Auf den Spuren einer Heiligen

Biografischer Roman über Katharina Kaspar, die am 14. Oktober heiliggesprochen wird. Von Annalia Machuy

Warum ist diese Frau heilig? – Carlas Chef ist neugierig. Das wenige, was er über Katharina Kasper, die Ordensgründerin der Armen Dienstmägde Jesu Christi, gehört hat, fasziniert ihn so sehr, dass er die junge Journalistin beauftragt, mehr über die Selige herauszufinden. Nur widerwillig macht sich Carla auf den Weg ins Mutterhaus des Ordens nach Dernbach im Westerwald. Doch dort, wo sie trockene Recherche vermutet, trifft sie in Mutter Katharina auf eine beeindruckende und immer noch lebendige Gestalt, die nicht nur zu ihrer Zeit sehr segensreich gewirkt hat, sondern auch Carlas Leben Schritt für Schritt verändert.

Nicole Winkelhöfer (Schwester M. Theresia) gehört selbst zum Orden der Armen Dienstmägde Jesu Christi, auch Dernbacher Schwestern genannt. Mit Carlas Geschichte hat sie eine fiktive Rahmenerzählung entworfen, die den Leser behutsam und spannend an das Leben Katharina Kaspers heran- und immer tiefer in ihr Denken einführt. Ihre Darstellungen beruhen dabei auf verschiedenen Chroniken des Ordens, gesammelten Notizen der Seligen und den wenigen Veröffentlichungen, die es bereits zu Katharina gibt. Immer wieder kommen die Chronisten und Katharina selbst in Carlas Recherchen zu Wort und lassen so ein authentisches Bild der Ordensfrau entstehen, die Papst Franziskus am 14. Oktober in Rom heiligsprechen wird. Noch ist Katharina eher unbekannt, doch ein Blick auf ihr Leben lohnt sich: Ihr Charisma ist nach wie vor außergewöhnlich, ihre Spiritualität alltagsnah und zeitlos.

Katharina Kasper wurde am 26. Mai 1820 als Tochter einer armen Bauersfamilie in Dernbach geboren. Schon als Kind betete sie gerne und liebte es, anderen Gutes zu tun und ihnen von Gott zu erzählen. Da sie oft krank und zudem bei der Feldarbeit eingebunden war, konnte sie die Schule nur unregelmäßig besuchen, zeigte sich dort jedoch fleißig und intelligent. Nach ihrer ersten heiligen Kommunion wuchs in ihr zunehmend das „Bedürfnis nach einem geistlichen Leben“. Dabei fühlte sie sich in ihrer Unwissenheit von Gott selbst geführt: „Er sprach zu mir, belehrte mich und ich meinte, das wäre bei allen Leuten so.“ Nach einer Generalbeichte im Jahr 1842 erkannte Katharina immer deutlicher ihre Berufung, armen Menschen in ihrer Not zu helfen und „ihren Seelen nützlich zu werden“. Sie begann, soweit es für sie möglich war, Kranke zu pflegen und zu betreuen und bemühte sich, mit allen Menschen in ihrer Umgebung über Gott und eine christliche Gestaltung des Lebens zu sprechen: „Obwohl sie selbst niemals von außen her Belehrung erhalten hatte, wusste sie doch Eltern und Kinder, junge Männer und Frauen zu belehren über ihre Pflichten, Gefahren, Versuchungen, Tugenden, und dies in einer Weise, dass jeder erkannte, dass der Geist Gottes in ihr wirkte und durch sie, das armselige Werkzeug, redete und ihren Worten außerordentlichen Eindruck verlieh.“ Krankenpflege und Lehrtätigkeit sollten später auch die zwei Hauptbereiche ihres Ordensapostolates werden. Nachdem sich Katharina einige einzelne Frauen angeschlossen hatten, begann sie mit Zustimmung des Bischofs und unter großen finanziellen Schwierigkeiten, doch immer im Vertrauen auf Gottes Hilfe, ein kleines Haus für die noch lose Gemeinschaft zu bauen. 1850 gab der Bischof dem „Verein“ eine Regel „als Richtschnur für die äußere Wirksamkeit und eigene Heiligung“, im August des darauffolgenden Jahres legten Katharina und vier weitere Frauen ihre Gelübde ab und wurden eingekleidet. In der folgenden Zeit wuchs die bei der Bevölkerung beliebte Gemeinschaft rasch an und immer mehr junge Frauen baten um Aufnahme. Trotz seiner bisweilen aufreibenden äußerlichen Tätigkeiten verstand sich der junge Orden in erster Linie als „Verein zur Ausbreitung der Tugend durch Beispiel, Belehrung und Gebet“ mit dem Ziel, „Gott zu verherrlichen in restloser Erfüllung seines Willens durch Selbstheiligung und werktätige Nächstenliebe“. Den Willen Gottes erfüllen – das war Katharinas einziges Streben. Alles nahm sie an als Gabe aus der Hand Gottes, auch Schwierigkeiten, Konflikte und Probleme, an denen es nicht mangelte. Finanzielle Krisen, politische Restriktionen in der Zeit des Kulturkampfes, Verleumdungen und Diffamierungen – Mutter Maria (so ihr Ordensname) ertrug, nicht ohne darunter zu leiden, alles mit beeindruckender Geduld und Gelassenheit. Ihre größte Sorge blieb immer die Erfüllung des Willens Gottes: „O mein Jesus, lasse mich, O lasse mich doch einmal Dir ganz angehören. Mache mich, wie Du mich haben willst, wirke, leide und liebe Du in mir und lasse mich wirken, leiden und lieben in Dir“, schrieb Katharina in einem Brief an Bischof Peter Josef Blum, in dem sie einen treuen geistlichen Rat und Begleiter gefunden hatte.

Alle Schwierigkeiten hinderten die Gemeinschaft nicht in ihrem stetigen Wachstum. Dutzende neue Filialen wurden, häufig auf Bitten dortiger Bürger, nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern auch in Holland, England und Amerika gegründet. 1870 wurde die Gemeinschaft von Papst Pius IX. „endgültig bestätigt und als kirchliche Kongregation anerkannt“. Soweit möglich versuchte Katharina, die dabei als Generaloberin eingesetzt und bis zu ihrem Tod immer als solche wiedergewählt wurde, die Filialen des Ordens regelmäßig zu besuchen. Nie ging ihr der individuelle Blick auf jede einzelne Schwester, ihre Berufung und ihr Wohl verloren. In ihren Entscheidungen handelte sie klug und bestimmt, stets bereit, ihre eigenen Ideen und Pläne zurückzustellen, wenn sie in ihnen nicht den Willen Gottes erkannt hatte. „Ihre Wohltätigkeit war weit und breit um Dernbach herum bekannt“, schreibt eine ihrer Gefährtinnen. „Ihre Hand gab, ohne zu zählen, wie sie arbeitete, ohne Ruhe zu suchen. Dann öffneten sich auch die für gewöhnlich geschlossenen Lippen, die so viel Charakterfestigkeit in ihr Angesicht trugen. Über sie ist nie ein unheiliges Wort gekommen, aber so viel Herzensgüte und verstehende Liebe. (…) Man beobachtete Mutter Maria immer maßvoll, auch in ihren Bewegungen, fern von dem Hasten und Rasen unserer Zeit, wenngleich oftmals die Menge der Arbeit drängte (…). Sie war edel in ihrem ganzen Wesen, so ungezwungen in ihrem Verhalten. Sie ist so einfach und schlicht, aber eine Königin im Umgang.“

„Wer war Katharina Kasper?“ – mit dieser Frage war Carla in das Dernbacher Kloster gekommen und auch wir sollten sie uns stellen, wenn wir von dieser beeindruckenden Frau die Kunst eines gotterfüllten und gelassenen Lebens lernen möchten. Katharina starb am 2. Februar 1898, wer ihr begegnen möchte, kann sie jedoch auch heute noch finden: in ihren Briefen und Aussprüchen, ihrer Fürsprache, in ihren Schwestern, an den Orten, an denen sie gelebt und die sie geprägt hat. Nicht zuletzt auch im Roman von Nicole Winkelhöfer, der unter Berücksichtigung all dessen ein lebendiges Bild ihrer Person zeichnet.

Nicole Winkelhöfer: Katharina Kasper. Auf den Spuren einer Heiligen, Bernardus-Verlag, Aachen 2018, 222 Seiten, ISBN 978-381070-291-3, EUR 14,80