In der Höhle des Sokrates

In seinem Urlaub auf Griechenland erkundete unser Autor Höhlen. Dabei traf er jemand Außergewöhnlichen und bat das sonderbare Wesen um ein Interview.

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Man at the entrance of the cave,3d illustration Foto: chainat prachatree (270317080)

Ist die Evolution mit Ihnen an der falschen Kreuzung abgebogen? Wo bleiben Ihre Manieren, mein Herr? Unangemeldet in die Höhle des Sokrates hereinzuplatzen und mich mit einer Interviewanfrage zu belästigen. Mich, Eugenia, die Wohlgeborene. Dreist nenne ich das!

Dreist sind Sie, mein Herr!

Verwegen gefiele Ihnen besser? Kann ich mir denken. Aber ich bleibe dabei: Dreist sind Sie, mein Herr, jawohl dreist. Was bilden Sie sich ein? Selbstverständlich stehe ich nicht im Telefonbuch. Nein, ich besitze auch kein Smartphone. Meme, wie vermutlich Sie, oder unsterbliche Ideen, wie Platon sagen würde, – was zugegeben nicht dasselbe ist – benötigen derlei Schnickschnack nicht.

Obwohl, für die Mail-Adresse eugenia@googlemail.com könnte ich Sympathie entwickeln. Besonders seit Ray Kurzweil sich im Board von Google engagiert. Wären doch nur alle so visionär wie dieser Transhumanist. Die ganze Welt könnte ich zu meinen Jüngern machen. Haben Sie seinen Bestseller „The Age of Spiritual Machines“ (Anm.d.R.: dt.: „Homo S@piens“) gelesen? Wie er mittels Gentechnik und Neuro-Implantaten die Menschheit zu verbessern gedenkt. Endlich wieder eine Kohlenstoffeinheit, die Großes zu denken in der Lage ist.

Wie Sie mich hätten kontaktieren sollen? Ja, verfügen Sie denn über keine Bedienstete? Kleiner Scherz! Natürlich nicht, so gewöhnlich wie Sie aussehen. Glauben Sie mir, ich habe, um es mit einem Bild zu sagen, das Ihnen geläufig sein dürfte, einen Blick für Phänotypen. Erlesene Stammbäume erkenne ich, um im Bild zu bleiben, selbst mit verbundenen Augen. Und der Ihre gehört definitiv nicht dazu. Aber ich will Ihnen etwas verraten, das Sie vielleicht tröstet. All die Rassenideologen haben mich stets gelangweilt. Ich bin da, auch auf die Gefahr hin, Sie zu überfordern, missverstanden worden.

Eugenia verdreht Platon den Kopf

Wusste ich es doch! Nein, Sie haben sich nicht verhört. Ich sagte tatsächlich miss-ver-stan-den. Für wie limitiert halten Sie mich? Glauben Sie, dass ich, als ich Platon den Kopf verdrehte, bloß an Athener oder Griechen gedacht hätte? Ich, Eugenia? „Es müssen die besten Männer so häufig als möglich den besten Frauen beiwohnen, die schlechtesten dagegen den schlechtesten so selten wie möglich: Die Kinder der ersteren müssen aufgezogen werden, die der anderen dagegen nicht, sofern die Herde auf voller Höhe bleiben soll.“ Finden Sie im fünften Buch der „Politeia“. Noch heute erfüllt es mich mit Genugtuung, dass mir dieser Coup in Platons Hauptwerk gelungen ist. Das, mein Herr, nenne ich eine erfolgreiche Saat! Aber ich schweife ab. Also zurück: Lesen Sie in der „Politeia“ von Rassen? Nein! Und warum nicht? Richtig! Weil wir hier den idealen Staat, den ultimativen Bauplan eines eugenisch bestens aufgestellten Gemeinwesens vor uns haben. Ich will nicht übertreiben. Sagen wir, unter den Gegebenheiten der damaligen Zeit.

Campanella? Sie kennen Tommaso, den Dominikaner? Ich hatte ihn schon fast wieder vergessen. Obwohl, um 1600 herum fand ich es reizvoll, mich an diesem Mönchlein zu versuchen. Sie wissen, dass Campanella ständig Scherereien mit der Inquisition hatte? Der Arme wurde erst 1629 – zehn Jahre vor seinem Tod – unter Papst Urban VIII. vollständig rehabilitiert. Das habe ich natürlich auszunutzen gesucht. Leider war ich am Ende nicht so erfolgreich, wie erhofft. In „La citta del Sole“ (Anm.d.R.: dt.: „Der Sonnenstaat“) entwirft Tommaso oder Giovanni Domenico, wie er eigentlich hieß, ein Gemeinwesen ohne jedes Privateigentum. Auf diese Bettelmönche ist eben kein Verlass. Stellen Sie sich diese Torheit vor! Wer soll in einen solchen Staat leben wollen? Die Wohlhabenden und Erfolgreichen? Sicher nicht!

Immerhin übernahm Tommaso Anteile aus Platons Staatsphilosophie. So wacht im Sonnenstaat der „Mor“, eines der drei Häupter, die dem Fürsten bei der Leitung der Staatsgeschäfte zur Hand gehen, über das Zeugungsgeschäft. Der Mor hat „dafür zu sorgen, dass Männer und Weiber in der Weise ehelich verbunden werden, dass die beste Nachkommenschaft daraus hervorgehe“. Zugegeben, das war bloß „Eugenik light“. Noch dazu limitiert durch ein rückständiges Institut wie die Ehe. Aber glauben Sie mir, mehr vertragen Katholiken in der Regel nicht. Nicht mein Geschmack.

Sir Francis Galton macht Eugenik zur Wissenschaft

Mein Geschmack? Nun, Sir Francis Galton zum Beispiel. Ein wundervoller Mensch und so gelehrig. Ihm verdanken die Menschen, dass die Eugenik Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Wissenschaft avancierte. Unter Eugenik verstand Francis, die „Wissenschaft der gesellschaftlich kontrollierten Handlungen, die die rassischen Qualitäten zukünftiger Generationen verbessern oder verschlechtern können“. Wobei ich auf „rassisch“ gern verzichtet hätte. „Qualitäten zukünftiger Generationen“ hätte mich vollauf zufriedengestellt.

"Mein Geschmack?
Nun, Sir Francis Galton zum Beispiel."
Eugenia

Werden Sie nicht unverschämt! Selbstverständlich habe ich insistiert. Und was? Wollen Sie behaupten, Sie setzen all das um, was meine missratene Verwandtschaft Ihnen anträgt? Na, wenigstens sind Sie aufrichtig. Schreiben Sie sich das hinter die Ohren: Am Ende müssen selbst Meme und Ideen mit dem Material zurechtkommen, das sie vorfinden. Ginge es stets nach mir, wären wir hier längst weiter. Aber ich schweife ja schon wieder ab. Ausschlaggebend war, dass Francis von Anfang an beide Dimensionen der Eugenik in den Blick nahm, die „positive“ und die „negative“, wie man heute sagt. Einerseits sollte Großbritanniens Elite bewogen werden, möglichst viele Nachkommen zu zeugen, um die Zahl der Menschen mit hervorragenden Eigenschaften zu vergrößern. Was sich bis heute insofern als der schwierigere Teil erweist, als die Wohlhabenden und Erfolgreichen ihren Reichtum nur selten gerne teilen. Oft genug nicht einmal mit der eigenen Brut. Zum anderen, das ist der einfachere Teil, sollten Staat und Gesellschaft geeignete Maßnahmen ergreifen, um die Vererbung unerwünschter Merkmale zu unterbinden.

Platon macht Schule - Was haben Sie erwartet?

Ganz Unrecht haben Sie nicht. Letztlich verlangte Galton tatsächlich nicht viel anderes als Platon. Andererseits: Was haben Sie erwartet? Ich bin schließlich nicht schizophren. Außerdem übersehen Sie Entscheidendes: Mit Platon konnte ich mich über Jahrhunderte hinweg nur an die Eliten wenden. Galton hingegen, der sich schon als Geograph einen Namen gemacht hatte und die 1859 erschienene „Entstehung der Arten“ seines Cousins Charles Darwin geradezu verschlang, hatte – um es salopp zu formulieren – auch ein Gen für Populismus. Daher schien er mir genau der Richtige zu sein, um endlich auch ein Massenpublikum für mich zu begeistern.

Und so kann es ja auch. Nachdem Galtons Werk „Hereditary Genius“ (Anm. d. Red.: dt.: „Genie und Vererbung“) 1869 erschien, ging es Schlag auf Schlag. 1904 gründete Francis, der 1909 für seine Verdienste in den Adelsstand erhoben wurde, am University College in London das spätere „Galton Laboratory“, das nach seinem Tod 1911 von Karl Pearson, einem entschiedenen Gegner der Mendelschen Vererbungslehre, geleitet wurde. Bereits 1907 hob Galton die „Eugenics Education Society“ aus der Taufe, die sich später in „British Eugenics Society“ umbenannte. Die gab, wie Sie wissen müssen, bis ins Jahr 1968 hinein die für meine Zwecke recht hilfreiche Fachzeitschrift „The Eugenics Review“ heraus. Mit Arthur Balfour, Neville Chamberlain und Winston Churchill gehörten der British Eugenics Society zudem ein ehemaliger und zwei künftige Premierminister an. Von Intellektuellen wie Herbert George Wells, George Bernhard Shaw oder John Maynard Keynes, der von 1937 bis 1944 sogar ihr Direktor war, ganz zu schweigen. Margaret Sanger und Marie Stopes, die immer noch viel zu wenig beachteten Müttern der Geburtenkontrolle, nicht zu vergessen.

Wussten Sie, dass Churchill der Kommission vorstand, die den „Mental Deficiency Act“ vorbereitete, der am 1. April 1914 in Kraft trat? Unter der Leitung des guten Winstons empfahl die „Royal Commission on the Care and Control of the Feeble-Minded“ (Anm. d. Red.: dt.: „Königliche Kommission zum Schutz und Kontrolle der Schwachsinnigen“) die Geistesschwachen wegzusperren und zwangszusterilisieren. Bedauerlicherweise besaßen nicht alle Mitglieder des Parlaments Churchills Weitsicht. Deswegen verzichteten sie am Ende auf die Zwangssterilisierung und begnügten sich damit, die Geistesschwachen aus den Gefängnissen und den Einrichtungen der Armenfürsorge zu entfernen und in für sie eigens gegründete Institutionen zu überführen. Aber der Anfang war gemacht. Dank des „Mental Deficiency Act“, der erst 1959 vom „Mental Health Act“ abgelöst wurde, gelang es zeitweise, bis zu 65 000 Menschen hinter Schloss und Riegel zu halten.

Der erste internationale Eugenik-Kongress fand 1912 statt

Richtig! Der erste internationale Eugenik-Kongress, der 1912 in London stattfand, sorgte für eine Dynamik, dank derer sich die eugenische Bewegung in vielen Ländern der Erde nahezu spiegelbildlich ausbreitete. Allein die USA waren schon weiter. Bereits 1896 hatte der US-Bundesstaat Connecticut ein Heiratsverbot für „Epileptiker, Schwachsinnige und Geistesschwache“ verabschiedet, das später mit einem Programm zur Zwangssterilisation verknüpft wurde. In dessen Rahmen konnten über 100 000 Menschen davon abgehalten werden, sich fortzupflanzen. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs folgten 15 weitere Bundesstaaten diesem Beispiel. 1931 waren es 30.

Mein wichtigster Transporteur? Selbstverständlich hatte ich viele Verehrer. Heerscharen, um genau zu sein. Unter dem Strich war mir jedoch Charles Davenport, Professor für Biologie an der Universität Chicago, der Liebste. Ich denke, es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass Davenport für die USA so bedeutsam werden sollte, wie Galton es für Großbritannien war. Wie ich schon sagte, ich habe eben einen Blick für Phänotypen.