Salzburg

Jahrhunderte im Dialog

Händels Oper Alcina überzeugt bei den Salzburger Festspielen. Besonders Cecilia Bartoli besticht.

Salzburger Festspiele - Oper Alcina
Lamento statt Furioso: Alcina (Cecilia Bartoli) kämpft mit dem Älterwerden. Foto: Matthias Horn

Noch ist das Abendland nicht verloren, sind die Ströme der Überlieferung nicht versiegt. Ihr Rauschen konnte mächtig hören, wer jetzt bei den Salzburger Sommerfestspielen Händels Oper Alcina sah. Nach der Aufführung bei den diesjährigen Salzburger Pfingstfestspielen fand das Werk jetzt Eingang in das Sommerprogramm. Mühelos wurden da die Gräben mehrerer europäischer Jahrhunderte übersprungen: Im frühen Mittelalter spielender Stoff, in der Renaissance verdichtet, vom Barock auf die Bühne gestellt und vertont, in der Gegenwart zum Klingen gebracht.

Opern, aus der Not heraus

Händel, der große Deutsche in Englands Diensten, griff für den Stoff seiner 1735 in London uraufgeführten Oper Alcina wie kurz zuvor schon für seine Oper Ariodante über die Umwege mehrere Librettisten auf Ariosts Orlando Furioso zurück. Der Renaissance-Dichter Ariost inspirierte mit seinem Epos über die im Kampf gegen Ungläubige und mit der Liebe Ringenden zahllose Opern des 17. und 18. Jahrhunderts. In sich geschlossene Gesänge luden dazu ein, sie in Libretti zu verwandeln. Aus der Not heraus  - Händel war in Bedrängnis, die finanziell besser gestellte Konkurrenz spannte ihm das Ensemble aus -  wurde binnen kurzer Zeit eine der beeindruckendsten weil vielschichtigsten Opern des Komponisten geboren.

Linearer Handlungsverlauf

Die Handlung ist für barocke Verhältnisse relativ linear: Alcina, die Zauberkönigin, betört auf ihrer Insel zahllose Männer. Ihrer überdrüssig, verwandelt sie sie bald in Bäume, Wellen oder den Felsen. Bühnenbildner Paolo Fantin hat eine raumtrennende Glaswand errichtet, hinter der die Unglücklichen ihr Dasein in den Elementen fristen. Ritter Ruggiero weilt auf der Insel und ist Alcinas Liebeszauber erlegen. So erkennt er seine Verlobte Bradamante – ausgezeichnet: Kristina Hammarström - nicht wieder. Diese kämpft als Zwillingsbruder Ricciardo verkleidet treu um ihn. Alcina unterliegt wunderbare Arien später schließlich im Ringen um den geliebten Mann.  

Nicht das Furioso steht im Mittelpunkt, sondern das Lamento

Text und Musik von Händels Oper lassen die Frau aber nicht als männermordendes Ungeheuer erscheinen, sondern vor allem als verletzliche Frau. Nicht das Furioso steht im Mittelpunkt, sondern das Lamento. Regisseur Damiano Michieletto inszenierte den Stoff vor allem psychologisch: als Drama einer mit sich, ihrem Alter und der Vergänglichkeit ringenden Frau. Heutige Zuhörer sehen auf der Bühne – barocker Gefühlsüberschwang hin, immer neue Arienanläufe her – deshalb Eigenes verhandelt. Kindheit und drohendes Alter – dargestellt von einem erblühenden Kind und einer ergrauten Frau – nahmen die im Innersten erschrockene Alcina in ihre Mitte. Weltstar Cecilia Bartoli lieh Alcina ihren Mezzosopran – und zog alle Register ihres Könnens. Bühne und Raum erfüllte sie mit ihrer schauspielerischen Präsenz, verlieh vor allem mit ihrem hauchzarten Pianissimo der Komplexität Alcinas höchste Glaubwürdigkeit. Philippe Jaroussky überzeugte als Ruggiero vor allem gesanglich.

Solide Inszenierung mit starken Momenten

Niemand konnte in die Pause nach dem zweiten Akt gehen, ohne von Ruggieros berühmter Arie Verdi prati bleibend erfüllt zu sein. Darstellerisch blieb der französische Countertenor indes blass. Das mag ein wenig am Typ des knabenhaften Franzosen liegen, wurde vom Regisseur aber sicher nicht aufgefangen. Dieser stellte eine insgesamt solide Inszenierung mit starken Momenten auf die Bühne – etwa als Ruggiero den Zauberspiegel als Quelle von Alcinas Kraft zerschlägt und diese rasend schnell ergrauend zu Boden sinkt. Ein Himmel voller zerbrochener Scherben geht nieder. Die Musiciens du Prince aus Monaco unter der Leitung von Gianluca Capuano ließen das Opernschiff auf den Wellen ihrer Musik dreieinhalb Stunden lang sicher, dynamisch und schnell fahren, ehe es vom Premierenpublikum stürmisch beklatscht in den Hafen einlief. Der in die warme Salzburger Sommernacht hinaustretende Besucher hatte so ein mehrstündiges Fest des Gesangs erlebt – von Sängern und Jahrhunderten gleichermaßen. Ein vielstimmiger Dialog als Opernereignis.

Die Oper Alcina wird bei den Salzburger Festspielen noch am 13., 16. und 18. August aufgeführt. Informationen finden Sie hier.

DT/om (jobo)

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