Wie Kritiker des Feminismus denunziert werden

Wer noch die klassische Familie verteidigt, wird öffentlich stigmatisiert: Zur Internetseite „Agent*In“ der Heinrich Böll-Stiftung. Von Burkhardt Gorissen

Familie wirft Schatten
Von der traditionellen Familie soll höchstens ein Schatten übrig bleiben – das ist offenbar der entschiedene Wille der Macherinnen der Internetseite „Agent*In“. Foto: dpa
Familie wirft Schatten
Von der traditionellen Familie soll höchstens ein Schatten übrig bleiben – das ist offenbar der entschiedene Wille der M... Foto: dpa

Sie sind gut, und sie wissen dass sie gut sind. Vor allem wissen sie, dass jeder, der eine andere Meinung vertritt, schlecht ist. Überzeugungstäter eliminieren Andersdenkende. In Deutschland hat das seit dem Nationalsozialismus und der DDR Tradition. Listen erstellen, Stigmata zuordnen, mundtot machen. Heutzutage geschieht das am medialen Pranger.

Wer gut ist, weiß beispielsweise die grüne Heinrich-Böll-Stiftung. Auf dieser Website werden „antifeministische“ Menschen denunziert. „Agent*In“, so der richtungsgebende Name der Seite, hat nicht etwa etwas mit dem Bundesnachrichtendienst zu tun, sondern ist eine fantasiefreie Abkürzung, die für Anti-Gender-Networks Information steht. Das holpert von der Namensgebung zwar arg, aber bei Ideologie hört bekanntlich der Spaß auf.

Zur aggressiven Verbissenheit der „Agent*innen“ gehört, Personendaten missliebiger Personen „aus öffentlich zugänglichen Quellen“ zusammenzutragen. Allerdings nicht durch kleine Spione, die durch fremde Computerprogramme hüpfen, sondern durch feministische Blockwarte, die in googelnder Kleinarbeit „antifeministische Kräfte“ ans Licht der Öffentlichkeit zerren. Das Tribunal tagt im Namen der Neuen Weltordnung. Als schwere Vergehen werden Ansichten wie „christlich“, „ultra-katholisch“ und „evangelikal“ bezeichnet. Andere Wörter der Anklage lauten „familistisch“ oder „Maskulismus“, das klingt zwar nach Vergewaltigung der Sprache, aber hier wird schließlich nicht für literarische Feingeister gearbeitet, sondern für ideologische Kleingeister. Wären das nur theoretische Allgemeinplätze, gar so arg wäre das nicht, doch „der/die/das“ meinen das ernst. Noch werden die vermeintlich Schuldigen „nur“ an den digitalen Pranger gestellt. Weiteres muss nicht ausgeschlossen werden. Wer einmal anfängt, Stasi-Methoden zu verwenden, setzt eine tödliche Spirale des Hasses in Bewegung. Und dabei machen die Grünen immer so gerne auf Datenschutz.

Unter den bis dato Stigmatisierten finden sich illustre Namen, so zum Beispiel wird „Johannes Freiherr Heereman, Präsident der Kirche in Not und war zwischen 1979 und Dezember 2010 erst Generalsekretär, dann geschäftsführender Präsident des Malteser Hilfsdienstes“, als „ultrakatholischer orientierter Aktivist“ gebrandmarkt. Zusätzlich verdächtig macht er sich, weil er Abtreibung als „Missachtung der Menschenwürde“ bezeichnet. Ebenfalls ist den links-gutmenschlichen Inquisitoren Robert Spaemann aufgefallen, „ein deutscher, dem Familismus nahestehender Philosoph und emeritierter Professor“, der es wagt, „Ehrenmitglied im Bürgerkommitee der Europäischen Bürgerinitiative Vater, Mutter, Kind“ zu sein. Da schlägt man im Geiste die feministischen Hacken zusammen. Nicht fehlen auf dem Schafott der grünen Heinrich-Böll-Stiftung darf Gabriele Kuby. Die Anklage gegen sie lautet: „Gabriele Kuby schreibt unter anderem Beiträge für die Tagespost, den evangelikal ausgerichteten Nachrichtendienst IDEA, die neurechte Junge Freiheit, für das Vatican magazin, für kath.net und für das Magazin The European“. Zudem „zählt sie zu den Unterzeichner*innen der Petition Eine ergebene Bitte“ und „war als Referentin zu den Antifeminismus-Treffen in der Schweiz eingeladen“. Das wiegt schwer. Da nimmt auch nicht Wunder, dass die „Deutsche Vereinigung für eine christliche Kultur e. V.“ unter den verfemten „Organisationen“ genannt wird. Die „Ditib“ haben die Feministinnen hingegen nicht aufgelistet. Die Gesinnungsapostel*innen von links beanspruchen schließlich jede Form der Deutungshoheit für sich. Darüber, welche Form von Patriarchat akzeptabel ist, entscheidet zukünftig die linke Political-Correctness-Watch der Heinrich-Böll-Stiftung. Muslimische Kinderehen, Zwangsheirat und Massenbelästigung von Frauen werden nicht angeprangert. Nun kann niemand behaupten, dass Gedankenfreiheit jemals eine Stärke der Linken war. Alle sozialistischen Diktaturen lebten von Denunziantentum und Unfreiheit. Aber ist die Sammlung personenbezogener Daten überhaupt legal?

Gewiss, die feministischen IdeoloGenders oder Ideologinnen wollen nur das Beste – und das mit brutaler Verve. Sie wollen „mensch“ einhämmern, das es in Wahrheit weder Frauen noch Männer gibt, weil alle ihr Geschlecht täglich nach Stimmungslage aushandeln. Wer noch die DDR in den Knochen sitzen hat, weiß, dass an dieser Stelle das Lied angestimmt wird: „Die Partei, die Partei, die hat immer recht.“

Das klingt nach Kulturkampf, und soll es wohl auch sein. Die selbsternannten Gerechtigkeitsvertreter erzwingen eine Form von Konformität, indem sie andere ächten. Bei der Verwendung Huxley'scher Überwachungsmethoden wird deutlich, in welche Wirrnisse die Gender-Debatte steuert: Unter dem pseudodemokratischen Etikett der Toleranz wird Diffamierung zum Mittel der Auseinandersetzung. Jede Form freier Diskussion wird auf dem Gesinnungsschafott zugunsten des Genderismus geopfert, und mit der gleichen Chuzpe wird die Ethik der Aufklärung umgelogen. Als Deckmantel für Machtinteressen wird das Recht auf ein freies Urteil eingestampft. Damit scheint die Aussicht, dass eine linksgegenderte Welt durch Vernunft regiert werden könnte, noch dürftiger zu sein, als die Aussicht, unsere mühsam erkämpfte Meinungsfreiheit könnte so aufrechterhalten werden.

Wer steckt hinter „Agent*in“? Auf der Homepage ist unter „Wer sind die „Autor*innen?“ zunächst zu erfahren: „Die Artikel werden von einer Gruppe ehrenamtlicher Autor*innen verfasst, die u.a. als Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen und/oder Bildungsarbeitende mit Themen rund um Antifeminismus befasst sind. Unterstützt werden diese punktuell durch Honorarkräfte. Alle Autor*innen sind der Redaktion namentlich bekannt, werden aber nicht mit Klarnamen genannt, um sie vor möglichen antifeministischen und/oder persönlichen Angriffen zu schützen.“

Bei Gott, das zeugt von Mut. Wer andere denunziert, verschanzt sich vorsichtshalber. Bei so viel therapieresistenter Selbstverleugnung wird klar, weshalb der linksliberale Mainstream zu einem Substitut für Religion geworden ist, besser gesagt, zu einer Form von selbstgefälligem Religionsmilitarismus. Hört sich komisch an, ist es aber nicht. Unsere Gesellschaft windet sich im Griff zweier großer paralysierender Bedrohungen: Fanatismus und Intoleranz. Offenbar geht in dieser Auseinandersetzung unserer Demokratie vor allem der öffentliche Diskurs zugunsten von Gesinnungskontrolle flöten. Doch kann der Geist der freien Debatte unter solchen Bedingungen überhaupt existieren?

Die Organisator*innen von „Agent*In“ scheint das nicht sonderlich zu interessieren. Immerhin vermummen sie sich nicht, dazu lieben sie zu sehr das Licht der Öffentlichkeit. Die „Agent*In“-Redaktion setzt sich aus dem Münsteraner Soziologen Andreas Kemper und Henning von Bargen (Gunda-Werner-Institut) zusammen. Man muss sie nicht kennen. Doch wenn man den Fokus auf sie richtet, stellt sich die Frage, ob „Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz“ (Kemper) mit dem Vergleich von Bargens beginnt, der „Antifeminismus gleich Antisemitismus“ setzt. Und das meint der bitterernst! Unglücklicherweise trifft das Vorhandensein mangelnder Empathie auf die Anmaßung des Vergleiches. Die Abwesenheit eindeutiger Kategorien ruft offenbar eine schimärische Selbsterhöhung zur Manifestierung eigener Schuldkomplexe hervor. Es scheint, als verstünden nur Feministen die Gefahr eines fehlgeleiteten Universalismus zur Relativierung der Wahrnehmungsfähigkeit. Das macht auch die Dritte im Bunde aus: Zur Redaktion des Portals gehört Frau Professor Doktor Elisabeth Tuider. Politisch korrekt: ProfessX DoktorX Tuider. Die umstrittene Soziologieprofessorin ist Autorin des Handbuchs „Sexualpädagogik der Vielfalt“. Darin werden Kinder ermuntert, in einem „Sex-Quiz“ Begriffe wie Dildo und Sadomasochismus zu erläutern. Sie sollen im Unterricht ihre „Lieblingsstellung“ zeigen, „Puffs planen“ und den gleichgeschlechtlichen Verkehr einüben. Im Vorwort beschwört die ungekrönte Königin der Genderwissenschaft nachdrücklich den Geist von Helmut Kentler. Da hört der Spaß auf. Unter dem Label „Gender“ kehrt zurück, was in der Kinderladenbewegung und der Reformpädagogik als Kindesmissbrauch bekannt wurde. Der sexuell befreite Mensch, der Prototyp des Zukunftsmenschen, wie ihn die beiden Päderasten-Gurus Helmut Kentler oder Ernst Bornemann in den 1970er Jahren vorsahen, ist bis heute weitgehend Fiktion geblieben.

Wissenswert in diesem Zusammenhang ist noch, das Tribunal der grünen Heinrich-Böll-Stiftung wird „aus Mitteln des Bundes“ und „projektbezogenen Fördermitteln der EU“ mit knapp 60 Millionen Euro jährlich finanziert.