Was würdet Ihr für Euer Kind tun?

Wie weit man mit der Organspende gehen kann: Steffen Weinerts Film "Das Leben meiner Tochter".

In einem Krankenhaus in Rumänien treffen Jana (Maggie Valentina Salomon) und ihr Vater Micha (Christoph Bach) auf den Arzt Dr. Ferdinand Bix (André M. Hennicke), der die Herztransplantation vornimmt. Foto: Camino /CCC Filmkunst
In einem Krankenhaus in Rumänien treffen Jana (Maggie Valentina Salomon) und ihr Vater Micha (Christoph Bach) auf den Ar... Foto: Camino /CCC Filmkunst

Herr Weinert, sind Sie bei der Drehbuchentwicklung von einem konkreten Fall oder eher von der theoretischen Beschäftigung mit dem Thema Organspende ausgegangen?

Ich bin von einem sehr konkreten Fall ausgegangen: Ich habe einen Zeitungsartikel gelesen, in dem es um ein Kind in Janas Alter ging, das sich in genau einer solchen Situation befindet. Es war an eine Herzunterstützungsmaschine angeschlossen und wartete auf ein Spenderherz, das einfach nicht kommt. Den Rest – insbesondere die Figuren – habe ich mir natürlich ausgedacht.

Der Film erzählt eher aus der Vater- als aus der Mutterperspektive. War das von Anfang an so geplant, oder hat es sich im Laufe des Schreibens ergeben?

Es war schon sehr bald klar, dass ich aus der Perspektive des Vaters erzählen will. Ich wollte eigentlich über einen Mann erzählen, dessen Tunnelblick immer enger wird. Ich wollte über jemand erzählen, der sich verrennt und Fakten ausblendet, der seinem Ziel zusteuert, egal über welche moralischen Grenzen er dafür gehen muss.

Zwischen Vater und Mutter gibt es Unterschiede, ja Konflikte in der Bewertung der Frage, inwieweit man gehen kann ...

Als das Thema zwischen den beiden aufkommt, dass man vielleicht auf anderem als dem legalen Weg ein Organ für das Kind besorgen könnte, beschäftigt sich Natalie schon mit der Frage. Sie ist aber im Zweifel und lehnt es ab. Nachdem Komplikationen mit der Krankheit eintreten, ist sie dafür, weil sie das Gefühl hat, es passiert nichts. Aber nach einem ausführlichen Gespräch mit der Ärztin Dr. Benesch, das wir nicht sehen – wir sehen nur Natalies Reaktion beziehungsweise das Gespräch mit ihrem Mann Micha – entscheidet sie sich dagegen. Micha blendet die möglichen Konsequenzen fast bis zum Schluss aus.

Eigentlich könnte man meinen, dass die unbedingte Liebe einer Mutter sie eher dazu bringt, alles zu unternehmen, ja sogar über bestimmte Grenzen zu gehen. Warum der Vater?

Micha geht ein großes Risiko ein. Die Möglichkeit, ein Organ illegal zu besorgen, bringt viele eventuelle Komplikationen mit sich. Ich hätte die Rollen genauso gut anders verteilen können. Ich musste sie ja gegensätzlich anlegen, sonst funktioniert der Konflikt nicht. Die Rollenverteilung wurde mir auch von einem Kardiologen bestätigt. Denn er meinte, der Vater sei wohl derjenige, der in Aktionismus verfällt, etwas unternehmen will. Die Mutter kümmere sich um das Wohl des Kindes, um die Situation hier und jetzt.

Interessant ist der Film deshalb auch, weil er aus der Betroffenenperspektive erzählt. Steht für Sie das menschliche Dilemma, in dem sich die Eltern befinden, im Vordergrund?

Auf jeden Fall. Die Ausgangssituation mit dem ausbleibenden Organ ist eine Art Folie, auf der der Film beginnt. Aber der zentrale Konflikt ist die moralische Frage, vor der die Eltern stehen. Das ist es, warum ich den Film machen wollte. Wenn man Eltern fragt: Was würdet Ihr für Euer Kind tun?, antworten sie normalerweise reflexartig: „Alles“. Der Film führt aber genau zu einem Punkt, an dem diese Frage neu gestellt werden muss.

Wenn es darum geht, sich über in der Bundesrepublik geltende Gesetze hinwegzusetzen, müsste sich wohl jeder fragen, woher das neue Organ herkommt ...

Die Ärzte sprechen von Lebendspenden: Eine Niere kann man abgeben. Aber es gibt auch Organe, bei denen keine Lebendspende möglich ist.

Mussten Sie deshalb bei der Recherche vorsichtig vorgehen?

Ich habe hauptsächlich übers Internet recherchiert, und über unterschiedliche Fälle gelesen. Aber ich bin kein Reporter, kein investigativer Journalist, der echte Fälle aufdeckt. Der Film ist ja eine fiktionale Erzählung, auch wenn ich versucht habe, etwa medizinische Details so plausibel wie möglich darzustellen. Dennoch sollte nicht das Medizinische im Vordergrund stehen. Im Vordergrund sollten die Figuren stehen.

Im Film spielt auch die Frage eine Rolle, ob und wie mit Kindern über den Tod geredet werden soll. Haben Sie dies bewusst eingefügt?

Ja, das war ganz bewusst. Ich hatte für ein früheres Projekt sehr viele Erfahrungsberichte über Kinder und von Kindern gelesen, die wissen, dass sie sterben werden. Es war für mich sehr erstaunlich zu sehen, wie schnell sie es akzeptieren. Ganz im Gegensatz zu den Eltern, die es gar nicht akzeptieren wollen und können. Es war auffällig, dass die Kinder die Eltern fast getröstet haben. Diese Dinge habe ich in den Film aufgenommen. In der Situation, in der sich Jana mit ihrer Krankheit befindet, ist ein naheliegender Gedanke, sich tatsächlich damit zu beschäftigen. Das macht sie freilich von sich aus. Nicht die Eltern reden mit ihr über den Tod, sondern sie geht von alleine los, und will etwas in Erfahrung bringen. Das ist ihre Reise.

Drehbuchautor und Regisseur Steffen Weinert. Foto: Studioline