Schule ohne Wahrheitsanspruch

Relativistische Werte: In Niedersachsen wird das Ersatzfach „Werte und Normen“ auf die Grundschule ausgeweitet. Von Andrea Schultz

In Niedersachsen wurde im laufenden Schuljahr 2017/2018 die erste Erprobungsphase für den Unterricht „Werte und Normen an Grundschulen“ abgeschlossen. Bislang gehörte dieses Fach zu den Pflichtfächern in der Sekundarstufe für diejenigen Schülerinnen und Schüler, die den Religionsunterricht nicht besuchen. So hatte es das Niedersächsische Schulgesetz vom 30.5.1974 eingeführt. Nach der Schulgesetznovelle von 1993 erhielt das Fach den Status eines ordentlichen Lehrfaches mit dem Namen „Werte und Normen“.

Die Ausweitung auf den Primarbereich, die Grundschule, erfolgte laut einer offiziellen Mitteilung des Niedersächsischen Kultusministeriums „vor dem Hintergrund gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen und dem Wunsch vieler Eltern von Grundschülerinnen und Grundschülern nach einem wertebildenden Alternativfach zum Religionsunterricht“. Die nun abgeschlossene erste Erprobungsphase, die an zehn niedersächsischen Grundschulen stattfand, wurde durch das Niedersächsische Landesinstitut für schulische Qualitätsentwicklung (NLQ) evaluiert und erhielt ein durchweg positives Feedback. Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne erklärte: „Test bestanden“. Deshalb wird die Erprobung ab dem Schuljahr 2018/2019 in einer zweiten Phase auf 40 Grundschulen ausweitet. Damit folgt das Land Niedersachsen dem Beispiel anderer Bundesländer, die bereits das Ersatzfach „Ethik“ für Grundschülerinnen und Grundschüler, die nicht am Religionsunterricht teilnehmen, eingeführt haben, so Bayern, in Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Allerdings ist das Fach „Ethik“ als Teil der Philosophie eigentlich anders gelagert und begründet als ein Lehrfach „Werte und Normen“.

Die Einführung eines zum Religionsunterricht alternativen Lehrfachs bedeutet einerseits, dass dem Religionsunterricht eine besondere Bedeutung beigemessen wird, Werte und Normen zu vermitteln. Andererseits wird daran auch deutlich, dass eine solche Vermittlung notwendig ist. Das Niedersächsische Kultusministerium bezieht sich in diesem Zusammenhang auf eine Studie der Bundeszentrale für Politische Bildung (bpb) über den Wertewandel seit Gründung der Bundesrepublik. Insbesondere in den 1970er Jahren sei ein Wandel eingetreten, der die Gesellschaft bis heute präge. Das neue Schlüsselwort laute: Selbstverwirklichung. „Die Menschen richteten ihr Leben nicht mehr nach tradierten kollektiven Lebensweisen ein, die sie meist von den Eltern übernommen hatten. Vielmehr wurde es eine Frage der individuellen Wahl oder Kreation des eigenen Lebensstils, welchen Bildungsweg man einschlägt, welche Berufswahl man trifft, ob und, wenn ja, wann man eine feste Beziehung eingeht, ob man heiratet oder nicht, ob man Kinder bekommt oder nicht, ob man sich gesellschaftlich und politisch engagiert oder nicht“, heißt es in der Studie.

Zwar müsse Selbstverwirklichung nicht gleich zu Egoismus oder gar Werteverfall führen, aber heute gehe es nicht mehr darum, Jugendlichen einen fertigen Wertekanon überzustreifen: „Sie müssen zu ihren eigenen Werten finden, natürlich auch in der Auseinandersetzung mit den Werten anderer Individuen und anderer Kulturen.“ Die bpb berichtet ebenfalls über eine „Stagnation des Wertewandels in den 1990er Jahren und das Wiederanwachsen materialistischer Orientierungen wie auch die Zunahme der gemischten Werthaltung“.

Welche „Werte und Normen“ sollen den Grundschülerinnen und Grundschülern nun „in der Auseinandersetzung mit den Werten anderer Individuen und anderer Kulturen“ vermittelt werden? Ein Blick auf die Inhalte, die bislang im Lehrplan ab dem Sekundarbereich I stehen, mag Auskunft darüber geben. Berücksichtigt würden „unterschiedliche Weltanschauungen und Wahrheitsauffassungen im Sinne einer prinzipiellen Pluralität“. Grundlage seien die im Grundgesetz, der Niedersächsischen Verfassung sowie dem Niedersächsischen Schulgesetz explizit zum Ausdruck gebrachten Wertvorstellungen. Ein besonderer Stellenwert komme den Grund- und Menschenrechten und den Prinzipien des demokratischen und sozialen Rechtsstaates zu. Etwas konkreter wird es bei der Äußerung: „Dem Menschenbild der Aufklärung verpflichtet, wurzeln diese rechtlichen Bestimmungen in der Überzeugung, dass der Mensch eine spezifische Würde besitzt, d.h. einen unverfügbaren, nicht im Namen anderer Prinzipien zu relativierenden Eigenwert.“ Demnach habe der Mensch das Recht, „seine Persönlichkeit frei und eigenverantwortlich zu entfalten und sich als selbstbestimmtes Individuum an der Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens zu beteiligen“.

Bezüglich des Unterschieds zum Fach Religion wird im Lehrplan hervorgehoben, dass die Behandlung ähnlicher Fragen „hier ausdrücklich nicht an die Grundsätze einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft gebunden“ sei. Und: „Verbindliche Antworten können daher nur auf der Grundlage der verfassungsmäßigen und dem Bildungsauftrag entsprechenden, nicht aber weltanschaulicher und religiöser Prämissen gegeben werden.“ Der Unterricht solle die „Einsicht“ vermitteln, „dass es konkurrierende Wahrheits- und Weltauffassungen gibt. Diese erfordern einerseits eine Standortbestimmung und andererseits eine Haltung, die von Empathie und Toleranz geprägt ist.“

Die letztgenannte Relativierung lässt aufhorchen: Kindern im Grundschulalter soll vermittelt werden, dass es „konkurrierende Wahrheitsauffassungen“ gebe. Gilt diese Relativierung auch für das „Menschenbild der Aufklärung“, dem das Niedersächsische Kultusministerium „verpflichtet“ sei? Konkurrieren dieses Menschenbild beziehungsweise die „Werte des Grundgesetzes“ einfach mit anderen „Weltauffassungen“? Oder sollten sie doch noch absolut gesetzt werden? Soll die „Haltung“, die Grundschulkindern beigebracht werden soll, ebenso von Toleranz gegenüber denen geprägt sein, die andere Meinungen vertreten – etwa, dass es doch eine absolute Wahrheit gibt, die es zu finden gilt? Oder sollen Kinder dazu angehalten werden, lediglich gegenüber denjenigen tolerant zu sein, die ebenso eine relativistische Wahrheitsauffassung vertreten? Ohne eine Verankerung in absoluten Überzeugungen nehmen sich „Werte und Normen“ eher relativ aus.