses jungen spanischen Priesters damals zu kühn. Aus der frohen christlichen Bürgergesellschaft war eine triste verbürgerlichte Gesellschaft geworden. An diese trat Josefmaria Escrivá mit einer aufrüttelnden Einladung heran: „Gott ruft Euch auf, ihm gerade in den materiellen, weltlichen Aufgaben des menschlichen Lebens und aus ihnen heraus zu dienen. Im Labor, im Operationssaal eines Krankenhauses, in der Kaserne, auf dem Lehrstuhl einer Universität, in der Fabrik, in der Werkstatt, auf dem Acker, im Haushalt, in diesem ganzen, unendlichen Feld der menschlichen Arbeit wartet Gott Tag für Tag auf uns. Seid davon überzeugt: Jede noch so alltägliche Situation birgt etwas Heiliges, etwas Göttliches in sich, und euch ist aufgegeben, das zu entdecken.“

Escrivá war ein leidenschaftlicher Liebhaber der Welt, so wie sie aus den Händen Gottes hervorgegangen war. Da er aber Priester war, konnte er seine in erster Linie an die Laien gerichtete Botschaft – die Heiligung mitten in der Welt – seriöserweise nicht selbst letztgültig verkörpern und beglaubigen. Es ist daher wenig verwunderlich, dass er Hand in Hand mit der Verkündigungssendung von Gott zusätzlich den Auftrag erhielt, eine Gründung vorzunehmen, die schließlich unter der Bezeichnung „Opus Dei“ (Werk Gottes) in die Kirchengeschichte eingegangen ist – dass der heilige Josefmaria daran festhielt, dass Gott der Gründer und er nur das Werkzeug war, ist dabei letztlich nur eine Pointe.

Es gibt jedenfalls heute wohl kaum einen Beruf, der in diesem Werk nicht vertreten ist: vom Bauern bis zur Ministerin, vom Manager bis zur Musikerin, vom Studenten – dessen Studium „eine schwere Verpflichtung ist“, wie der heilige Josefmaria betonte – bis zur Hausfrau, die sich mit allen Kräften ihrer Familie widmet. Die Realität des Opus Dei ist so bunt wie das Leben selbst: Frauen und Männer, die sich in der Familie, in der Arbeit, in der Gesellschaft, in der Freizeit um eine frohe Christusnachfolge bemühen: mit beiden Beinen fest auf der Erde, wie Escrivá gerne sagte, und mit dem Kopf im Himmel. Anders gesagt: kontemplativ inmitten der Welt. Im Rückblick zeigt sich, dass Escrivá ein „Vorläufer des Zweiten Vatikanischen Konzils“ war, wie es ihm Papst Franziskus und andere beschieden.

Die Botschaft, die Gott dem heiligen Josefmaria anvertraut hatte, war alles andere als abstrakt. Ihm ging es darum, aufzuzeigen, wie „der gewöhnliche Christ“ im Alltag, in den tagtäglichen Sorgen und Herausforderungen, im scheinbaren Einerlei der Abläufe und Aufgaben, im tagtäglichen Krimskrams, die Fülle des christlichen Lebens erreichen kann.

Eine unabdingbare Voraussetzung ist dabei natürlich ein lebendiges persönliches Innenleben, das eine innige freundschaftliche Beziehung mit Jesus Christus einschließt, ein bewusstes Dasein vor den Augen Gottes, unseres Vaters, ein hoffnungsfrohes Zusammenwirken mit dem Heiligen Geist, dem Treiber der Heiligung jedes Christen, ein vertrauter Umgang mit der Muttergottes, mit dem heiligen Josef und dem Schutzengel. Neben dem Gebet sind der regelmäßige Sakramentenempfang, allen voran der Eucharistie und der Beichte, das Um und Auf jeglichen ernsthaften Bemühens um die Heiligkeit.

Doch das ist nur die eine Seite der Münze. Die andere Seite nimmt den Mitmenschen in den Blick, angefangen von der eigenen Familie, den Freunden, Kollegen bis hin zum Fremden, der in seiner Not zum Nächsten werden muss. Zahlreiche Sozialinitiativen entstanden auf geistlichen Antrieb des Heiligen aus der gemeinsamen Sorge um sozial Benachteiligte oder Notleidende. Jeder Einzelne aber ist gerufen, sich aktiv an der Weitergabe des Evangeliums, an der Sorge um die Seelen zu beteiligen, basierend auf echter Freundschaft, nach dem Vorbild Christi und der Apostel. Eine Heiligkeit ohne apostolischen Eifer war für den heiligen Josefmaria nicht vorstellbar.

Beides, Innenleben wie Apostolat, sind nicht authentisch ohne die persönliche Bewährung, die persönliche Hingabe, den dienstbereiten Einsatz für die Gestaltung und Humanisierung der Welt in der beruflichen Arbeit. Sie war für den heiligen Josefmaria der Ort, wo die Begegnung und Einswerdung mit Christus, der selbst viele Jahre verborgen als Handwerker lebte, gelingen kann, wo die Miterlösung mit Christus stattfindet. Darauf weist der geheimnisvolle Satz hin, der auf dem Buch zu lesen ist, das zu Füßen der Marmorstatue des heiligen Josefmaria liegt, die in einer Außennische des Petersdoms in Rom aufgestellt wurde; sie ist vom Sakristeigang aus zu sehen: Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle an mich ziehen (Joh 12,32).

Der Autor ist seit 2017 Regionalvikar des Opus Dei für Österreich.