Das letzte Glück lässt sich suchen, aber nicht erzwingen

Der Priester Andreas Wollbold schreibt einen (Kriminal-)Roman, der auch für die Neuevangelisierung interessant ist. Von Urs Buhlmann

Benediktinerkloster in Weingarten
Unheimliches passiert in dem Klosterroman, in dem auch Anklänge an große Theologen zu finden sind. Foto: dpa
Benediktinerkloster in Weingarten
Unheimliches passiert in dem Klosterroman, in dem auch Anklänge an große Theologen zu finden sind. Foto: dpa

Romane über Priester gibt es reichlich, auch heute. Doch dass ein Priester selber als Romanautor hervortritt, ist, seit Jonathan Swift, der anglikanische Dekan von Dublin, 1726 „Gullivers Reisen“ vorlegte, selten geworden. Auch Andreas Wollbold ist Dekan, und zwar der Katholisch-Theologischen Fakultät von München, Priester des Bistums Trier und profilierter Pastoraltheologe, der zur Lebenssituation des Priesters Wegweisendes vorgelegt hat. Er ist auch Autor nicht-theologischer Literatur, hat nach einer Erzählung nun einen veritablen Roman veröffentlicht. „Felapton“ ist ein richtiger Kriminalroman mit jeder Menge Toten, aber auch eine philosophische Denkübung zur Frage, was den Menschen wirklich glücklich macht. Denn die fünf Männer, die eines kalten Wintermorgens im Keller eines fast schon aufgegebenen Münchener Klosters tot aufgefunden werden, weisen zwar keine äußerlich sichtbaren Verletzungen auf, wohl aber ein überirdisch wissendes Lächeln. Jeder, der sie oder auch nur Photographien von ihnen sah, fragt sich nun: Was ist hier geschehen, und warum schauen die Fünf so glücklich in ihrem letzten Moment?

Die Geschichte, die Wollbold entfaltet, ist gut und trägt über das ganze Buch, bei der Sprache bemüht er sich um Anschluss an heutiges „suspense writing“, die Kunst also, spannend zu schreiben. Doch ist sein Buch mehr als ein gelungener Kriminalroman, was man, ehrlich gesagt, auch erwarten möchte, wenn ein Priester sich dieses Genres bedient. Es geht um nichts weniger als um die Frage, was wirklich glücklich macht im Leben und ob dieses echte, bleibende Glück mit den Mitteln dieser Welt überhaupt zu erreichen ist. Das fällt in die Kernkompetenz eines Priesters, könnte man sagen, aber Wollbold ist – zum Glück – nicht in die naheliegende Falle getappt, ein frömmliches Mut-mach-Buch zu verfassen und die Religion als Antwort auf alle Fragen anzupreisen. Er geht insofern diskret mit dem Christentum um, als er zunächst dessen Außenseitertum in einer weitgehend gottfernen Welt ernst nimmt.

Die wichtigste Gestalt im Buch, Robert Schönherr, ist selber ein solcher. Am Asperger-Syndrom leidend, ist der Philosoph und begnadete Logiker Schönherr zum Gründer einer eigentümlichen, klösterlich lebenden Gemeinschaft von Randständigen geworden, die nun ein so tragisches und plötzliches Ende genommen hat. Er selber wird nicht bei den Toten aufgefunden, so dass sich der erste Verdacht wegen der Todesfälle gegen ihn richtet. Über weite Strecken bildet der Roman die Suche nach dem verschwundenen und am Ende wirklich mit allen Mitteln gesuchten Schönherr ab. Das ist wahrlich packend geschrieben; vor dem geistigen Auge kann man sich das durchaus auch verfilmt vorstellen, vielleicht mit Tom Cruise in der Hauptrolle. Aber auch die anderen Charaktere sind scharf gezeichnet: Jens und Julia, erfolgloser Fotograf und erfolglose Studentin, mit jeweils eigener Form des Unglücklich-Seins, die per Zufall mit dem Geschehen in Berührung kommen und schnell merken, dass Robert am Tod der Fünf unschuldig ist. Sie sind ihm von nun an ebenso auf der Spur wie eine höchst sinistre und mafiöse Geheimorganisation, die den Tod der fünf Klosterbrüder mit der Wirkung einer geheimnisvollen Droge in Verbindung bringt, als deren Erfinder sie Robert Schönherr ansieht und in deren Besitz sie nur zu gerne kommen möchte. Dann gibt es da noch den windigen Zeitungsmacher und Enthüllungs-Journalisten Jack, der die große Story wittert und am Ende seiner eigenen Gier zum Opfer fällt, und den zynisch-abgeklärten Kriminal-Kommissar Landolf, dem der merkwürdige Fall Gelegenheit gibt, sich seiner tiefsitzenden Kirchen-Ressentiments zu vergewissern.

Einige Kompetenz kann der Autor bei der Schilderung universitärer Gestalten und Phänomene für sich in Anspruch nehmen, und das kostet Wollbold auch leidlich aus. Der emeritierte Inhaber des Lehrstuhls am „Institut für logische Grundlagenforschung der Universität“, an dem Robert Schönherr eine Assistenten-Stelle innehatte, Werner Rautloff, ist ein Professoren-Figur wie aus dem Leben in seiner Eitelkeit, Verletzlichkeit, aber auch im Unverständnis über die modernen Zeiten, in der selbst eine Elfenbein-Disziplin wie die philosophische Logik ihre Nützlichkeit beweisen muss, um Drittmittel einzuwerben.

Logisches Denken und Herzensgüte sind gefragt

Rautloff war Robert wohl gewogen, hat aber am Ende seinen zweiten Assistenten als Nachfolger vorgeschlagen, der dann als sogenannte Hausberufung neuer Institutschef wurde, der ehrgeizzerfressene, mächtig schwadronierende und letztlich ganz leere Frederic Brescher. Er ist das in allen schwarzen Farben leuchtende negative Pendant zu Robert Schönherr. Einer von diesen Typen, denen über lange Strecken alles zu gelingen scheint, die dann aber noch zu Lebzeiten von der göttlichen Gerechtigkeit zur Verantwortung gezogen werden. Für ihn hat sich Wollbold ein besonders schlimmes Ende ausgedacht, aber Gefühle des Bedauerns stellen sich beim Leser nicht ein. Es gibt diese Typen im akademischen Leben, die andere ausnutzen, nur an sich denken, tatsächlich aber Blender mit geringer eigener intellektueller Kapazität sind. Natürlich hat recht, wer einwendet, dass sich derartige Figuren in jedem Arbeits-Umfeld tummeln. Doch hat die akademische Welt mit jener der Kirche gemeinsam, dass die moralische Fallhöhe eine andere ist und die akademische Redlichkeit eigens beschworen wird.

Vollends in seinem Element ist der Autor in der Schilderung des kirchlichen Personals, das ja eine Rolle zu spielen hat in einer Handlung um eine hoffnungsvolle Klostergemeinschaft, die plötzlich ausgelöscht wird. Da gibt es eine schweigsame, aber aufrecht handelnde und kluge Ordensschwester und einen Weihbischof, der überhaupt nicht schweigsam ist und anfangs seine Hand über die von den Wegrändern des Lebens herbeigeholte Schar von jüngeren Männern gehalten hatte, deren Superior ad experimentum Robert Schönherr gewesen war. Mit Weihbischof Rasso Merkur – allein der Name ist eine Verheißung – ist Wollbold ein Schmankerl gelungen. So würde man in München sagen, dem hauptsächlichen Handlungsort des Buches; man muss eilig hinzufügen, dass keiner der aktuell amtierenden Münchner Weihbischöfe mit ihm gemeint sein kann. Der Autor nennt den Oberhirten „vielleicht gläubig“, und man könnte hinzufügen, dass er zumindest an sich selber glaubt. Die Exzellenz lebt natürlich in einem Schloss „unweit des Englischen Gartens“. Eigentlich für eine Laufbahn in Rom bestellt, zwang „ihn eine chronische Migräne und die unausrottbare Fremdheit des feingeistigen Oberbayern in der für ihn geistlosen, schmutzigen und beinahe ganzjährig versmogten italienischen Hauptstadt die kuriale Karriere aufzugeben und in die geliebte Heimat zurückzukehren, wo man ihn rasch und reibungslos in die diözesane Hierarchie integrierte“.

Doch wird Weihbischof Rasso auch in Zwischentönen und nicht nur unsympathisch geschildert. Die heimliche zweite Hauptfigur des Buches ist aber der als Landpfarrer bei München amtierende Dr. Kerninger – auch hier möge man auf den Namen achten – der eine große Rolle beim Verstehen des schwierigen Robert spielt und der am Ende Züge eines Pater Brown entwickelt und entscheidend zur Aufklärung des Geschehens beiträgt. Vor allem haben wir in ihm niemand anderen als den emeritierten Papst Benedikt XVI. zu erblicken, wenn, ja wenn, dessen Habilitierung seinerzeit nicht durchgegangen wäre. Bekanntlich tat sich Joseph Ratzinger mit dem damals die Münchner Fakultät beherrschenden Michael Schmaus sehr schwer. Es fehlte nicht viel und die akademische Laufbahn Ratzingers hätte gar nicht erst begonnen, mit allem, was dann daraus noch folgte und werden sollte. Die Idee, eine ratzinger-hafte Gestalt in der Person dieses supergescheiten, aber durch universitäre und kirchliche Intrigen ausgebremsten Priesters einzuführen, der dann durch echt logisches Denken, aber vor allem Herzensgüte eine entscheidende Rolle bei der Aufklärung des verwirrenden Geschehens und der Rehabilitation des zunächst geflüchteten Robert spielt, ist wirklich ein Clou und verleiht dem Buch eine eigene Qualität. Kein „weltlicher“ Schreiber wäre darauf gekommen.

Die Auflösung des Geschehens, die Andreas Wollbold schlussendlich präsentiert, ist nicht aufdringlich sensationell, dafür nachvollziehbar und eindringlich. Wollbold, der auch als theologischer Wissenschaftler gerne die Grenzen seines Faches überschreitet, ist ein Buch gelungen, das selbst ein wütender Kirchenfeind mit Spannung und Interesse lesen kann, das man aber vor allem jenem skeptischen Zeitgenossen in die Hand drücken kann, der nicht so recht weiß, was er von der christlichen Botschaft und der Kirche als deren sichtbare Repräsentanz halten soll. Der Münchner Professor hat das Kunststück fertiggebracht, in eine packende Handlung immer wieder kleine Widerhaken einzulassen, die unaufdringlich auf Eckpunkte gelebten Christentums aufmerksam machen und so zu einer Neuevangelisierung in Roman-Form beitragen.

Andreas Wollbold: Felapton oder Das letzte Glück. Philosophischer Roman. Verlag Karl Alber, Freiburg/München, 2018, 404 Seiten, ISBN 978-3-495-

48866-9, EUR 24,–