Salomonisches Dilemma

"Kindeswohl" handelt von einem Recht, das keine Rücksicht auf persönliche Glaubensentscheidungen nimmt. Wie Glaube und Vernunft in lebensbedrohlichen Situationen wirken VON JOSÉ GARCÍA

Familienrichterin Fiona Maye (Emma Thompson) verhandelt Fälle, in denen es um die Grenzen zwischen Recht und religiösen Überzeugungen geht. Nachdenklich macht sie, dass ein Zeuge Jehovas eine lebensrettende Bluttransfusion ablehnt. Foto: „The Children Act“
Familienrichterin Fiona Maye (Emma Thompson) verhandelt Fälle, in denen es um die Grenzen zwischen Recht und religiösen ... Foto: „The Children Act“

Richterin Fiona Maye (Emma Thompson) ist an knifflige Fälle gewöhnt, bei denen die Grenze zwischen Recht und Ethik fließend zu sein scheint. Zu Beginn des Spielfilmes „Kindeswohl“ („The Children Act“) bereitet sich die angesehene Familienrichterin am High Court in London auf einen solchen Fall vor: Es geht dabei um siamesische Zwillinge, die zusammen nicht überleben können. Wenn aber – so die Richterin bei der Begründung ihrer Entscheidung – einem der zwei Kinder die Hauptschlagader durchtrennt wird, hat das andere Kind eine realistische Chance zu überleben. Die vorsätzliche Tötung des einen Kindes sei jedoch nicht als Mord zu betrachten. Denn das Gericht habe „nach dem Gesetz, nicht nach der Moral“ zu entscheiden. Damit argumentieren jedoch die Eltern der Kinder, die der Klinik verbieten wollen, einen solchen Eingriff vorzunehmen: „Gott hat das Leben geschenkt. Allein Gott darf es wieder nehmen.“ So führen auch Demonstranten vor dem Gerichtsgebäude Transparente mit der Aufschrift „Lasst Gott entscheiden“. Obwohl im Gerichtssaal ein Wappen mit der Aufschrift „Dieu et mon droit“ („Gott und mein Recht“) prangt, spielt der Rückgriff auf Gott bei der sich betont laizistisch gebenden Richterin – „Dieser dämliche Erzbischof von Westminster sitzt mir im Nacken“, sagt sie zu ihrem Mann Jack (Stanley Tucci) – keine Rolle. Sie entscheidet lediglich nach dem Gesetz.

Dieser Fall, der eigentlich nur die ersten zehn Minuten des auf dem Roman „The Law of the Child“ von Ian McEwan basierenden Spielfilms von Richard Eyre ausmacht, führt dem Zuschauer die Persönlichkeit der Richterin und die Prinzipien vor Augen, an die sie sich hält. Denn nach einer schnellgeschnittenen Sequenz mit weiteren Fällen muss sie nun einen Fall verhandeln, in dem es ebenfalls um die Grenzen zwischen Recht, Moral und den religiösen Überzeugungen geht. Es handelt sich um den 17-jährigen Adam Henry (Fionn Whitehead), der an Leukämie erkrankt ist. Als Zeugen Jehovas verweigern seine Eltern Kevin (Ben Chaplin) und Naomi Henry (Eileen Walsh) eine lebensrettende Bluttransfusion. Denn sie glauben, dass Blut heilig ist und deshalb nicht mit einem anderen Blut vermischt werden darf. Wieder einmal stellt sich für Richterin Maye die Frage, ob sie gegen den Willen und die religiösen Überzeugungen der Eltern eines Minderjährigen eine Therapie gerichtlich durchsetzen darf. „Milady“, wie sie insbesondere von ihrem von ihr nicht besonders freundlich behandelten Assistenten Nigel Pauling (Jason Watkins) angeredet wird, ist sich diesmal offensichtlich nicht sicher, weswegen die Richterin einen außergewöhnlichen Schritt unternimmt: Sie vertagt die Verhandlung, um Adam im Krankenhaus zu besuchen und sich dadurch ein eigenes Bild über den Minderjährigen zu machen.

Fiona Maye zeigt sich sehr überrascht, als sie Adam als sehr sensiblen jungen Mann kennenlernt. Die Richterin fühlt sich sichtlich berührt, als Adam auf der Gitarre ein Lied nach einem Gedicht von William Butler Yeats spielt, das offenkundig zu ihren Lieblingsgedichten zählt. Die Begegnung bestärkt sie in ihrer Meinung, Adam „vor seiner Religion und vor sich selbst“ schützen zu müssen. Das von Romanautor Ian McEwan selbst verfasste Drehbuch verknüpft den Hauptstrang mit einer Nebenhandlung um die Ehe der Richterin, die unter ihrer Arbeitssucht leidet. Ihr Mann Jack fühlt sich einsam, und gesteht ihr sogar eine Affäre. Bedeutender als die Eheprobleme scheint allerdings Jacks Einstellung zu sein. Denn aus der Vorlesung des Philosophieprofessors wird eine kurze Sequenz wiedergegeben, in der Jack Maye Flaubert zitiert: „Als die Götter fort waren, und Christus noch nicht gekommen, gab es einen einmaligen Moment von Cicero bis Marc Aurel. Da stand der Mensch allein. So, da haben Sie es: Bevor das Christentum begann, den Geist der westlichen Welt einzuschränken, wurde eines für kurze Zeit möglich, nämlich ein starrer, nachdenklicher Blick.“ Jack wird demnach als ebenso laizistisch wie seine Frau gezeichnet. Da ihnen jeweils Menschen gegenüberstehen, die aufgrund ihres Glaubens Entscheidungen auf Leben und Tod treffen, stößt „Kindeswohl“ eine interessante Diskussion über die Beziehungen von Glauben und Vernunft an. Bemerkenswert dabei: Fiona und Jack Maye verkörpern aufgeklärte, kultivierte Menschen – dass Fiona auch eine begnadete Pianistin ist, verstärkt diesen Eindruck noch. Die beiden sind darüber hinaus beruflich erfolgreich und besitzen einen hohen gesellschaftlichen Status.

Dennoch: Trotz dieser Erfolge funktioniert ihre Ehe nicht. Nachdem die Probleme angesprochen werden, nimmt jedoch „Kindeswohl“ eine Wendung, die den Film in eine ganz andere Richtung führt. Nun geht es um die Auswirkungen des Gerichtsurteils auf das Leben sowohl Adams als auch der Richterin. Weil die Entwicklung der Figuren nicht sonderlich gelungen ist, überzeugt dies eher wenig. Dennoch: Was „Kindeswohl“ sehenswert macht, ist über die bereits angesprochenen Fragen hinaus insbesondere auch die Hauptdarstellerin Emma Thompson, die hier ihrem Ruf als Charakterdarstellerin mehr als gerecht wird. Sie macht immer wieder deutlich, unter welchem Druck ein Richter bei solchen Entscheidungen steht. Obwohl Emma Thompson die Leinwand ausfüllt, bleibt auch genügend Spielraum für den jungen Fionn Whitehead, der ebenfalls die Zerrissenheit seiner Figur beeindruckend verkörpert. Auch wenn er sich wieder einmal mit einer Nebenrolle begnügen muss, überzeugt Stanley Tucci in seiner Rolle als vernachlässigter Ehemann.

„Kindeswohl (The Children Act)“. Regie: Richard Eyre, 105 Minuten, DVD, EAN 4010324203779, EUR 7,99.

Der Film ist ebenfalls auf Amazon Prime ohne Aufpreis zu sehen.