Neue Wesen mit einer anderen Logik

AI-DA kann teure Bilder malen: In Oxford gibt es die erste Kunstausstellung eines Roboters Von Alexander Riebel

Man kann sich auch mit ihr unterhalten – Roboterfrau AI-DA porträtiert ihren „Schöpfer“ Aidan Meller, dahinter steht eines ihrer Gemälde. Foto: Museum
Man kann sich auch mit ihr unterhalten – Roboterfrau AI-DA porträtiert ihren „Schöpfer“ Aidan Meller, dahinter steht ein... Foto: Museum

In Oxford malt ein Roboter Bilder, die zu hohen Preisen verkauft werden. Ist die Technologie damit dem Ziel einen Schritt näher, den Menschen nachzubilden? Ist also die Künstliche Intelligenz nicht nur ein empirisches Phänomen, das sich messen und errechnen lässt und damit vom menschlichen Denken verschieden? An dieser Frage scheitert bereits ein Großteil der Interpreten der Künstlichen Intelligenz, denn sie halten das Denken schlechthin für errechenbar. Die englische Informatik-Pionierin Ada Lovelace (1815–1852), die als erste Programmiererin gilt, war in ihrem Urteil noch recht zurückhaltend. Sie schrieb, dass die „Analytische Maschine“ nicht beabsichtigt, was auch immer hervorzubringen. Die Maschine habe nicht die Macht, irgendwelche Wahrheiten vorwegzunehmen. Jetzt gedenkt die Barn Gallery des St. John's College in Oxford Ada Lovelace mit der Ausstellung „Unsecured Futures“.

Mit dem, wie es im Museum heißt, ersten ultrarealistischen humanoiden Kunst-Roboter AI-DA, benannt nach der englischen Mathematikerin, kann der Besucher nun Zeuge werden, wie ein Roboter sein Gegenüber porträtiert. Mit dem Zeichenstift, aber auch farbig hat AI-DA Bilder und Gemälde produziert, die bereits zu einem Wert von mehr als einer Million Euro verkauft wurden. Diese erste Kunstausstellung eines Roboters ist auch insofern interessant, als sie die Grenzen zwischen Technologie, Künstlicher Intelligenz und organischem Leben zeigen soll, aber auch, was sie in Zukunft an Gutem und Bösem bringen kann, wie Ausstellungsleiter und AI-DAs Erfinder Aidan Meller erklärt.

Gibt es Grund zum Fürchten? Das hängt davon ab, was Künstliche Intelligenz ist. Tiere haben Intelligenz, Roboter haben sie, aber es ist nicht das, was philosophiegeschichtlich unter Vernunft verstanden wurde. Intelligenz ist ein empirisches Phänomen, das von der Neurobiologie oder den Kognitionswissenschaften thematisiert wird. Der englische Philosoph Thomas Hobbes (1588–1679) nannte das Denken ein Rechnen, weil es ein Handhaben von Zeichen nach Regeln und somit Rechenregeln ähnlich sei, und der französische Philosoph La Mettrie (1709–1751) sah im Menschen lediglich eine Maschine. Natürlich gibt es hier auch Zweifel, wenn etwa der Linguist Noam Chomsky die natürliche Sprache nicht von der geistigen Gesamtfähigkeit des Menschen abtrennbar sieht und einer eigenständigen Künstlichen Intelligenz wenig Chancen gibt. Aber das Herumrätseln in dieser Frage hilft nicht weiter. Aristoteles hatte völlig Recht mit seiner Lehre vom Nous, dem göttlichen Denken, das sich in allen seinen Momenten auf sich selbst bezieht und außerhalb dessen nichts gedacht werden kann. Das ist keine Erkenntnislehre wie in späteren Jahrhunderten, bei der es einen Erkennenden und ein Erkanntes gibt und wo die empirische Forschung das Erkenntnismaterial liefert, sei es in der Informatik oder bei der Chemie für die Masken, die den Computern übergestülpt werden. Die Philosophie vor 200 Jahren hat diese aristotelischen Gedanken wiederentdeckt, wonach das sich wissende Wissen des aristotelischen Nous die Gewissheit ist, alle Realität zu sein. Damit schließt sich der Kreis, der im ersten Satz von Aristoteles' „Metaphysik“, begann: „Alle Menschen streben nach Wissen“, was dann leider für viele Jahrhunderte in Vergessenheit geriet. Aber Ada Lovelace schien zumindest etwas davon geahnt zu haben, und die kybernetischen Computertheorien des 20. Jahrhunderts waren sich vollends sicher, dass in diesen Theorien zumindest Analogien zu Aristoteles enthalten sind.

In der Künstlichen Intelligenz gibt es nicht mehr die zweiwertige Logik von erkennendem Subjekt und Gegenstand oder Reflexivem und Irreflexivem, sondern die dreiwertige Logik, in der beide Seiten vereint sind. In der dreiwertigen Logik reflektiert nicht mehr ein Subjekt auf ein Objekt, sondern die Einheit beider reflektiert sich selbst, wodurch sich die „Sache“, wie es Hegel nannte, auf einer ganz neuen Ebene bewegt, nämlich der sich selbst entwickelnden, als sich denkendes Denken. Das nicht empirische sich denkende Denken nannte Aristoteles diese Stufe, und die Computerindustrie der größten Technologiekonzerne der Welt hofft auf sich selber weiterentwickelnde Maschinen.

Diese technische Entwicklung ändert nicht nur das klassische Verständnis von Natur, auch das von Ethik. Aber soweit ist die Industrie noch nicht, die mit der hübsche Bilder malenden AI-DA die Menschen beruhigen möchte. Die Diskussion, die das Museum anstoßen will, lässt denn auch die philosophischen Hintergründe aus.

Oxford, Barn Gallery des St John's College, geöffnet bis 6. Juli.