Salon Deutschland

Warum jetzt nur noch Bildung, Glaube und Schönheit helfen. Von Matthias Matussek

Der Salon kommt wieder in Mode
Der Salon war Treffpunkt der Intelligenz und Schöngeister, besonders in den Jahrhunderten nach der französischen Revolution. Foto: (142001998)

Unter dem Stichwort „Salon“ liefert Google heute in erster Linie Frisöre, dabei war er – der Salon – Treffpunkt der Intelligenz und Schöngeister besonders in den Jahrhunderten nach der französischen Revolution, die Romantiker mit den Schellings führten einen, Rahel Vanhagen ebenso, Zusammenkünfte für jene Gruppe von Menschen, für die es das deutsche und in andere Sprachen unübersetzbare Wort „Bildungsbürger“ oder gar „Bildungsadel“ gibt. Während in Frankreich der Cityoen oder der Bourgois sich gegen den Adel durch wirtschaftlichen Erfolg emanzipierte, war es unter den Deutschen der Gebildete, der akademische Positionen einnahm und damit Augenhöhe zum Adel erreichte, den Aufstieg zur Elite wie Goethe am Weimarer Fürstenhof.

Die Einrichtung von Salons ist in unserer egalitätssüchtigen Gesellschaft verkommen

Leider ist die Einrichtung von Salons in unserer egalitätssüchtigen Gesellschaft verkommen, nur noch vereinzelt durfte ich sie im ehemaligen Westberlin erleben bei Nikolaus Sombart oder nach dem Mauerfall bei Irene Dische, der Autorin und wunderbaren Gastgeberin, wo musiziert wurde durch ihren Freund Wladimir Ugorskij, wo sich meist linksliberale Theaterleute und Schriftsteller trafen, wobei etwa Peter Zadek zunehmend konservative Züge aufwies, ebenso wie Hans Magnus Enzensberger oder Alexander Kluge.

Sicher gibt es heute noch den einen oder anderen, einem interkonfessionellen wohnte ich mal bei, der allerdings eine freudlose Angelegenheit war zwischen Stuhlkreis und Käsestulle.

Wie überrascht war ich von der Einladung zu einem in Köln. Mosebach las dort, ich ebenfalls, (die ZEIT nutzte es zu einer albernen und gehässigen Vernichtung), diesmal beehrten gleich zwei Künstler das schlichte Einfamilienhaus in Köln-Marienburg. Hubertus Erfurt, ein Restaurateur und Gutachter, richtet in diesem Back- steinhaus von 1930 (keine „Villa“, ZEIT) seinen Salon aus.

Nun also traten dort zwei Künstler auf, Michael Klonovsky, Autor des Buches „Lebenswerte“, um die es an diesem Abend gehen soll, und seine Frau, die Klaviervirtuosin Elena Gurevich, die mit Mussorgksi, Mozart und Chopin und anderen begleitete.

Ich erkannte das Haus wieder an dem grünen Mercedes 600, Baujahr 1969, der vor dem Gatter parkte, ein halbes Jahrhundert also, aber in einem beneidenswerten, ja makellosen Zustand. Hubertus Erfurt liebt die schönen Dinge und er pflegt sie.

Nun also ein Autor und seine Frau, eine hinreißende jüdische Russin aus Kaliningrad, die die Lesungen der Prosastücke nicht einfach begleitete, sie verlieh ihnen einen zusätzlichen Glanz in einem einzigen Ineinanderweben, in einem Dialog über – eben die schönen Dinge.

„Lebenswerte“ nennt Michael Klonovsky seine funkelnden Betrachtungen über das, was in unserer Welt der schlurfenden und rucksacktragenden fortschrittsgläubigen Hedonistenheere, der „Spätmenschen“ wie sie Nietzsche nennt, verloren geht, die nicht mehr wissen „was ist Stern, was ist Liebe, und blinzeln“.

Es geht an diesem Abend um unser gar nicht linksgrünes Gespür für Kunst und Tradition

Es geht an diesem Abend schlicht um Restbestände, um unser gar nicht linksgrünes Gespür für Kunst und Tradition und Erbe.

Ein gutbürgerlicher Salon, auch wenn mit Graf Metternich und Gräfin Andraczyi Adel unter den Besuchern ist, ansonsten ein Filmproduzent, der Pfarrer aus der Nachbargemeinde, ein paar Professoren, Unternehmer und Anwälte, Bildungsbürgertum, Bildungsadel, lauter letzte Mohikaner.

Stimmgewirr und Wiedersehensfreude und Champ- agner, offene Küche, in der die blassblonde Hausherrin Wein und Wasser ausgibt (es darf geraucht werden!!!) und gegenüber eine Kommode Louis XVI., an der Günter Jauchs Cousin, Insolvenzvollstrecker von Karstadt, eine Zigarette schnorrt.

Alle an diesem Abend sind Brüder im Geiste

Hubertus Erfurt mit seinem Faible für die schönen Dinge (Vintage Prints von Cecil Beaton und Helmut Newton hängen in antiken Rahmen in den Fluren) ist Klonosvkys Bruder im Geiste, ach eigentlich sind es alle an diesem Abend, der somit ein Art Widerstandsnest bildet gegen Fastfood und Badelatschen, Kaufhaus-Muzak und sonstige Unterforderungen wie den gleichzeitig auf der Kölner Domplatte ausgetragenen „Internationalem Kampftag gegen Drogo- und Tanzphobie“ mit SPD-queer und jeder Menge Schwermetall in den Gesichtern.

Nach einführende Worten des Hausherrn, in denen er Pressestimmen zum Autor erwähnt – die genauste stammt ausgerechnet von Claas Relotius, dem Spiegel-Fälscher, der ihn einen „Wiederganger von Karl Kraus und einen Seelenverwandten von Bothop Strauß“ nennt.

Michael Klonovsky, dunkler Einreiher, Weste, Einstecktuch, nimmt Aufstellung vor einem wanddeckenden Bücherregal, wo sonst, Elena Gurevic sortiert ihr Kleid auf dem Schemel vor einem Blüthner-Flügel, und selbstverständlich beginnt die Soiree mit einer Hymne auf den Lebenswert „Bücher“ und einem begeisterten Ausruf Peter Handkes: „Was für eine Herrlichkeit war bei uns zu Hause ein Buch!“

"Was für eine Herrlichkeit
war bei uns zu Hause ein Buch!"
Peter Handke

Um mit einer Liebeserklärung an das „gebundene Papier“ fortzufahren, das er „noch knapp vor dem Wein, der Musik und den Dessous für die höchste Kulturtat des Menschengeschlechts“ hält, ein Gesang auf Haptik und Geruch, auf Satzprägung und Frontispiz und natürlich das Lesebändchen und wenn möglich mit Goldschnitt, denn auch die Ausstattung gehört zur Wertschätzung, die bei einem jährlichen output der Buchindustrie (anders lässt es sich nicht bezeichnen) von über 70 000 Büchern pro Saison notgedrungen auf der Strecke bleibt – und da ist der Inhalt noch mit keiner Silbe berücksichtigt. Höchstens, dass man vermeiden sollte, Kant neben de Sade zu sortieren, oder Heidegger neben Adorno, denn auch Bücher führen geheime Zwiesprache oder fremdeln, davon ist Klonovsky überzeugt.

Der Blick schweift über die Bücherwand, man denkt unwillkürlich an die eigenen Lieblingsbücher, ihre lange anhaltenden und möglicherweise lebensändernden Nachwirkungen, Goldschnitt ist da vielleicht garnicht so wichtig, „Schuld und Sühne“ hat mich buchstäblich erkranken lassen, so sehr hat es mich von den Sohlen geholt, und das als Paperback.

Und mitten hinein in diese Erinnerungen die sanften Klänge aus dem zweiten Satz der „Pathetique“ Beethovens, Klänge, die erneut träumen lassen unter den behutsamen Tasten-Anschlägen der Gurevich.

Erstaunlich sind die Einlassungen Klonovskys zum Thema Religion

Folgerichtig die Überleitung zum Lebenswert „Klaviermusik“, die Klonovsky nicht nur durch seine Lebensgefährtin zur täglichen Kost wird, nein, darüber hinaus zur Leidenschaft und zur allerschönsten Besessenheit, die Konzertbesuche und vergleichende Aufnahmen der Großen wie Horowitz, Radu Lupu oder Pollini miteinschließen.

Im Vorwort seines Buches gibt Klonovsky Lücken preis, denn so fundamentale Lebenswerte wie Familie, Arbeit oder Freunde bedürften keiner Erläuterung (was im Falle Familie heutzutage höchst strittig ist – der Autor setzt vier Kinder dagegen), und von Schönheit ist an diesem Abend in jedem Satz subkutan ohnehin die Rede.

Erstaunlich die Einlassungen des Autors zum Thema Religion – er, der im Osten Deutschlands aufwuchs und damit atheistisch, macht keinen Hehl daraus, dass er nicht glauben kann. Aber er verrät ein derartig tiefes Sensorium für die Seelenwirkung der Religion, besonders der katholischen, das manchem unserer gedankenlos-progressiven Bischöfe zu wüschen wäre. Er sagt: „Ich mag betende Menschen; sie befinden sich so wundervoll weit entfernt von ihrem Ego.“ Um nichts anderes geht es im Gottesdienst. Dass der westliche Mensch nicht mehr knien kann, hält er für einen Verlust. Er nennt Kirchen „die Tunnel in die Tiefe der Zeiten, wo ich Kontakt aufnehmen kann zu denen, die vor mir auf diesem Planeten die große Fragen stellten und ihre Antworten in Stein verewigten, unsereinen zu erheben und zugleich zu beschämen.“

„Geht in die Kirche
und knie dich hin –
der Rest kommt von allein“
Claudel

Und er kennt viele der schönsten Kirchen von innen, die Kathedralen von Reims oder Amiens, die Kirche in Assisi mit ihren Giotto-Fresken und dem goldbesternten blauen Deckengewölbe, und er schwärmt von der Santa Maria Assunta in Torcello mit ihrer byzantinisch-venezianischen Symbiose, Ost- und Westkirche also noch vereint, von den Ikonen, die nicht darstellen, sondern verkündigen, vom „goldene Hintergrund des göttlichen Lichts, das darauf verweist darauf, dass keineswegs ich die Ikone anschaue, sondern vielmehr das Licht von der anderen Seite auf mich fällt“. Das soll ein Atheist geschrieben haben? Und mir fällt ein, was Claudel einst zu Gide sagte, der sich beklagte, dass er nicht glauben könne: „Geht in die Kirche und knie dich hin – der Rest kommt von allein.“

Nun ist nicht nur die Religion eine große Verblassung in unserer Lebenswelt, sondern auch die Schönheit, genauer: die weibliche Schönheit. Folgt also der Lebenswert „high heels“, die Elena Gurevich am Flügel so selbstverständlich trägt wie Dirk Nowitzki seine Turnschuhe in der Halle, der allerdings auch keine Pedale zu bedienen hat wie die Virtuosin und auf dem Spielfeld auch nichts mit ihren zarten Fesseln bewerkstelligen könnte.

In Kaliningrad, erzählt Klonovsky beglückt, könne man in der Altstadt keinen Schritt über die Kopfsteinpflaster tun, ohne Frauen zu begegnen, die „sich zurechtgemacht haben“ und ergo völlig unteremanzipiert nicht in Pluderhosen und Hawainas latschen, sondern auf Stilettos balancieren. Frauen sind nicht „ein dekoratives Geschlecht“, verbessert er Oscar Wilde, sondern DAS dekorative Geschlecht, für das Männer Dächer bauen, damit sie nicht nass werden, Sinfonien komponieren, oder sich auf den Mond schießen lassen. Eifriges Nicken in der Runde, auf den restaurierten Stilsesseln, auf dem Sofa unter dem riesigen Jagdstilleben eines flämischen Künstlers um 1700, und prompt hebeln die hohen Absätze Elena Gurevichs die Fußspitzen auf die Pedale in einen feurigen Cancan aus Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“.

„Kaum ein deutscher Autor
ist auf solch geschliffene Art reaktionär“
Die ZEIT über Klonovsky

Es folgen weitere Werte wie Kirche, Geschichtssinn, Essen, Italien und Heiterkeit, und nach einem Büffett und Stunden angeregtester Bestätigungen verlieren sich die Gäste in die Nacht, und Elena Gurevich gibt den Gebliebenen Zugaben auf Zuruf, und als sie sich in Schumanns „Träumerei“ verliert, seufzt selbst der Deutsche Langhaar zu Füßen seines Besitzers, eines passionierten Jägers.

Als der zehnjährige Franz, der älteste von vier, später noch hinzustößt, wohl schon im Bett gewesen, fragt ihn die Gurevich, ob er schätzen könne, wieviel Stunden sie an dieser verdammten Bach-Partita geübt hat? Achselzucken. „200 Stunden“. Franz wird blass. Er übt eine halbe Stunde am Tag.

Ein Kritiker der ZEIT schrieb über Klonovskys „Lebenswerte“: „Kaum ein deutscher Autor ist auf solch geschliffene Art reaktionär“.

Aber was denn sonst? Konservativ wäre falsch, denn wer will schon Genderei und Klimareligion bewahren? Alles an diesem Abend ruft den Verluderungen der Moderne entgegen: Zurück!

Mit seinem DDR-Schelmenroman „Land der Wunder“ gastiert Klonovsky, ebenfalls mit Gurevich, am 21. Juni in Dresden in Susanne Dagens Buchhandlung, am 26. September in der Hamburger Laeiszhalle.