Parade wandelnder Archetypen

Optimismus für eine verrückte Welt: Warum „Avengers: Endgame“ alle Rekorde bricht Von Stefan Ahrens

"Avengers 4: Endgame"
Kraftvoll: Thor (Chris Hemsworth) im Film „Avengers 4: Endgame“.Marvel Studois/Walt Disney Germany/dpa Foto: Foto:

Zunächst einmal die reinen Fakten: Der von Marvel Comics und der Walt Disney Company Ende April herausgebrachte Superheldenfilm „Avengers: Endgame“ steht möglicherweise kurz davor, der finanziell erfolgreichste Kinofilm aller Zeiten zu werden.

Zwar thront auf der Liste der erfolgreichsten Filme seit 2009 scheinbar uneinholbar James Camerons Science-Fiction-Epos „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ mit sagenhaften 2,78 Milliarden Dollar Einspielergebnis – doch gegenwärtig hat „Avengers: Endgame mittlerweile 2,73 Milliarden US-Dollar auf der Habenseite zu verbuchen. Damit brauchen die Marvel-Superhelden nur noch knapp 50 Millionen US-Dollar einzuspielen, um „Avatar“ einzuholen. James Cameron gratulierte bereits den Machern von Marvel und Disney per Twitter, als deren Film zum zweiterfolgreichsten Film aller Zeiten avancierte – möglicherweise wird er es demnächst wieder tun müssen.

Die Erfolgsgeschichte Marvel: Seit 2008 mit „Iron Man“ der erste eigenproduzierte Superheldenfilm in die Kinos kam (die Rechte anderer Marvel-Comicfiguren wie „Spider-Man“ oder der „X-Men“ gehörten bis dato anderen Filmstudios) wurden in knapp elf Jahren nicht weniger als 22 (!) Filme veröffentlicht, die insgesamt rund 20 Milliarden US-Dollar eingespielt haben – selbst „Star Wars“, „Harry Potter“ und „James Bond“ können da nicht mithalten. Die erfolgreichsten Teile innerhalb dieses sogenannten „Marvel Cinematic Universe“ sind die Avengers-Filme, in denen die wichtigsten Marvel-Helden mitspielen und „Black Panther“ von 2018 mit fast ausschließlich farbigen Darstellern. Sogar Schauspiellegenden wie Michael Douglas und Robert Redford ließen sich für Rollen in eben diesen Blockbustern engagieren.

Die Filme strahlen einen großen Optimismus aus

Um das Popkultur- und Business-Phänomen Marvel (und damit letztendlich auch den Erfolg von „Endgame“) zu erklären, muss man wiederum ins Jahr 2008 zurückblicken. Nachdem der Comicbuchverlag Marvel zunehmend neidisch auf den Comicbuch-Konkurrenten DC blickte, der mit seinen weltweit bekannten Helden „Batman“ und „Superman“ keine Probleme hatte, Kino-Säle zu füllen, entschloss man sich, eine eigene Filmsparte zu gründen – und einen Plan zu verfolgen, den es so bis dato noch nicht im Kino gegeben hatte.

Denn der von Marvel mit dem Aufbau des eigenen Filmstudios beauftragte Produzent Kevin Feige kam auf die Idee, ganz im Stil der Comics Geschichten zu erzählen, in denen mehrere Superhelden gemeinsam agieren – und nicht wie sonst üblich pro Film nur ein Held für sich alleine. So ging das breite Publikum 2008 ohne besondere Erwartungen ins Kino, um den von Robert Downey Jr. verkörperten Superhelden „Iron Man“ zu sehen – und stellte fest, dass der Film nicht einfach nur für sich stand und in sich selbst abgeschlossen war. Denn: Es gab noch eine Szene nach dem Abspann. Der bekannte US-Schauspieler Samuel L. Jackson („Pulp Fiction“, „Unbreakable“) trat dort als Nick Fury auf. Dieser leitet in den Marvel-Comics die Geheimorganisation „S.H.I.E.L.D.“, die unter den Namen „Avengers Initiative“ Wesen mit außergewöhnlichen Begabungen zum Schutz der Erde anwirbt und macht Tony Stark/Iron Man am Ende seines Filmabenteuers klar, dass dieser nicht der einzige Superheld auf Erden sei. Somit wurde am Ende nicht nur Titelhelden, sondern auch dem Kinopublikum klar, dass „Iron Man“ nur der Beginn einer ganzen angedachten Serie von Superheldenfilmen sein sollte.

Aus einem Superhelden wurden Dutzende, aus einem Film zweiundzwanzig: Alle Marvel-Superhelden, die im Anschluss an „Iron Man“ ihre eigenen Filme erhielten (unter ihnen „Captain America“, „Hulk“ „Thor“ oder „Spider-Man“) und später in Ensemble-Filmen gemeinsam gegen einen oder mehrere Hauptfeinde kämpften, hatten ihre ganz eigentümlichen Eigenschaften, Probleme und Geschichten, die die Fans berührten – mit ihrer Mischung aus Action, Humor und Tragik. Gleichzeitig stellten ihre Abenteuer Puzzle-Teile dar, die nun in „Avengers: Endgame“ (und in einem seit mehreren Jahren angekündigten Endkampf) das komplette Bild ergaben. So gibt es drei Gründe, warum Marvels und Disneys „Avengers: Endgame“ in den weltweiten Kinosälen einschlägt wie die buchstäbliche Bombe: Der erste Grund besteht zunächst darin, dass Millionen Menschen weltweit seit 2008 wie treue Zuschauer einer regelmäßig laufenden TV-Serie die ständig wachsende Familie der Superhelden in ihren zahlreichen Filmen begleitet haben und diese ihnen mittlerweile so vertraut geworden sind wie Freunde oder Verwandte.

Wer so lange und über die Jahre hinweg regelmäßig ins Kino gegangen ist, um immer wieder aufs Neue in die Welt der Superhelden einzutauchen, der wird beim großangekündigten (Zwischen-)Finale der Filmreihe und dem ebenso verkündeten Abschied einiger bis dato wichtigen Charaktere des „Marvel Cinematic Universe“ nicht abseitsstehen wollen. Der will ein letztes Mal sich mit ihnen freuen, mit ihnen lachen, um sie weinen (denn nicht jeder Held schafft es aus „Endgame“ lebend heraus) – und strömt deshalb ins Kino.

Der zweite Grund für den Erfolg des Filmes und der Filmreihe insgesamt ist der unglaubliche Optimismus, den die Marvel-Filme gerade in Zeiten politischer Unsicherheiten und ökonomischer Krisen ausstrahlen: Denn die dort agierenden Superhelden schaffen etwas, das in der gegenwärtigen Weltlage in ziemlich weiter Ferne liegt: einen globalen zwischenmenschlichen, Kulturgrenzen überschreitenden Konsens in chaotischen Zeiten, der Hoffnung weckt.

Ganz nach dem Motto „Du hast keine Chance, also nutze sie!“ wird hier die ungebrochene Macht des amerikanischen Pragmatismus großgeschrieben, der es ermöglicht, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Eine verheißungsvolle und universal attraktive Botschaft in einer aus den Fugen geratenden Welt. Und der dritte – mehr oder weniger offen eingestandene – Grund, warum Superhelden generell (und Marvel-Filme im Besonderen) so erfolgreich sind, liegt außerdem darin, dass einem meist jugendlichen Publikum in diesen Filmen neben gut gemachter Unterhaltung durchaus Orientierung und Konfliktlösungsansätze für das eigene Leben angeboten werden.

Dieses geschieht in Superheldenfilmen vor allem dadurch, da die dort auftretenden Charaktere fleischgewordene, fürs 21. Jahrhundert aufbereitete klassische mythologische Gestalten verkörpern.

Tiefenpsychologen und Mythenforscher wie C.G. Jung, Mircea Eliade oder Joseph Campbell (der George Lucas nachweislich zu „Star Wars“ inspirierte) hätten Tränen in den Augen bei dieser zur Schau gestellten Parade wandelnder Archetypen und (fehlerhaften) Göttern in Uniform und Menschengestalt. Auch der Psychologe und Bestsellerautor Jordan Peterson widmet sich in seinen tausendfach gesehenen Podcasts bei Youtube auch von Zeit zu Zeit den Marvel-Superhelden – und weist beispielsweise Einflüsse ägyptischer Mythologie in deren Charakterbildung nach.

Auch wenn es in den Marvel-Filmen (ebenso wie in den meisten Filmen und Serien aus Hollywood) mittlerweile betont „bunt“, LGTBQ-freundlich und „divers“ zugeht, werden letztendlich doch Werte wie Freundschaft oder Familienzusammengehörigkeit und Tugenden wie Tapferkeit oder Demut hochgehalten, die man abwechselnd als „klassisch“, „konservativ“ oder „überzeitlich“ bezeichnen kann. Und das ist letztendlich mehr, als man von Filmen, die eigentlich für ein Massenpublikum produziert werden, erwarten kann.