Notre-Dame: Verschwörungstheorien zum Brand

Stecken die Gelbwesten hinter dem Brand von Notre-Dame? War es gar ein Terroranschlag? Mutmaßliche Auffälligkeiten in der Entwicklung des Feuers bieten einen Nährboden für zahlreiche Verschwörungstheorien. Von Maximilian Lutz

Notre-Dame: Verschwörungstheorien zum Brand
Anlass zu Spekulationen lieferte manchen auch die Tatsache, dass Teile des Baugerüstes schmolzen, das den Vierungsturm bei Ausbruch des Brandes umgab. Foto: Thibault Camus (AP)

Dass es sich bei dem verheerenden Brand der berühmten Pariser Kathedrale Notre-Dame Mitte April um einen Unfall handelte, gilt weiterhin als wahrscheinlichste Annahme. Gleichzeitig halten sich im Netz hartnäckig zahlreiche Verschwörungstheorien. Ihnen gemein ist die Behauptung, der Brand sei vielmehr ein krimineller, möglicherweise gar terroristischer Akt gewesen. Dass die Untersuchung des Falles sogleich unter der Beschreibung „unfreiwillige Zerstörung“ geführt wurde, milderte die Spekulationen nicht im geringsten. Im Gegenteil: Für manche ist das erst recht ein Beweis, dass hier vertuscht werden sollte.

Insbesondere die Sozialen Netze trugen zu einer schnellen Verbreitung von Mutmaßungen und Spekulationen bei. Viele Spekulationen konnten schnell widerlegt werden: In einigen Videos waren schemenhafte Gestalten auf den Türmen und dem Dach der Kathedrale zu sehen. Hatten sich Unbefugte Zutritt zum Gotteshaus verschafft? Nein. Die Bilder zeigten lediglich steinerne Statuen oder Feuerwehrmänner. Bei anderen Theorien hilft eine Experten-Einschätzung weiter.

Manche wollen in der Rauchentwicklung Indizien für Brandstiftung gesehen haben

So wollten manche in der Beschaffenheit des Feuers sowie der Rauchentwicklungen Indizien für Brandstiftung gesehen haben. „Unnatürlich hell“ seien die Flammen gewesen, der Rauch von solch gelber Farbe, wie sie nur beim Einsatz chemischer Brandbeschleuniger auftrete. Karl-Heinz Knorr, Vizepräsident des Deutschen Feuerwehrverbandes (DFV), mahnt hier zu Vorsicht. Das Erscheinungsbild eines Brandes hänge immer von mehreren Einflussgrößen ab:

„Welche Stoffe brennen? Wie viel Sauerstoff steht zur Verfügung, das heißt, wie gestalten sich die Zufuhr von Frischluft und die Abführung des Brandrauchs?“

Davon abhängig seien die unterschiedlichsten Szenarien erklärbar, „also eine breite Palette von Flammenbildern, Temperaturen, Helligkeiten, Farben – und zwar sowohl in den Flammen als auch im Brandrauch“, so Knorr gegenüber dieser Zeitung. Er habe in den Dokumentationen nichts Ungewöhnliches wahrgenommen, meint der DFV-Vizepräsident, der unter anderem für den Bereich Einsatz, Löschmittel und Umweltschutz zuständig ist. Im Rahmen chemischer Untersuchungen fanden sich zudem keine Spuren künstlicher Brandbeschleuniger.

„Baugerüste bestehen aus Stahl,
Stahl schmilzt je nach seiner Zusammensetzung
bei 1000 bis 1500 Grad Celsius“
Karl-Heinz Knorr, Vize-Präsident des Deutschen Feuerwehr-Verbandes

Anlass zu Spekulationen lieferte manchen aber auch die Tatsache, dass Teile des Baugerüstes schmolzen, das den Vierungsturm bei Ausbruch des Brandes umgab. Bei einer Hitze von bis zu 1000 Grad, die ein solcher Brand maximal erreiche, könne kein Metall schmelzen, schreiben Verschwörungstheoretiker in Online-Foren. Auch hier warnt Knorr vor voreiligen Schlüssen: „Baugerüste bestehen aus Stahl, Stahl schmilzt je nach seiner Zusammensetzung bei 1000 bis 1500 Grad Celsius.“

Und gerade Eichenholz, aus dem der Dachstuhl ausschließlich bestand, entwickele beim Abbrand sehr hohe Temperaturen. Abgesehen davon besitze Stahl schon bei einer Temperatur von 500 Grad nur noch die Hälfte seiner regulären Festigkeit, „das heißt, es kann bereits in diesem Temperaturbereich zum Versagen durch Verformung an hoch belasteten Knotenpunkten der Gesamtkonstruktion kommen“, gibt der DFV-Vize zu bedenken.

Bestätigt sahen sich Verschwörungstheoretiker durch ein Interview mit dem ehemaligen Chef-Architekten der Kathedrale, Benjamin Mouton. In einer Expertenrunde im französischen Fernsehen zeigte er sich fassungslos über die schnelle Ausbreitung des Feuers. Er könne sich nicht erklären, wie die Flammen mit derartiger Geschwindigkeit hätten um sich greifen können. Zudem habe es ihn verwundert, wie das 800 Jahre alte Eichenholz des Dachstuhls, „la fôret“ genannt, sich überhaupt so leicht habe entzünden können. Eine Erklärung hierfür liefert Knorr:

„Holz brennt am besten, je trockener es ist – dies dürfte bei Notre-Dame unstrittig der Fall gewesen sein.“

Zwar lasse sich Eichenholz eher schwer entzünden. Wenn es an einer Stelle erst einmal gelungen sei, entstünden aber hohe Temperaturen, die eine weitere Ausbreitung begünstigten. „Wenn es dann auch noch unten angefangen hat zu brennen, begünstigt die konvektiv aufsteigende Wärme eine rasche Brandausbreitung auf darüber liegende Hölzer.“ Somit dürften die Online-Videos mancher Hobby-Pyrotechniker, die vergeblich versuchen, Eichenholz mit dem Schweißbrenner zu entzünden, hinfällig sein.

Auch an der Theorie des Terroranschlags ist Youtube nicht unschuldig

Seine Verwunderung über die Ausbreitung des Brandes äußerte der ehemalige Chef-Architekt Mouton mit sichtlicher Betroffenheit. Er folgerte daraus jedoch nicht, dass es sich um eine kriminelle Tat handeln müsse – was auf einschlägigen Seiten für Verschwörungstheorien immer wieder behauptet wurde. Besonders manipulativ ist ein Youtube-Video, in dem Moutons Fernsehinterview mit einer neuen Tonspur hinterlegt wurde. Auf Englisch wiederholt eine Stimme mantra-artig, der frühere Chef-Architekt der Kathedrale halte das Feuer für Brandstiftung – dies hat Mouton so jedoch nie gesagt. Allein auf der Videoplattform Youtube wurde das Video mehr als 66000 Mal aufgerufen.

Am hartnäckigsten hielt sich in den Tagen nach dem Feuer wohl die Theorie des Terroranschlags. Auch daran ist Youtube nicht unschuldig. Dort ließ sich die Zerstörung der Kathedrale live verfolgen – wodurch das Gefühl der kollektiven Trauer auch über die Pariser Stadtmauern hinaus verstärkt wurde. Dumm nur: Der Algorithmus des Netzwerks versagte und schaltete unter dem Livestream Hinweise auf die Terroranschläge in New York vom 11. September 2001. Die nicht existierende Querverbindung zu den islamistischen Attentaten wurde vielen somit quasi frei Haus geliefert.

Notre-Dame Verschwörungstheorien in rechten Milieus sind nur ein Teil der Wahrheit

Untersucht man die Ursprünge der Verschwörungstheorien, so stellt man fest: Häufig waren es rechte bis rechtsextreme Kreise, die die Bilder der brennenden Kathedrale zu nutzen versuchten. Etwa um vor dem Untergang des christlichen Abendlandes, ja der christlichen Kultur insgesamt, zu warnen. Einher ging dies häufig mit der Vermutung, es könne sich durchaus um ein muslimisches Attentat handeln. Andere wiederum sahen die Zerstörung Notre-Dames als Beleg einer jüdischen Weltverschwörung, da exakt 777 Jahre zuvor, unter dem französischen König Ludwig IX., Ausgaben des jüdischen Talmud unweit der Kathedrale verbrannt worden sein sollen.

Aber Verbreitung der Spekulationen in rechten Milieus ist nur ein Teil der Wahrheit. Immer wieder wurde auch gemutmaßt, es seien die Gelbwesten gewesen, die Notre-Dame in Brand gesteckt hätten, um ihren Unmut mit der derzeitigen Politik medienwirksam zum Ausdruck zu bringen. Noch weiter aus dem Fenster lehnten sich diejenigen, die behaupteten, Präsident Macron selbst habe das Feuer in der Kathedrale in Auftrag gegeben – um von seinen innenpolitischen Problemen abzulenken und den Wiederaufbau des gotischen Gotteshauses als große Erfolgsstory seiner Amtszeit zu verkaufen.

"Heute kann man nicht mit absoluter
Sicherheit garantieren, dass das Monument
stehenbleiben wird"
Philippe Villeneuve, Chef-Architekt von Notre-Dame

Eine absurde These. Zum einen, da Macron aufgrund des Feuers seine lange angekündigte Abschlusserklärung zu den „Grands Débats“ – Diskussionsrunden, bei denen sich der Präsident mit seinen Kritikern austauschte und die Sorgen der Bürger anhörte – nicht verlesen konnte. Und nicht zuletzt deshalb, da es ihm wohl kaum gelingen dürfte, das ambitionierte Ziel eines Wiederaufbaus in fünf Jahren, zu den Olympischen Spielen 2024, zu erreichen. Dass überstürztes Handeln vielmehr Fluch denn Segen sein könnte, machten jüngst auch die Äußerungen des amtierenden Chef-Architekten der Kathedrale, Philippe Villeneuve, deutlich. Notre-Dame sei noch immer einsturzgefährdet. „Heute kann man nicht mit absoluter Sicherheit garantieren, dass das Monument stehenbleiben wird“, erklärte Villeneuve. Bisher habe man Glück gehabt, die Kirche sei stabil. „Aber das Gewölbe könnte genauso gut nächste Woche einstürzen.“

Während nun 150 Arbeiter an der Baustelle Notre-Dame beschäftigt sind, um den Wiederaufbau vorzubereiten, gehen die Untersuchungen der Brandursache weiter, wie auch die Spekulationen. Auf die Frage, ob er selbst eine Vermutung hinsichtlich des Ursprungs des Feuers habe, antwortete Chefarchitekt Villeneuve, dass er sich an Spekulationen nicht beteiligen wolle. „Ich werde nicht den Fehler begehen, Schuldige zu benennen.“ Zum jetzigen Zeitpunkt könne man noch keine konkrete Aussage treffen.