Die schwarze Madonna in Polen

Tschenstochau und seine Schwarze Madonna. Von Barbara Wenz

Jasna Gora
Kapelle und Festung zugleich: Der Eingang zur Kapelle in Jasna Gora. Foto: KNA
Jasna Gora
Kapelle und Festung zugleich: Der Eingang zur Kapelle in Jasna Gora. Foto: KNA

Die Schwarze Madonna von Tschenstochau in Polen: Sie ist dunkel und schön. In ihrer Kapelle auf dem Hellen Berg, schlägt das Herz einer ganzen Nation.

Maria ist hier nie erschienen wie in   Lourdes  , Fatima oder Guadalupe – sie ist schlicht einfach da, seit sechzehn Paulinermönche aus Ungarn im Jahre 1382 nach Tschenstochau kamen und vom Prinzen von Opole eine kleine Kirche auf dem fast 300 Meter hohen Hügel als Spende erhielten, um dort das Gnadenbild aufzubewahren.

Geschichte und Legende um die Ikone der Gottesmutter

Von Kunsthistorikern in ihrer Entstehung auf das sechste bis neunte Jahrhundert datiert, erzählt die Überlieferung von dieser rätselhaften und bemerkenswert schönen Ikone eine erstaunliche Geschichte: Sie sei vom Evangelisten Lukas gemalt worden, auf die Holzplatte jenes Tisches aus dem Heiligen Haus in Nazareth, an dem Maria und Josef zusammen mit Jesus gesessen haben.

Es sei Kaiser Konstantin gewesen, der sie von Jerusalem mitgebracht und in Konstantinopel aufbewahrt habe, bis sie nach sechshundert Jahren einem russischen Fürsten geschenkt und wiederum von Wladislaw von Opole nach seinem Feldzug im Gebiet der Rus in einem Schloss bei Kiew aufgefunden und mitgebracht wurde.

Die Entwicklung zu einem beliebten Wallfahrtsort

Bald schon wurde der Konvent mit der hölzernen Kirche und der wundertätigen Ikone der Gottesmutter darin zu einem beliebten Wallfahrtsziel, dem die Pilger schon damals reiche Weihegaben zuwendeten. Das Antlitz Mariens war zu diesem Zeitpunkt noch unversehrt; heute ist es gezeichnet von drei Schwerthieben auf der rechten Wange, die den suggestiven Ausdruck ihres schwermütigen Blickes noch erhöhen. Sie stammen von einem Überfall auf das Kloster an Ostern 1433 während der Hussitenkriege: Dabei wurde nicht nur die Kirche ausgeplündert, sondern auch der Altar geschändet und die Ikone aus Lindenholz auf den Boden geworfen und mit Säbeln traktiert. Trotz aller Bemühungen gelang es den Restaurateuren nicht, die Scharten gut genug zu übermalen, weshalb man beschloss, sie als eindrückliche Erinnerung an diese Gottlosigkeit erst recht mit dem Griffel nachzuziehen. Es ist, als ob man bereits im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts darum gewusst hätte, was für dunkle Zeiten dem polnischen Volk und seiner und unserer ganzen Kirche noch bevorstünden – die Geschichte dieser wundertätigen Ikone der Gottesmutter in Tschenstochau liest sich wie ein historischer Roman.

Ein Land unter der Schutzherrschaft der Muttergottes

Ab 1638 wurde Jasna Gora zur „fortalitum marianum“ umgebaut – zu einem Bollwerk Mariens. Sie schenkte den Ihren den Sieg, wie etwa 1655 gegen eine schwedische Übermacht, als unter dem damaligen Prior Pater Augustinus Kordecki ein Häuflein von 140 Soldaten und Adelsleuten sowie ganzen 70 Mönchen Widerstand gegen drei Bataillone der Schweden leisteten und das gesamte Land sich daraufhin gegen die Eindringlinge erhob.

Es war König Johannes Kasimir, der in der Folge der Ereignisse am 1. April 1656 das ganze Land unter die Schutzherrschaft der Muttergottes von Tschenstochau stellte und sie zur Königin Polens erhob.

Die Schwarze Madonna ist eng mit der Geschichte Polens verwoben

Die Schwarze Madonna auf ihrem hellen Berg sah Herrscher kommen, Reiche fallen, Polen in Auflösung und aus der Asche wiedererstehen. Wer sie in ihrer Kapelle dort besucht, den weht der Hauch der Geschichte und das wechselhafte Schicksal eines ganzen Volkes an. Auch wenn Maria selbstverständlich zur ganzen Christenheit gehört – in Tschenstochau treffen wir sie an als Königin und Mutter einer Nation, die immer wieder bei ihr Zuflucht, Schutz und Schirm gefunden hat, weil sie ihr treue und entschiedene Verehrung entbot.

„Der Sieg wird, wenn er kommt, der Sieg der heiligen Muttergottes sein!“

August Hlond

Nach den ausländischen Invasoren wie den Schweden, den Russen, den Franzosen zu Napoleons Zeiten und den deutschen Nationalsozialisten, die im Januar 1945 das Kloster besetzt hielten, aber nach einem überraschenden Panzerangriff der Russen Hals über Kopf flohen, galt es, der neuen Gefahr, die der Kirche durch die Installierung des Kommunismus drohte, zu begegnen. 1948 sprach der damalige polnische Primas August Hlond auf seinem Totenbett die prophetischen Worte: „Der Sieg wird, wenn er kommt, der Sieg der heiligen Muttergottes sein!“

Die schwarze Madonna und der Papst

Die Schwarze Madonna hat nicht nur Angreifer, sondern auch Päpste kommen und gehen sehen. Und was die Gottesmutter in Fatima, im äußersten Westen des alten Europas, bereits angekündigt hatte, das sollte sich am Ende im östlich gelegenen Polen bewähren: Der Kommunismus scheiterte, oberflächlich betrachtet aus politisch-profanen Gründen. Was Papst Paul VI. noch verwehrt blieb, das wurde dank göttlicher Vorsehung dem ersten polnischen Papst Johannes Paul II., Karol Wojtyla, zuteil. Er konnte im Jahre 1979 eine Wallfahrt zu seiner geliebten Maria nach Jasna Gora unternehmen, die er mit den – im Hinblick auf den Mauerfall zehn Jahre später – geradezu trotzig anmutenden Worten eröffnete: „Der Wille Mariens geht in Erfüllung: Ich bin hier!“

Jasna Gora und seine Schwarze Madonna haben sich deshalb nicht nur in die Geschichte Polens und in das Schicksal des polnischen Volkes eingeschrieben, sondern auch in das Schicksal der Kirche, ihrer Päpste und ganz Europas.

Über vier Millionen Pilger kommen jährlich

Heute kommen zwischen vier bis fünf Millionen Pilger im Jahr, nicht nur aus Polen, sondern auch aus Übersee, zur Audienz bei der milde blickenden Mutter mit den Narben auf der Wange und dem Jesuskind auf dem linken Arm. Ihr Bildnis ist reich geschmückt mit Kleidern aus Diamanten und Rubinen, sie wurde mehrfach gekrönt.

Reproduktionen dieser Ikone lassen nicht einmal entfernt erahnen, welchen stillen Zauber und welche geistliche Strahlkraft sie vor Ort entwickelt, in ihrer Kapelle mit dem mächtigen silbergeschmückten Hochaltar aus kostbarem Ebenholz. Tota pulchra est!

Auch die deutsche Bundeswehr pilgert nach Tschenstochau

Myriaden von Halsketten aus Bernstein und Koralle, Weihegaben von katholischen Frauen, säumen die Seitenwände zum Ebenholzaltar. Die ganze Kapelle ist behängt mit Votivherzen, mit winzigen silbernen Babypüppchen als Dank für einen erhörten Kinderwunsch, mit Gaben von Soldaten, die heil aus dem Gefecht zurückkommen durften.

Seit einigen Jahren ist es auch gute Tradition in der deutschen Bundeswehr, gemeinsam mit polnischen, slowakischen und litauischen Soldaten im August zu Fuß von Warschau nach Tschenstochau zu pilgern. Die Gottesmutter mit dem verletzten Gesicht mag dabei nicht nur so manche verletzte Seele geheilt haben. Sie hat das polnische Volk während der letzten sechshundert Jahre durch alle Höhen und Tiefen getragen, sie bleibt die Königin und Schutzherrin dieser einzigartigen Nation, aber noch vielmehr kann sie dieser Tage Wunder wirken – als Mutter der Kirche, die den Weg weist für ein verirrtes Europa.

Die Pforten des Klosters öffnen täglich von 5 bis 21.30 Uhr. Die Öffnungszeiten der Kapelle der Schwarzen Madonna sind jeweils von 6-12 Uhr, 15-19:15 und 21-21.15.

Mehr nützliche Informationen gibt es auf folgender Seite:

polen.travel/de