Mit Jesus darf man alles machen

Christlich-islamischer Dialog: Erstaunliches, Erfreuliches, Enttäuschendes. Von Ingolf Bossenz

Christlich-islamischer Dialog
Christlich-islamischer Dialog.

Wenn Staunen, wie Thomas von Aquin meinte, Sehnsucht nach Wissen ist, war ich wohl am rechten Ort: Als ich Mitte der 1980er Jahre die Umayyaden-Moschee in Damaskus besuchte, zog ein kleiner, mausoleumsartiger Pfeilerbau, dessen grün-verglaste Bogenfenster enigmatisch erleuchtet waren, meine Aufmerksamkeit an. Mein Begleiter vom syrischen Informationsministerium erklärte mir, dass es sich um den Schrein handele, in dem sich das Haupt von Johannes dem Täufer befinde. Der jüdische Bußprediger, der Jesus im Jordan taufte und damit laut Markusevangelium den Beginn für das öffentliche Wirken des Messias setzte, verehrt in einer der berühmtesten Moscheen des Morgenlandes? Die Reliquie eines der größten christlichen Heiligen inmitten einer heiligen Stätte des Islam?

Wer sich, wie ich das hernach tat, in die Ursprünge, Zusammenhänge und Widersprüche der drei sich auf den Stammvater Abraham berufenden Religionen Judentum, Christentum und Islam vertieft, dessen Staunen wird sich in Erkennen lösen. Die Wege und Wirren der Geschichte, profaner wie sakraler, prägten auch die Damaszener Altstadt, deren unersetzliche historische Substanz vom Krieg in Syrien zum Glück bislang verschont blieb. Wo heute die Umayyaden-Moschee steht, wurden einst archaische Kulte zelebriert, deren Tempel dann einer christlichen Basilika weichen musste, die schließlich zur Moschee transformiert wurde. Ein historisch gängiges Verfahren obsiegender Religionen.

Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte ihrer Religionen. Mittels legendenreicher Tradierungen waren deren Gründer und Protagonisten bestrebt, ihre metaphysischen Lehrgebäude mit göttlichem Copyright zu legitimieren. Dabei wurde immer auch auf bereits im Glutofen des Glaubens gehärtetes Mythengut zurückgegriffen. Konnten die Israeliten sich bei diversen himmlischen Heerscharen bedienen, stand dem Christentum die inzwischen in heiligen Schriften fixierte Seinsweisheit der Juden zur Verfügung. Der Islam sieht sich selbst als „natürliche Religion des Menschen“, die von Adam und Eva herkommt. Historisch ist er indes die jüngste der drei monotheistisch-abrahamitischen Religionen und fand folglich in der Rüstkammer des Numinosen den größten Bestand an heilsgesättigten Ingredienzen. Der vom Erzengel Gabriel an den Propheten Mohammed verkündigte Koran ist darob auch prall gefüllt mit Personen, Propheten, Phänomen, die für Juden und Christen zentrale Elemente ihrer Glaubensbotschaften und -bekenntnisse sind. Der deutsch-israelische Schriftsteller Chaim Noll meint: „Nähme man vom Koran alles hinweg, was biblischer Stoff, jüdisch-talmudisches oder christlich-theologisches Denken ist, bliebe nur noch ein schmaler Text übrig.“

Rückgriff auf gemeinsames spirituelles Erbe

In einer Zeit, da muslimische Massenzuwanderung nach Europa und das Experiment, „eine monoethnische und monokulturelle Demokratie in eine multiethnische zu verwandeln“ (so der Harvard-Politologe Yascha Mounk), Verwerfungen, Spannungen und Irritationen erzeugen, verweisen religiöse wie säkulare Akteure auf Nützlichkeit und Notwendigkeit des interreligiösen Dialogs. Als höchste verbindende Abstraktion gilt dabei Gott. Auch Papst Franziskus beschwört – so jüngst anlässlich seiner Reise nach Marokko – den Christen wie Muslimen eigenen Glauben „an denselben Gott, an den einzigen Gott“. Die christlichen Kirchen sehen den interreligiösen Dialog als wichtigsten Weg zu gegenseitigem Verstehen. Dabei wird das gemeinsame spirituelle Erbe hervorgehoben. Nun sind Existenz und Bewusstmachung eines solchen Erbes nicht unbedingt die Gewähr für Harmonie und Frieden. Immerhin wurde der jüdische Tanach vom Christentum komplett übernommen und im 2. Jahrhundert als Altes Testament kanonisiert. Für den christlichen Antijudaismus mit seinen widerlichen Wucherungen war dies kein Hemmnis. Ebenso wenig bewahrte die koranische Präsenz jüdischer Propheten sowie von Jesus und Maria Juden und Christen vor Verfolgung und Tod durch Anhänger Mohammeds.

Dialoginteressierte Christen und Muslime setzen vor allem auf Jesus, dessen Person, Botschaft, Leben und Leiden spirituelle Verbindung und Verbundenheit zwischen den Anhängern der Glaubenssysteme verbürgen sollen. Immerhin heißt das Ostminarett der Umayyaden-Moschee in Damaskus „Jesusminarett“, da dort nach muslimischem Glauben Jesus am Ende der Zeiten zum Kampf mit dem Antichrist erscheinen soll. Eine ARTE-Dokureihe war „Jesus im Islam“ betitelt und ließ, laut dem Fernsehsender, „ein reiches jüdisches, christliches und nicht zuletzt koranisches Erbe zumindest ansatzweise neu wertschätzen“.

Dieserlei Wertschätzung ist auch das Anliegen von Anselm Grün und Ahmad Milad Karimi. Der Benediktinerpater und der Islamwissenschaftler schrieben gemeinsam das jüngst im Verlag Herder erschienene Buch „Im Herzen der Spiritualität“. Mittels Darstellung und Vergleich substanzieller Segmente aus Lehre und Praxis der Glaubenssysteme soll es anregen, „wie sich Muslime und Christen begegnen können“ (so der Untertitel). Auch die Gestalt Jesu soll Anknüpfungspunkte für religiöse Gemeinsamkeiten bieten. Jesus, den der Koran mehrfach erwähnt, gilt im Islam als Gesandter Gottes, als einer der Propheten, die es vor Mohammed gab. Mohammed ist deren letzter, abschließender, das „Siegel der Propheten“. Jesus ist für Muslime der „Sohn Marias“, nicht der „Sohn Gottes“. Er starb nicht am Kreuz, konnte folglich auch nicht auferstehen. Dass Gott „im Menschen Jesus den Weg ans Kreuz gegangen ist“, kann der Muslim Karimi, wie er in dem Band schreibt, „nicht glauben, aber es ist auch kein Unglaube, der sich in mir einstellt. Es ist vielmehr ein gläubiges Staunen, das mich als Muslim bewegt und zugleich in Hochachtung zurücklässt.“ Der Katholik Grün spart seinerseits nicht an Hochachtung für die Jesus-Botschaft des Korans: „Es freut mich, wenn ich als Christ lese, dass der Koran Jesus so positiv als einen Propheten sieht.“

Auch Hans Küng konstatierte in seinem Werk „Der Islam“: „Erfreulich: Jesus ist im islamischen Denken sehr präsent, sei es als Weiser oder als Sufi.“ Allerdings nannte es der Schweizer katholische Theologe zugleich „enttäuschend“, dass dieser Jesus „ein völlig islamisierter Jesus“ ist, der dabei „sein eigenes Profil“ verliert und „so für die Christen nur mehr schwer erkennbar“ sei. Drastischer formulierte es der islamkritische Sozialwissenschaftler Manfred Kleine-Hartlage („Das Dschihadsystem“): „Wer immer sich im interreligiösen Dialog versucht und glaubt, etwa in der Gestalt Jesu einen Anknüpfungspunkt für ,Gemeinsamkeiten‘ zu finden, muss wissen, dass der Koran aus Jesus ein Abziehbild Mohammeds gemacht hat; dass für Muslime dort, wo ,Jesus‘ draufsteht, Mohammed drinsteckt, und dass jede Bezugnahme auf Jesus in ihren Augen die ,Wahrheit‘ des Islam, und eben nicht die des Christentums, oder zumindest dessen Legitimität, untermauert.“

Rudolf Augstein wiederum verwies in seiner vieldiskutierten Streitschrift „Jesus Menschensohn“ auf den evangelischen Theologen Olaf H. Schumann. Dieser halte es „für bedenkenswert, dass nach bibelkritischer Erkenntnis auch Jesus selbst sich nicht für den Sohn Gottes gehalten hat“. Was, so Augstein, zeige, „dass Mohammed in dieser Hinsicht Jesus näher war als die Christusgläubigen“.

Eingedenk solch essenzieller christlich-islamischer Konflikte und Kontroversen war der französische Islamwissenschaftler Roger Arnaldez (1911–2006) davon überzeugt, dass „dieser Dialog nicht mit Jesus einsetzen kann und soll“.

Religiöse Wahrheiten sind nicht verhandelbar

Die Suche nach spirituellen Gemeinsamkeiten der Bekenntnisse ist zweifellos vom ernsthaften Bemühen um entspannenden Ausgleich der historisch und theologisch diametralen Divergenzen geprägt. Aber letztlich sind religiöse Wahrheiten weder verhandel- noch austauschbar. Joseph Ratzinger, damals Präfekt der Glaubenskongregation, äußerte 2004 in einem Interview, der „feste Glaube der Muslime an Gott“ sei „eine positive Herausforderung“ für das europäische Christentum. Darauf angesprochen, sagte mir Anselm Grün, seine Erfahrung sei, „dass Muslime besser zurechtkommen mit Christen, die ganz im Glauben stehen, als mit verwässerten Christen“.

Das verheißt keine sonderlich guten Aussichten für den interreligiösen Dialog. Denn der christliche Glaube im Abendland verwässert nicht nur: „Die Gewässer der Religion fluten ab und lassen Sümpfe oder Weiher zurück.“ Diese von Friedrich Nietzsche prophezeite Dekadenz zeigt sich heute nicht zuletzt im Umgang mit den einst heiligen Hoheitssymbolen des Christentums. So lässt der österreichische Maler Siegfried Anzinger auf seinem Bild „Auferstehung“ – immerhin der zentrale Topos christlichen Glaubens – Jesus samt Kreuz auf einer riesigen Ente reitend gen Himmel abheben. Ein eher moderates Beispiel dafür, dass man mit Jesus alles machen darf. Im Gegensatz zu Mohammed. Drohung, Terror, Mord von den „Satanischen Versen“ bis Charlie Hebdo haben dafür gesorgt, dass europäische Künstler, Karikaturisten und Kabarettisten in dieser Hinsicht die Kunst- und Meinungsfreiheit lieber nicht mehr auf die Probe stellen.

„Werte liefern, das können auch andere“, schrieb der evangelische Theologieprofessor Peter Scherle (Herborn) in der „Frankfurter Allgemeinen“. Und: „Aus Christen wurden Konsumenten und User gemacht.“ Scherle fordert „neue theologische Antworten“, eine „neue Art von Mystik“, um das Fortbestehen der Volkskirchen zu sichern. Doch ohne eine neue Selbstbesinnung und ein neues Selbstbewusstsein der Christen wird das ein frommer Wunsch bleiben. Das betrifft ebenso den „interreligiösen Dialog“. Denn eine Kultur, die ihre eigene Dekonstruktion betreibt, begibt sich einer wesentlichen Voraussetzung für den fruchtbaren Diskurs mit anderen Kulturen: der Selbstachtung. Der österreichische Philosoph Gerd-Klaus Kaltenbrunner (1939–2011) bemerkte einmal, es gebe „keinen Dialog, wenn einer der Teilnehmer sich selbst verachtet und sich in einer Verfassung befindet, die der Dichter Yeats mit den Versen umschrieben hat: ,Komm, richte auf mich dein anklagend Auge. Ich dürste nach Verurteilung ...’.“

Während das abendländische Christentum auf dem Abwärtsweg vom identitätsstiftenden Bekenntnis zur kulturellen Metapher und dekorativen Folklore offenbar unaufhaltsam fortschreitet, trifft es in Gestalt des Islam auf eine immer wirkmächtiger werdende Religion. Dieses Ungleichgewicht könnte sich als fatal erweisen.