Suche Frieden, kriege Hasspost

Welche Rolle spielen die Medien im Hinblick auf das Leitmotiv des Katholikentags? Was können Journalisten tun, um zur Abrüstung im Internet beizutragen - in einer Zeit, in der jeder mitschreibt? Von Josef Bordat

Hass im Internet soll verschwinden
Totalkommunikation: Die Grenzen zwischen privaten und professionellen Medienakteuren verschwimmen. Foto: dpa

Das Große Podium der Wochenzeitung „Kirche+Leben“ im Bistum Münster zum Thema „Journalismus in Zeiten von Hassmails und Shitstorm“ fand zur Mittagsstunde bei angenehmen Temperaturen und Sonnenschein statt. Dennoch war die Aula des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums voll besetzt. Das Thema zieht. Kein Wunder – alle Menschen nutzen Medien. So, wie man nicht nicht-kommunizieren kann, so kann man sich eben auch nicht ganz aus dem medialen Geschehen herausnehmen. Wer nicht im Facebook oder auf Twitter kommentiert und bewertet, überlässt das Feld den Anderen – und wertet ihre Positionen damit nolens volens auf.

In seinem Impulsreferat skizziert der Bonner Politikwissenschaftler und Publizist Andreas Püttmann die Szenerie des Journalismus heute. Er stehe unter dem im Internet herrschenden Zeitdruck sowie dem Druck der Ausdifferenzierung des Angebots, einhergehend mit dem Wegfall von Grenzen zwischen professionellen und privaten Medienakteuren. Das sorge für eine hohe Fehleranfälligkeit einerseits und führe andererseits zu einem gewachsenen Bedarf an Prüfung des Veröffentlichten auf den Wahrheitsgehalt hin. Informationen seien schnell, aber Wahrheit brauche Zeit.

Auf dem Podium diskutierten unter der Moderation von Claudia Nothelle neben Püttmann die Journalisten Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell, und Joachim Frank, Chefkorrespondent der MediengruppeDuMont. Dazu Hannes Ley, Gründer der Facebook-Gruppe #ichbinhiergegenHass, der mit mehreren zehntausend Online-Aktivisten versucht, Hass und verbale Gewalt in Facebookgruppen zu deeskalieren. Er unterschied dabei zwischen Einzelakteuren und gesteuerten Aktionen: Einzelne „frustrierte“ Menschen könne man erreichen, der Kampf gegen die organisierte „Facebook-Mafia“ rechter Lobbyisten sei dagegen weit schwieriger. Deren Ziel sei es, über „Scheinmehrheiten“ (einschließlich gekaufter „Likes“) jene „Wahrheit“ zu generieren, die eigentlich Zeit braucht. Dass dies im Bewusstsein zahlreicher Menschen zumindest teilweise gelingt, legt nebenbei das epistemologische Relativismusproblem offen, auf das schon Papst Benedikt verwies: Wahrheit darf nicht über Mehrheit definiert werden. Püttmann gab zu bedenken, dass auch die „habituelle Lauheit“ der Gemäßigten ein Teil des Problems sei: „Ein Radikaler wiegt zwanzig Gemäßigte auf.“ Es brauche eine „Militanz der Mitte“, um den Lautsprechern an den Rändern etwas entgegenzusetzen. Hannes Ley stimmt ihm zu: „Wir sind noch viel zu wenige.“ Alle Podiumsgäste kennen den Unfrieden in den Medien auch aus eigener Erfahrung und wussten von persönlichen Anfeindungen zu berichten. Andreas Püttmann zitierte aus einer Morddrohung, die ihn per E-Mail erreichte und die mit „Adolf Hitler, Reichsführer“ unterzeichnet war. „Noch unangenehmer“, so Püttmann, seien jedoch organisierte „shitstorms“, „mit denen derzeit vor allem radikalisierte Konservative, auch in der Kirche, kritische Journalisten zu verleumden und einzuschüchtern versuchen“. Der Publizist sprach von „Internet-Mobbing, Telefonterror und Paketsendungen mit unter falschem Namen bestellter Ware“ und resümiert: „Faschistische Methoden beginnen weit vor dem Kernbereich des Rechtsextremismus.“ Überraschend sei, fügte Gniffke an, der redaktionell die ARD-Nachrichtensendungen (also: Tagesschau, Tagesthemen und Nachtmagazin) verantwortet, dass mittlerweile gar nicht mehr der Schutz der Anonymität gesucht werde. Immer öfter erreichten ihn Hassmails, gar Morddrohungen unter Klarnamen. Dadurch sei es aber oft auch möglich, mit dem Betreffenden in Kontakt zu treten und in der direkten Ansprache zu einer sachlichen und vernünftigen Diskussion zu gelangen. Das Phänomen der virtuellen Aggression bleibt insoweit rätselhaft. Könne man, so fragt Moderatorin Nothelle, die Möglichkeit der Rückmeldung nicht auch als Chance begreifen? Ja, meinte Joachim Frank, das könne man durchaus, nämlich dann, wenn Rückmeldungen zum sachlichen Korrektiv werden. Journalisten seien nicht immer die besten Experten. „Wenn sich jemand meldet und mich auf etwas hinweist, dass ich noch nicht berücksichtigt habe, nehme ich das schon zur Kenntnis, und das fließt dann auch in meine weitere Arbeit zum Thema ein.“

Trotz dieser Wertschätzung für das Potenzial der Schwarmintelligenz tritt eine klare Dichotomie zu Tage: „Wir“ und „die“. Wir, die Profis – und dann sie, die Hobbypublizisten, die sich im Netz überall ausbreiten. Und die immer von rechtsaußen kommen. Die man deswegen auch monolithisch behandeln darf. Auch von „Gegenseite“ ist in diesem Kontext die Rede. Wer ist gemeint? Auf dem Podium scheint das klar zu sein. Einige Beispiele werden genannt, Beispiele von rechtsaußen. Doch ist es wirklich so klar? Ist das Netz nicht zu groß für Zweifarbigkeit – schwarz („die“) und weiß („wir“)? Und wenn diese Dichotomie dazu dienen soll, sich gegen Medienkritik zu immunisieren, geschieht das dann nicht mit Hilfe des überwunden geglaubten Autoritätsarguments, nun bereits auf vorgezogenem Posten? Wird so nicht das journalistische gatekeeping von der Orientierungsleistung wieder zum Herrschaftsinstrument, das allein mit dem positiven Selbstbild und daher aus Gesinnung gerechtfertigt ist?

Auch die „Schelte der Medienschelte“, die Joachim Frank schließlich vornahm, geht eher in die Richtung, den eigenen Bereich abzuschotten vor dem Unverständnis der Rezipienten. Er zitiert den damaligen Regensburger Bischof Müller mit den Worten, die Berichterstattung im Zusammenhang mit dem Bekanntwerden des Missbrauchsskandals sei eine „Verfolgung wie unter Goebbels“. Das ist – wenn es denn stimmt – sicher übertrieben, nur saß Joachim Frank auch als „Chefkorrespondent der MediengruppeDuMont“ auf dem Podium, zu der auch die „Frankfurter Rundschau“ gehört, die ehedem schrieb: „Papst [Benedikt, J.B.] soll sich zu Odenwald äußern!“ Die katholische Rahmung des Themas Missbrauch ging also auch von einem Medium aus, für das Frank verantwortlich zeichnet. Das ist einigermaßen pikant, vor allem, wenn es den Anschein hat, Frank wolle – in der Opferrolle eingerichtet – die Kritik an der Berichterstattung pauschal diffamieren. Damit dürfen sich eher die bestätigt fühlen, die übertrieben medienkritisch sind. Also: die „Gegenseite“.

Zu Kardinal Müller fällt Püttmann auch noch etwas ein: Bei dessen Ernennung zum Präfekten der Glaubenskongregation habe die ZDF-Moderatorin Petra Gerster ihre subjektive Einschätzung so mit der Nachricht vermischt, dass diese eher einem Kommentar glich. Die Botschaft: Auch Medien müssen selbstkritisch bleiben, und wenn sie das nicht im nötigen Maß sind, auch kritisiert werden dürfen. So scheint die Kunst der Stunde also darin zu bestehen, zwischen kritischer Meinungsäußerung und verhetzendem Hass zu unterscheiden, um die fruchtbaren Aspekte des „Journalismus von unten“ in den Leitmedien nutzen zu können.