Alles ist Gnade

Pelagianismus und Gnostizismus: Warum Papst Franziskus zwei alte Irrlehren als aktuelle Bedrohung der Kirche zurückweist. Von Guido Horst

Pope Francis celebrates first Vespers and Te Deum
Papst Franziskus wendet sich gegen jene, die mehr auf ihre Gremien vertrauen, denn auf die Fürsprache Mariens und der Heiligen. Foto: dpa

Es waren turbulente Zeiten. Die Vorboten des Zusammenbruchs des Römischen Reichs zeigten sich immer deutlicher. In den Jahren 405 und 406 nach Christus stießen die Barbaren bis zum heutigen Florenz vor, 410 erreichte Alarich sogar Rom und ließ die einstige Hauptstadt der bekannten Welt plündern. Apokalyptische Ängste erfassten auch die Christen, deren Religion wie ein Stern am Himmel der Götter und Kulte aufgegangen war.

In Nordafrika fragte sich der Kirchenvater Augustinus, was denn nun aus dem Gottesstaat werde, wo doch der irdische Staat gerade zum Teufel ging. Und in Rom trat ein Mönch auf, der im Jahr 385 die Taufe empfangen hatte und wegen seines strengen asketischen Lebens hohes Ansehen genoss. Sein Name war Pelagius. Scheinbar völlig orthodox und mit hohen moralischen Ansprüchen trat er auf und seine Predigten ermahnten dazu, die Tugenden zu üben. Pelagius modellierte eine Kirche ohne Makel und Falten, ein ethisch-moralisches Christentum, das die Gesellschaft davor bewahren sollte, vom Zusammenbruch der Institutionen und der jahrhundertealten Ordnung, von der Völkerwanderung und der Erschütterung des gesamten europäischen Raums hinweggerissen zu werden.

Das klang alles ganz ordentlich, zumal Pelagius so schlau war, seinen Appellen einen orthodoxen Anstrich zu geben. Anders seine Anhänger, etwa Caelestius, die dann den häretischen Kern der Lehre ihres Meisters offen formulierten: Es gibt keine Erbsünde, die das Gewissen des Menschen verdunkeln und seinen Willen schwächen könnte. Die Schuld Adams sei nur ein individuelles Versagen gewesen, sie sei nicht mehr als ein warnendes Beispiel für den Ungehorsam gegen Gottes Gebot – wie aber auch Jesus Christus nur ein positives Beispiel für den einzelnen Christen sei.

Den Pelagianern zufolge sei der Mensch wesenhaft gut und der menschliche Wille folglich imstande, nur aufgrund seines natürlichen Vermögens den Geboten Gottes zu folgen. Dies widersprach klar der orthodoxen Auffassung von Freiheit und Gnade, was den heiligen Augustinus in seinem Kampf gegen den Pelagianismus, der mit der Exkommunikation des Pelagius und Caelestius im Jahr 417 durch Papst Innozenz I. endete, schreiben ließ: „Das ist das fürchterliche und verborgene Gift eures Irrtums, dass ihr vorgebt, die Gnade Christi bestehe in seinem Beispiel, aber nicht in der Gabe seiner Person; und dass ihr sagt, die Menschen würden gerecht durch die Nachahmung seines Beispiel, nicht aber durch die Gabe des Heiligen Geistes.“ Nicht die Selbsterlösung aus eigener Kraft sei die Bestimmung des Getauften, sondern die heilende Kraft des Erlösers, derentwegen das Wort Fleisch geworden sei, den Tod am Kreuz erlitten habe und nach drei Tagen auferstanden sei.

Die Leugnung der unverdienten und heilsnotwendigen Gnade Gottes, das Verschweigen der von Jesus Christus erwirkten Erlösung und die Reduzierung des Christentums auf eine Moral- oder Tugendlehre und damit des christlichen Lebens auf eine Selbsterlösung durch Willenskraft tingelte weiter durch die Jahrhunderte – dann oft unter den Stichworten „Semipelagianismus“ oder „Neopelagianismus“. Bis dann im 20. Jahrhundert große Theologen einen Boom an pelagianischem Gedankengut in der katholischen Kirche ausmachten.

Schon in den 1970er Jahren schrieb der Genueser Kardinal Giuseppe Siri in seinem Buch „Getsemani“, dass „wir nun Zeugen eines schwer durchschaubaren und zugleich doch offenbaren Auftauchens jener Lehre (sind), gemäß welcher es keine Erbsünde gibt, gemäß welcher der Mensch aus eigenen Kräften und ohne die helfende Gnade sündenfrei leben kann“. In denselben Jahren hielt Kardinal Henri de Lubac fest: „Seit der Zeit des heiligen Augustinus, die auch die Zeit des Pelagius war, ist die Idee der Gnade niemals mehr so verkannt worden wie heute.“ Vor dem „Meeting“ in Rimini, dem Kulturfest von „Comunione e Liberazione“, stellte Kardinal Joseph Ratzinger im Sommer 1990 fest: „Der Irrtum des Pelagius hat in der Kirche von heute eine viel größere Anhängerschaft, als es auf den ersten Blick erkennbar ist.“

Dass er als Papst Benedikt XVI. 2005 seine erste Enzyklika „Deus caritas est“ mit einem Christus-Bekenntnis und einem klaren Nein zu einem katholischen Glauben als bloße ethische Lehre einleitete, war vielleicht schon ein Reflex auf die Rückkehr der Lehren des Mönchs Pelagius und seiner Nachfahren in das Leben der Kirche von heute: „Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt.“

Jetzt hat Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben „Gaudete et exsultate“ über die Heiligkeit in der Welt von heute dem Neopelagianismus zusammen mit dem Neognostizismus das gesamte zweite Kapitel gewidmet – unter der Überschrift: „Zwei subtile Feinde der Heiligkeit“. Zunächst die Neopelagianer: Sie charakterisiert Franziskus als Christen, die sich nicht der unverdienten Gnade Gottes öffnen, sondern „die einen anderen Weg gehen wollen: jenen der Rechtfertigung durch die eigenen Kräfte, jenen der Anbetung des menschlichen Willens und der eigenen Fähigkeit; das übersetzt sich in eine egozentrische und elitäre Selbstgefälligkeit, ohne wahre Liebe. Dies tritt in vielen scheinbar unterschiedlichen Haltungen zutage: dem Gesetzeswahn, der Faszination daran, gesellschaftliche und politische Errungenschaften vorweisen zu können, dem Zurschaustellen der Sorge für die Liturgie, die Lehre und das Ansehen der Kirche, der mit der Organisation praktischer Angelegenheiten verbundenen Prahlerei, oder der Neigung zu Dynamiken von Selbsthilfe und ich-bezogener Selbstverwirklichung.“

Franziskus wendet sich hier gegen diejenigen, die vorgeben, Kirche „selber machen“ zu wollen und zu können. Die an ihre Pastoralpläne glauben, nicht mehr aber an die Gnade und den Beistand Gottes; die auf die Mehrheitsbeschlüsse ihrer Gremien vertrauen, nicht aber auf die Fürsprache Mariens und der Heiligen; die mit einer weltlichen Mentalität die Kirche „managen“, statt auf Jesus Christus zu schauen.

Der Neognostizismus, den Franziskus in „Gaudete et exsultate“ als aktuelle Bedrohung geißelt, ist schwieriger zu beschreiben, da es keinen alleinigen Begründer dieser Irrlehre gibt, seine Anfänge im zweiten und dritten Jahrhundert alle damals bekannten Religionen streifte und er sich nicht – wie beim Pelagianismus mit der Leugnung der Erbsünde und Erlösungsbedürftigkeit des Menschen – auf eine klare Falschaussage zurückführen lässt.

Für Franziskus ist der Gnostizismus „eine der schlimmsten Ideologien. Er überbetont nämlich die Erkenntnis oder eine bestimmte Erfahrung und hält gleichzeitig seine eigene Sicht der Wirklichkeit für vollkommen“. Der Papst meint hier diejenigen, die an die Stelle des Evangeliums und der ganzen Geheimnishaftigkeit des Glaubens ein eisernes System von Ideen und Argumenten setzen, von dessen vermeintlicher Höhe und Stringenz aus sie die anderen beurteilen: „Denn es ist gerade den Gnostikern eigen zu glauben, dass sie mit ihren Erklärungen den ganzen Glauben und das ganze Evangelium vollkommen verständlich machen können. Sie verabsolutieren ihre eigenen Theorien und verpflichten die anderen, sich den von ihnen genutzten Argumentationen zu unterwerfen. Eine Sache ist der gesunde und demütige Gebrauch der Vernunft, um über die theologische und moralische Lehre des Evangeliums nachzudenken; etwas anderes ist es, danach zu streben, die Lehre Jesu auf eine kalte und harte Logik zu reduzieren, die alles zu beherrschen sucht.“ Für Papst Franziskus ist das der traurige Fall eines „narzisstischen und autoritären Elitebewusstseins“, bei dem man, „anstatt die anderen zu evangelisieren, sie analysiert und bewertet“ und, anstatt den Zugang zur Gnade zu erleichtern, „die Energien im Kontrollieren verbraucht. In beiden Fällen existiert weder für Jesus Christus noch für die Menschen ein wirkliches Interesse.“ Der Papst meint hier die Kaltherzigkeit derer, die sich ein bestimmtes philosophisches oder theologisches Denksystem zu Eigen gemacht haben und die anderen nur noch danach beurteilen, ob und wie weit sie ihnen folgen können. Heiligkeit dagegen setzt für den Papst voraus, die „fesselnde Einfachheit“ und das „Aroma“ des Evangeliums zu bewahren, das heißt durch Barmherzigkeit und Güte, durch tätige Nächstenliebe und Demut auf den zu verweisen, der das Christentum in die Welt gebracht hat. Für Hans Urs von Balthasar sind die Heiligen diejenigen, die sich nicht mit einem Mantel aus religiöser Inbrunst und Tugendhaftigkeit umkleidet als Kultfigur aufdrängen, sondern die der Glaube so verändert, dass sie selber zurücktreten und das göttliche Geheimnis in ihnen erkennbar wird. Jeder noch so einsichtige Katechismus und die gelungenste Apologetik sind nichts im Vergleich zu dem kraftvollen persönlichen Zeugnis eines Menschen, in dem Gott lebendig wird. Darum sind die Heiligen das einzige, was die Kirche wirklich glaubwürdig macht.