Machtkampf um Notre-Dame

Glaskrone oder Originalrekonstruktion? Im Ringen um die Zukunft der Pariser Kathedrale Notre-Dame kam es vorgestern zu einem weiteren Showdown. Von Georg Blüml

Senat für konservativen Wiederaufbau Notre-Dames
Eine Luftaufnahme der Pariser Kathedrale Notre-Dame zeigt die Brandschäden. Das Feuer hatte die Kathedrale teilweise zerstört. Foto: Gigarama.Ru (Gigarama.ru)

Katastrophenzeiten sind Politikerzeiten. Nirgends kann eine Regierung ihre Tatkraft und Entschlossenheit wirkmächtiger in Szene setzen, als vor dem Hintergrund einer nationalen Tragödie; alltägliche Zwistigkeiten geraten in den Hintergrund, die fragenden Augen des Landes richten sich sorgenvoll auf die Spitze, Antworten sind gefragt. Emmanuel Macron, dessen Politik gegenüber den protestierenden Gelbwesten in fataler Weise an die Abgehobenheit des Versailler Klüngels angesichts des Bastille-Sturms erinnert, dürfte Morgenluft gewittert haben für einen Befreiungsschlag aus dem Umfragetief seiner Beliebtheitswerte. In fünf Jahren – pünktlich zu den in Paris ausgetragenen Olympischen Spielen – solle Notre Dame noch schöner erstrahlen als vor dem Brand; für die Neugestaltung des eingestürzten Vierungsturms, der im 19. Jahrhundert errichtet worden war, wurde ein internationaler Architektenwettbewerb angekündigt. Das Gerücht, der Staatspräsident sei auch für „originelle Lösungen“ offen, elektrisierte die Architekten- und Designerzunft wie einen Bienenschwarm im Wonnemonat Mai.

Größtmögliche Eigenwerbung, auch für skandalträchtige Projekte

Nachdem auch Reichstagsüberkuppler Norman Foster aus den noch rauchenden Trümmern eine „große Chance für die zeitgenössische Architektur“ orakelte, gab es kein Halten mehr. Zwar vermag letztendlich nur der Stein gewordene Entwurf den Ruhm touristischer Fotoverewigung zu erringen, doch der vorab veranstaltete Zirkus der Eitelkeiten verspricht auch jedem skandalträchtigen Projekt die größtmögliche Eigenwerbung.

Bald summten denn auch die ersten Vorschläge durch die Neue Medienlandschaft. Dank 3D-Modellierung und Photoshop-Montage blähten sich über der schlanken Bischofskirche bald metastatische Auswüchse in rundlich oder kantig; dysproportionale Zweit-Eiffeltürme sind darunter, quallige Flammen und auf den Kopf gestellte Eiszapfen; ein zypriotisches Design-Büro mit dem bezeichnenden Namen „Kiss the architect“ servierte gar eine eklektizistische Ananastorte. Die meisten dieser Entwurfsskizzen kommen ohne ein die Reinheit der architektonischen Vision störendes Kreuz aus.

Ein deutscher Youtuber forderte gar, das „alte Haus“ gänzlich abzureißen

Exemplarisch zeigt sich das Hadern des Westens mit seinem als Ballast empfundenen, christlichen Erbe, wenn der Landschaftsarchitekt und Nachhaltigkeitsapologet Clément Willemin die Frage stellt, wozu man eine Hülle wieder herstellen solle, die nicht mehr besucht wird. Den abgebrannten Wald toter Eichenbalken sähe er lieber durch einen Dachgarten ersetzt; als Erinnerungsort des Artensterbens mit Köpfen von ausgestorbenen Dodos und weißen Nashörnern als Wasserspeiern. Inmitten des Klima-Hype fand ein Vorschlag des Designers Nicolas Abdelkader besondere Beachtung, der auf dem Dach der Kathedrale ein riesiges, pädagogisches Gewächshaus mit Imkerei einrichten will, um dort oben Workshops zu Urban Farming, Biodiversity und erneuerbare Energien zu geben – Ökolehrpfad mit touristischem Surroundblick inbegriffen. Für die Umnutzung des Kirchendachs konsequenter sind freilich Vorschläge wie „Quasimodos Penthouse“ inklusive Hubschrauberlandeplatz und Pool, Ideen für ein Hallenbad mit kreuzförmigem Schwimmbecken oder für einen sportiven Skater-Park mit Halfpipes und Hindernissen. Ein öffentlich-rechtlich bestallter, deutscher Youtuber forderte gar, das „alte Haus“ gänzlich abzureißen und stattdessen eine Parkgarage zu errichten – zu eng seien die Straßen im historischen Stadtzentrum.

Seltsam kraftlos blieben dagegen die nach dem klassischen Allerweltsmuster „Stahl- und Glasaufsatz über altem Gemäuer“ gestrickten Entwurfsskizzen. So lieferte der prominente Architekt Massimiliano Fuksas, der unter anderem für die Neue Messe Mailand verantwortlich zeichnet, eine Architektur von der Originalität eines Industriediamanten, bei der nur das Material kostbar ist: geschliffenes Baccarat-Glas. Im Gedächtnis zumindest bleibt „die Göttliche Krone“ des Brasilianers Alexandre Fantozzi, der sein Dach mit mittelalterlichen Glasmalereimotiven schmückt und wenigstens nicht vergessen hat, dass es sich bei dem Projekt um ein zu entwerfendes Kirchendach handelt. Von jeglicher an der Stofflichkeit des Baumaterials klebenden Erdenschwere befreit, bleibt die Lichtarchitektur. Nach Albert Speers frühen Flakscheinwerfer-Choreographien in den 30er Jahren aus der Mode gekommen, erfreut sich diese seit dem Untergang des World Trade Centers wieder steigender Beliebtheit. Sofern die Wolkendecke nicht allzu niedrig hängt, wird das Verlorene mittels Lichtinstallation in den Himmel gezeichnet. Unter diesen Projekten ragt der über 200 Meter hohe Lichtpfeilturm des slowakischen Ateliers Vizum heraus, der – durchaus ästhetisch ansprechend, falls Gott in Frankreich mit einem UFO landen wollte – die himmelstürmende und lichtverliebte Gotik zumindest konsequent weiterdenkt.

Die sozialistische Pariser Bürgermeisterin ist für eine konservative Rekonstruktion

Angesichts der Wucht dieser sich über Paris zusammenbrauenden Kreativitäts-Stürme sprach sich die sozialistische Bürgermeisterin der Seine-Metropole für eine konservative Rekonstruktion aus, aber der Präsident drückt aufs Tempo als wolle er das filigrane Gotteshaus mit der Dampfwalze reparieren. Über eintausend Kunstexperten unterzeichneten eine Petition, Macron möge von seinem überambitionierten Fünfjahresplan ablassen. Allen Warnrufen zum Trotz peitschte die Regierung in der Nationalversammlung einen Gesetzesentwurf durch, der einer Missachtung der in der Charta von Venedig festgelegten, internationalen Denkmalschutz-Standards Tür und Tor öffnet; obwohl Notre-Dame zum Weltkulturerbe zählt.

Nicht nur die Opposition befürchtet, Macron wolle seinen Namen auf dem Rücken der Pariser Kathedrale architektonisch verewigen, auch die Mehrheit der Franzosen lehnt die Ausnahmeregelungen ab. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich ein französischer Präsident ein Denkmal setzte; etwa das nach Pompidou benannte Kulturzentrum oder Mitterands pharaonische Monumentalachse von der Louvre-Pyramide bis zum Triumphbogen von La Défense. Soll aus Notre-Dame de Paris eine Notre-Dame des Elysée-Palasts a la Macron werden? Dass er die ganz große, royale Geste nicht scheut ist bekannt, seitdem der als „spiritueller Agnostiker“ bezeichnete Präsident sich vom Papst unter Berufung auf die überkommenen Vorrechte französischer Könige zum Ehrendomherrn im Lateran ernennen ließ und über die glamouröse Wiederbelebung der präsidentiellen Staatsjagden schwadronierte.

Der Senat kassiert die Ausnahmeregelungen größtenteils

Die französische Verfassung sieht vor, dass ein Gesetzesentwurf nicht nur von der Nationalversammlung, sondern auch von der zweiten Parlamentskammer, dem Senat, gleichlautend verabschiedet werden muss. Geschieht dies nicht, so können die unterschiedlichen Texte nahezu endlos zwischen den Institutionen hin- und hergereicht werden, bis die Regierung die Nationalversammlung um ein letztes Machtwort bittet. Diese Regelung zwingt die Senatoren, es sich genau zu überlegen, ob sie einen Gesetzesentwurf aus Grundsatzerwägungen ablehnen, oder Kompromissbereitschaft erkennen lassen. Nachdem die Assemblée Nationale, in der Macron eine solide Mehrheit hat, seine Notstandsverordnungen in erster Lesung durchgewunken hat, hatte am vorvergangenen Montag der Senat das Wort; und dort haben Linke, Zentrum und Rechte dem Gesetzesentwurf zwar zugestimmt, die Ausnahmeregelungen aber größtenteils kassiert.

Explizit wollte die Senatsopposition die Regierung zur Einhaltung der Charta von Venedig und des UN-Abkommens zum Schutz des Weltkulturerbes verpflichten; Ziel der Restaurierung müsse „der letzte, vor der Katastrophe visuell bekannte Zustand des Gebäudes“ sein. Diese Festlegung würde in unzugänglichen Gebäudeteilen wie etwa dem Dachboden die Verwendung moderner Baustoffe ermöglichen, jedoch nur, wenn der zuständige Bauleiter die Gründe hierfür öffentlich darlegt. Eine nicht minder penible Dokumentationspflicht schrieben die Senatoren der Regierung auch hinsichtlich der Verwendung öffentlicher Gelder und Spenden ins Stammbuch, ehe sie den korrigierten Gesetzesentwurf an den Vermittlungsausschuss weiterreichten, wie es das von der Regierung ins Rollen gebrachte, beschleunigte Verfahren vorsieht.

Im paritätischen Gremium kommt es zu keiner Einigung

Vorgestern tagte das paritätisch besetzte Gremium, dem je sieben Mitglieder des Senats und der Nationalversammlung angehören. Es kam zu keiner Einigung. Die Verhandlungen wurden abgebrochen, ehe sie noch richtig begannen – ein vorhersehbares Ende angesichts der demonstrativ zur Schau gestellten Blasiertheit des Kulturministers Franck Riester im Senat. Es wird nun erwartet, dass Macrons „La République en Marche!“ in der Nationalversammlung den Durchmarsch wagt; danach obliegt es dem Verfassungsrat, die „Lex Macron“ auf ihre Verfassungstreue zu überprüfen – internationales Recht steht gegen die Ermächtigungsfantasien im Elysée-Palast. Es bleibt abzuwarten, ob der Präsident seinen ohnehin angeschlagenen Ruf mit einer drohenden Aberkennung des Weltkulturerbe-Status’ von Notre-Dame krönen und endgültig zur Hassfigur werden möchte; 72 Prozent der Franzosen sind für einen originalgetreuen Wiederaufbau.