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„Die Zukunft der Metaphysik“: Die Hochschule Heiligenkreuz ehrte den Philosophen Rémi Brague zum 70. Geburtstag. Von Alexander Riebel

Gipfeltreffen bei der Tagung „Zukunft der Metaphysik“ in der Hochschule Heiligenkreuz. Von links: Professor Pater Karl Wallner, Gründungsrektor der Hochschule, der mit der Tagung Geehrte, Professor em. Rémi Brague, Studiendekan der Hochschule Professor Wolfgang Buchmüller und Tag... Foto: AR
Gipfeltreffen bei der Tagung „Zukunft der Metaphysik“ in der Hochschule Heiligenkreuz. Von links: Professor Pater Karl W... Foto: AR

Trotz voreiliger Versuche der jüngeren Vergangenheit, den Abschied von der Metaphysik auszurufen, ließ das vergangene Wochenende die Lebendigkeit der Metaphysik deutlich erleben. Auch kann nun zweifellos auf ihre große Zukunft gehofft werden, wie die Tagung zu Ehren des Philosophen Rémi Brague aus Anlass seines 70. Geburtstags in der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz nahelegte. Denn die Metaphysik ist geradezu eine Überlebensfrage für den Menschen, der sich in ihr des Sinnes der letzten und höchsten Fragen seines Daseins vergewissern kann. Bereits in dem Titel der philosophischen Tagung, „Die Zukunft der Metaphysik – Von einem unabweislichen Bedürfnis der Vernunft“ kam zum Ausdruck, dass diese letzten Fragen eben durch die Vernunft selbst aufgegeben sind, deren sie sich gar nicht sinnvoll verweigern kann. Daher gehöre das Thema auch in die großen Universitäten und in die Medien, wie Professor Pater Karl Wallner, Gründungsrektor der Hochschule, in seinem Grußwort sagte. Gottes Transzendenz sei im Denken zugänglich und darum könne die Frage gar nicht sein, ob es Transzendentes gibt – wir wissen es durch die Vernunft. Papst Benedikt XVI., der 2007 Heiligenkreuz, das „mystische Herz des Wienerwalds“, besucht und die Hochschule eine geistliche Oase genannt hatte, sah bereits die enge Verbindung zwischen Ratio und Glaube – der Kraft des Glaubens müsse die Kühnheit der Vernunft beiseitestehen, sagte Wallner. Professor Christoph Böhr vom Philosophischen Institut der Hochschule Heiligenkreuz/Wien und Veranstalter der Tagung hat souverän durch die Vortragsreihe mit ihren durchweg glänzenden Referenten geführt.

Gott hat der Natur seine Kunstfertigkeit eingegeben

„Die Zukunft der Metaphysik sieht aus wie in der Vergangenheit“ – mit dieser optimistischen Sicht begann Professor Holm Tetens (Berlin), der zuletzt „Gott denken – Ein Versuch über rationale Theologie“ (2015) veröffentlichte, die Vortragsreihe. Für Tetens muss auch jede „fundamentale Art von denkbaren Gegenständen“ Thema der Metaphysik werden können, was in den weiteren Diskussionen immer wieder aufgegriffen wurde.

Was aber ist das Reale, das für die Metaphysik in ihrer Geschichte bis heute immer eine zentrale Rolle gespielt hatte? Dieser Frage stellte sich Inga Römer, Professorin für Philosophie an der Université Grenoble Alpes in Frankreich mit dem Thema „Realismus als Herausforderung der Philosophie im Denken der Gegenwart“. Heutige Realisten wie der Franzose Quentin Meillassoux wenden sich gegen die sogenannte korrelationistische Tradition von Kant bis zur Postmoderne, dass es also Bezüge zwischen Subjekt und Objekt oder Sprache und Referenz gebe. Solch ein Pluralismus der Perspektiven führe aber nicht zur Befreiung des Einzelnen, sondern eher zu dessen Unterdrückung. Dass Wahrheit durch diese Beliebigkeit so nicht mehr möglich wäre, veranschaulichte Römer an den Beispielen des Medienpopulismus' Berlusconis oder der Fake-news-Politik von Donald Trump: Die Frage nach dem gegenwärtigen Realismus zeige sich so als ein „Symptom für ungelöste gesellschaftliche Herausforderungen“. Tiefer aber noch zeigt sich für Römer das eigentlich philosophische Problem des Realen gerade nicht in den „etablierten Kontexten“ oder im Weltganzen, sondern in dem, was sich an „lebendigen Sinnbildungen in seiner Widerständigkeit meldet“.

Realisten können auch Probleme mit Kant haben, wenn sie heute nicht nachkantisch, sondern vorkantisch denken. Ja Metaphysik könne überhaupt nur Zukunft haben, wenn sie hinter Kant zurückgehe und damit auf die grundlegende Frage nach der Natur, erklärte der Philosoph Professor Martin Rhonheimer, Mitbegründer und Präsident des sich im Aufbau befindlichen „Austrian Institute of Economics and Social Philosophy“ mit Sitz in Wien. Im Denken vor Kant spielte der Begriff der Natur noch eine zentrale Rolle und da waren Naturwissenschaft und Metaphysik noch keine Konkurrenten, wenn es um die Natur ging, sagte Rhonheimer in seinem Vortrag über die Frage nach dem Ursprung als der nach Gott und der Metaphysik im Schatten der Evolutionstheorie. Die Theorie des Intelligent Design habe jedoch diese alte Verbindung von Metaphysik und Naturwissenschaft karikiert, weil damit auch der Schöpfungsglaube in Frage gestellt wird. In seiner fatalen Verwechslung von Kunst und Natur sehe das Intelligent Design die Natur nur analog zu Kunstprodukten – doch ist die Natur nicht vergleichbar mit Uhren oder zweckmäßigen Maschinen, wie Rhonheimer erklärte. Die Natur sei auch kein Kunstwerk Gottes, sondern „eine den Dingen eingegebene Kunstfertigkeit Gottes“. Gemäß dem Physikkommentar des heiligen Thomas heiße das: „Die Natur scheint sich nämlich in nichts anderem von der Kunst zu unterscheiden als dadurch, dass die Natur ein innerliches Prinzip ist, die Kunst hingegen ein äußerliches Prinzip. Falls nämlich die Kunst des Schiffsbaus dem Holz innerlich wäre, dann würden die Schiffe auf natürliche Weise entstehen, so wie sie jetzt durch Kunst produziert werden.“

Indirekte Metaphysik führt zurück zum Leben

Somit kann auch die Evolution kein selbstständiges Prinzip sein und unabhängig von Gott, weil Gott der Natur seine „Kunstfertigkeit“ eingegeben habe. Daher ist für Rhonheimer die Frage nach dem richtig verstandenen Ursprung der Natur auch die Frage nach der letzten Ursache des Seins und damit wesentlich metaphysisch. Das Wirken Gottes als Ursache des Seins ist kein Einwirken oder in Bewegung setzen, sondern ein „ins Sein erschaffen“. Auch in einem ewigen Universum müsste das Sein sein Geschaffensein nach Thomas empfangen haben. Für Rhonheimer entspringt die klassische Metaphysik dem „natürlichen Gang des gesunden Menschenverstandes ... Diese natürliche Hinwendung und Öffnung zur Welt, wie sie uns durch die Sinne zugänglich gemacht wird, und das Weiterfragen, bis das Bedürfnis der Vernunft, die letzten Ursachen zu erkennen, befriedigt ist, das ist das Wesen der Metaphysik, und deshalb ist sie auch eine existenzielle und moralische Herausforderung.“

Prominente Vortragende über die Philosophie Kants waren Rudolf Langthaler, bis 2018 Ordinarius für Christliche Philosophie an der Katholischen-Theologischen Fakultät der Universität Wien sowie Theo Kobusch, bis 2016 Inhaber des Lehrstuhls C4 für Philosophie am Institut für Philosophie der Universität Bonn. Der vor neun Jahren zum Katholizismus konvertierte Professor em. Helmut Holzhey von der Universität Zürich hielt einen sehr persönlich gehaltenen Vortrag im Anschluss an sein Buch „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel: Erfahrungen an den Grenzen philosophischen Denkens“ (2017).

Kannte die klassische Metaphysik bei Platon und Aristoteles schon das der Person zugrunde liegende Herz? Nein, sagte der Professor am Lehrstuhl für Philosophie der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, Walter Schweidler. Denn diesen antiken Denkern fehlte in ihrem teleologischen Konzept die Frage nach dem Selbst, nach dem, was wir selbst sind. Schweidler will aber nicht auf die philosophischen Lehren hinaus, die ihren letzten Grund in komplexen Reflexionsprozessen „einholen“. Das recht verstandene Dasein widersetze sich solchen Beweisen, sagte Schweidler im Hinblick auf Ludwig Wittgenstein, denn dieses Dasein sei ja schon das, was ihm spätere Beweise andemonstrieren wollen. Das Uneinholbare des Daseins müsse eben nicht eingeholt werden, „nicht um es zu diskreditieren, sondern im Gegenteil, um es vor dem für seine Uneinholbarkeit ursächlichen Versuch, es einzuholen, in Sicherheit zu bringen“. Schweidler nennt diese Uneinholbarkeit des Uneinholbaren „indirekte“ Metaphysik, indirekt also in dem Sinn, dass nicht etwas eingeholt, sondern „wieder-holt“ wird. Um das zu klären, zitiert Schweidler den Philosophen Robert Spaemann, für den die anfänglich gestellte Frage nach dem Herzen hinter den antiken Begriff der Natur, der physis als eines ontologisch Ersten, zurückführt. „Das heißt nicht“, sagte Schweidler, „dass die Person ohne diese Natur sein könnte, die sie ist; aber es heißt, dass sie zu ihrer Natur im Verhältnis des Habens steht, dass also ihr Sein das eines aus dieser Natur nicht ableitbaren Wieder-holens ihrer Natur ist.“ Weil der Mensch, wie auch schon Spaemann schrieb, seine Natur nicht ist, sondern hat, und darum frei ist, kann er sich nach Schweidler frei zu ihr verhalten im Verhältnis zu anderen Personen in Anerkennung, Gerechtigkeit oder Liebe. Es kommt also alles darauf an, philosophisch richtig zu fragen. Die Philosophie wieder-holt und „lässt alles, wie es ist“, schrieb Wittgenstein. Und wenn wir Worte benutzen, wie „Wissen“, „Gegenstand“, „Ich“ oder „Satz“, um damit das Wesen der Dinge zu erkennen, müsse immer gefragt werden, ob wir diese Worte so gebrauchen, wie sie in ihrer Sprache gebraucht werden. Indirekte Metaphysik heißt demnach auch, mit dem Leben wieder in Deckung zu kommen. Das sei möglich, nach Schweidler noch einmal mit Spaemann gesprochen, indem sich der Mensch als Person realisiert: Der Mensch „übernimmt das Versprechen, das er als Person schon ist, ... Die Frage nach einer Letztbegründung stellt sich nicht mehr. Der Verzicht auf diese Frage ist die Letztbegründung.“

Neben den Themen der Natur und des Realen stellten die Vortragenden auch andere metaphysische Fragen, etwa ob das Sein oder die Einheit der Ursprung von allem sei. „Wiederkehr der Metaphysik: welcher Metaphysik?“, war denn auch der Vortrag des 2001 emeritierten Professors für Philosophie, Bruno Lorenz Puntel (München), überschrieben. Puntel stellte Fragmente einer eigenen Konzeption vor: Die Metaphysik würde das Sein als ihren letzten Begriff haben, das unhintergehbar sei und selbst nichts voraussetze. Das Denken aber oder das Eine hingegen setzten nicht nichts voraus, weil sie sich auf etwas beziehen und nicht in sich selbst gründen.

Ganz anders sah das Jens Halfwassen, seit 1999 Ordinarius für Philosophie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. „Einheit ist ursprünglicher und umfassender als das Sein“, meinte Halfwassen. Ohne Einheit sei nichts denkbar – Einheit als vereinte Vielheit. Plotin ist ihm für diese Auffassung ein wichtiger Gewährsmann, der schon für Hegel der Höhepunkt der antiken Denker gewesen sei. Jegliches Seins-Denken setze die Einheit als grundlegendste Denkbarkeit voraus. Daher gehe auch die Metaphysik letztlich auf Einheit, nicht auf das Sein hinaus. Metaphysik als Ontologie ist für Halfwassen weder umfassend noch grundlegend. Entschieden für den Vorrang der Einheit war auch Gunnar Hindrichs, Professor am Lehrstuhl für Geschichte der Philosophie an der Universität Basel. Statt von Einheit sprach er aber von Ordnung, die unhintergehbar sei: „Was auch immer ist, ist in der Ordnung“, sagte er mit Blick auf Spinoza. Diese Ordnung ist der Ursprung von allem, dessen Logik die Ordnung des Seienden erzeuge. Als zweiten Gott will Hindrichs diesen Ursprung nicht verstanden wissen, weil es hierbei nicht um Schöpfung gehe; vielmehr um das Erzeugen des Seienden durch eine begriffliche Ordnung. Gott wäre sowohl in den Dingen wie im Denken „entscheidend“ und wäre somit sowohl in intellectu wie auch in re, wie das Mittelalter schon wusste. Das, was im Ursprung erzeugt, sei das „antizipierende Subjekt“, das ein Noch-nicht erzeugt, ein noch Unsagbares. Darum schränkt Hindrichs auch Wittgenstein ein, nach dem man darüber schweigen muss, worüber man nicht sprechen kann. Man könne eben doch nach dem fragen, wovon man nicht sprechen kann, „wenn das Unsagbare ein Noch-nicht-Sagbares darstellt“.

Plotin: das Gute ist mild, zuvorkommend und zart

Ganz auf den mit der Tagung geehrten Rémi Brague hat Professor Pater Richard Schenk OP, seit 2018 Honorarprofessor an der Universität Freiburg im Breisgau für den Arbeitsbereich Christliche Religionsphilosophie an der Theologischen Fakultät, seinen Vortrag zugeschnitten. In Bragues neuestem Buch „Anker im Himmel“ sieht Schenk eine Neuverhandlung der Frage nach der Metaphysik. Brague habe die Verbindung von Metaphysik und dem Bedürfnis nach ihr exemplarisch zusammengeführt und damit eine Prolegomena zu einer künftigen Metaphysik geschrieben, „die in praktischer Hinsicht als Fundament und Wurzel der Anthropologie wird dienen können“. Schenk hob auch neueste Forschungen von Therese Scarpelli Cory zu Thomas von Aquin hervor, in denen das Thema der menschlichen Selbsterkenntnis weitaus deutlicher im Vordergrund steht, als bisher. Solche Selbsterkenntnis richte sich etwa darauf, dass man eine Seele habe und in der ersten Person spreche, oder dass die Seele immateriell und wahrheitsstiftend sei und die Urteile der Wirklichkeit entsprechen. Wichtig war Schenk auch die Erinnerung an den Gedanken des Geborenwerdens bei Hannah Arendt, der sich vom Sein zum Tode bei Jaspers und Heidegger darin unterscheidet, dass er den Menschen nicht vereinzelt, sondern auf das Geschaffensein in der Gemeinschaft hinweist.

Auch Rémi Brague selbst hat in seinem Festvortrag „Sein als Gut“ auf das Erhalten und Weiterzeugen des Lebens abgezielt. Das Leben müsse als ein starkes Gutes angesehen werden in Abhebung vom schwachen Guten wie bei dem italienischen Philosophen Giovanni Vattimo. Denn der Weg zum Guten hängt vom Willen ab, und wenn wir keine Kinder mehr wollen, ist es aus, sagte Brague, der von 2002 bis 2012 Inhaber des Guardini-Lehrstuhls und Professor für Religionswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München war; er ist auch Honorarprofessor der Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz sowie Träger zahlreicher Auszeichnungen, zuletzt auch Ehrendoktor der Johannes-Paul II.-Universität in Krakau (2018). Das Gute sollte nach Brague auch jenseits des Machbaren gedacht werden, denn unser Dasein, unser Leben, können wir „nicht tun“, außer am Leben zu bleiben und sich täglich für das Leben zu entscheiden.

Dass das Gute gewollt wird, wusste schon Aristoteles, denn es sei das Ziel alles Strebens. Auf das überzeitliche Gute habe auch der britische Philosoph George Edward Moore in seiner „Principia Ethica“ (1903) hingewiesen, der die Weichen für die angelsächsische Moralphilosophie stellte. Er neutralisierte das Gute, insofern es keine Rolle spiele, ob es möglich oder wirklich sei und somit habe er auch eine Brücke zwischen Sein und Nichts hergestellt. Selbstlosigkeit und Freigiebigkeit des Guten findet Brague bei Plotin, dessen Bestimmung des Guten auch mild, zuvorkommend und zart sei. Man darf gespannt sein auf Bragues Buch „Kraft des Guten“, das gerade in Arbeit ist.