Im Irrgarten

Die Gala des New Yorker Metropolitan Museum zur Ausstellung „Heavenly Bodies“ wirft Fragen zum Umgang der Kirche mit der Populärkultur auf. Von Tobias Klein

Met-Gala 2018
07.05.2018, USA, New York: Rihanna nimmt an der «Met Gala» 2018 des Kostüminstituts des Metropolitan Museum of Art (Met) unter dem Motto «Heavenly Bodies: Fashion and the Catholic Imagination» teil. Foto: Ian West/PA Wire/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Foto: Ian West (PA Wire)

Zunächst sah es nach einer guten Idee aus: Das renommierte Metropolitan Museum of Arts in New York City plante eine Sonderausstellung unter dem Motto „Heavenly Bodies – Fashion and the Catholic Imagination“ („Himmlische Körper – Mode und katholische Vorstellungskraft“), und auf Initiative des Präsidenten des Päpstlichen Kulturrats, Kurienkardinal Gianfranco Ravasi, steuerte der Vatikan insgesamt 40 Leihgaben zu dieser Ausstellung bei, darunter Kleidungs- und Schmuckstücke von Päpsten aus verschiedenen Jahrhunderten. Ravasi und andere involvierte Kirchenvertreter betrachteten diese Kooperation unter dem Aspekt von „Kulturevangelisation“: Die Gelegenheit, einer kulturell interessierten Öffentlichkeit sakrale Kunst in einem attraktiven Licht zu präsentieren, wurde zugleich als Gelegenheit verstanden, Zeugnis für den Glauben abzulegen, der diese Kunst inspiriert hat. Dieses Konzept der „Evangelisation durch Schönheit“ ist eine Idee, die sich auch in schriftlichen und mündlichen Äußerungen Benedikts XVI. immer wieder findet: „Die Kunst ,spricht‘ immer, zumindest implizit, vom Göttlichen, von der unendlichen Schönheit Gottes“, erklärte er etwa in einer Ansprache aus dem Jahr 2005.

Als ein Desaster für diesen evangelistischen Ansatz erwies sich jedoch die Gala, mit der das Museum am Abend des 7. Mai die Ausstellung eröffnete. Diverse Prominente traten bei dieser Gala in Kostümen auf, die als „kreative Adaptionen“ sakraler Ästhetik gedacht waren, von vielen Katholiken aber als respektlos und in Teilen als blasphemisch aufgefasst wurden. Besondere Empörung entzündete sich daran, dass die für ihre explizit sexuell aufgeladenen Liedtexte bekannte Popsängerin Rihanna als „Päpstin“ posierte – in einem aufreizend knappen Kleid und einer von John Galliano designten Nachbildung einer prunkvollen Mitra.

Man kann hier den Eindruck haben, die kirchlichen Verantwortlichen hätten ein grundlegendes Stilprinzip der Postmoderne verkannt oder unterschätzt, das man mit einem Begriff des Kulturanthropologen Claude Lévi-Strauss als „Bricolage“ bezeichnen kann: Ähnlich wie Angehörige von Naturvölkern Artefakte aus dem Fundus fremder Zivilisationen „zweckentfremden“ und ihnen damit neue Bedeutungen zuweisen, greift die Postmoderne kulturell „codierte“ Gegenstände, Bilder und Begriffe auf, stellt sie in neue Zusammenhänge und schreibt dadurch ihren „Code“ um. Während Naturvölker jedoch dazu neigen, profane Gegenstände, deren praktischen Zweck sie nicht durchschauen, zu sakralisieren, hat die postmoderne Popkultur die umgekehrte Tendenz, das Sakrale zu profanisieren. Hinzu kommt, dass der Widerspruch zwischen der ursprünglichen Bedeutung eines Gegenstands und seinem „uneigentlichen“ Verwendungszusammenhang in der Postmoderne oft bewusst eingesetzt wird, um Mehrdeutigkeit zu erzielen. Postmoderne „Statements“ entziehen sich binärer Logik: Je widersprüchlicher sie sind, desto größer ist das Bedeutungsspektrum, das sie abdecken können. Für das Anliegen einer kulturellen Evangelisation stellt diese Mehrdeutigkeit jedoch ein gravierendes Problem dar: Wo jede Aussage zugleich auch ihr Gegenteil impliziert, lässt sich keine Verbindlichkeit herstellen.

Dieser proteische Charakter der Postmoderne macht jegliche Versuche der Kirche, im Sinne des pastoralen Grundsatzes „Man muss die Menschen da abholen, wo sie stehen“ auf die zeitgenössische Popkultur zuzugehen, zu einer heiklen Angelegenheit. Als etwa der Frontmann der irischen Rockband U2, Bono, 1999 Papst Johannes Paul II. besuchte und dieser dabei Bonos Sonnenbrille aufsetzte, erschien es keineswegs eindeutig, welche von diesen beiden charismatischen Gestalten eigentlich wem eine Audienz gewährte. Als U2 in den 1980er Jahren ihre ersten internationalen Erfolge feierte, waren drei der vier Bandmitglieder bekennende Christen, was sich auch in Form zahlreicher biblisch inspirierter Sprachbilder in ihren Liedtexten niederschlug. Mit wachsendem Erfolg inszenierte Frontmann Bono sich zunehmend selbst als messianische Figur, und das Verhältnis der Gruppe zum christlichen Glauben wies seit den 90er Jahren mehr und mehr Ambivalenzen auf; das Image einer „christlichen Band“ ist U2 dennoch nie ganz losgeworden, weshalb es zu erheblichen Irritationen führte, als die Musiker jüngst ihre Unterstützung für ein Referendum zur Legalisierung von Abtreibung in Irland kundgaben. Bereits 2015 hatten die Bandmitglieder von U2 für die Einführung der Homo-„Ehe“ in ihrem Heimatland geworben.

Es ist somit für die Kirche nicht unbedingt ein Grund zum Jubeln, wenn Prominente aus dem Bereich der Popkultur eine gewisse Sympathie für einzelne Aspekte des Christentums an den Tag legen. In einer Reihe von Studien aus den Jahren 2005–2011 stellte der Soziologe Christian Smith fest, dass die faktisch vorherrschende Religion unter nominell christlichen Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den USA ein stark individualisierter, letztlich auf die Befriedigung des eigenen Egos ausgerichteter Glaube sei, für den Smith die Bezeichnung „moralistisch-therapeutischer Deismus“ (MTD) prägte. Die typisch postmoderne Unverbindlichkeit dieser – laut Smith – „schwammigen Pseudoreligion“ erlaubt es, ein christlich anmutendes Vokabular und Versatzstücke christlicher Glaubenspraxis aufzugreifen, ohne dass daraus jedoch ein konsistentes Bekenntnis zum Christentum resultiert. Diesen Umstand gilt es im Auge zu behalten, wenn sich etwa die Popsängerin Lady Gaga („Born This Way“) öffentlich zum katholischen Eucharistieverständnis bekennt oder ihre Kollegin Katy Perry („I Kissed a Girl“) züchtig gekleidet an einer Papstaudienz teilnimmt, während sie gleichzeitig in einen zähen Rechtsstreit mit einer Ordensgemeinschaft um den Erwerb eines Klostergebäudes verstrickt ist. Wenn die Kirche in dem Bestreben, „weltoffen“ und „zeitgemäß“ zu wirken, allzu unkritisch alles umarmt, was oberflächlich christlich aussieht, läuft sie Gefahr, selbst in die MTD-Falle zu tappen.

Dass Veranstaltungen wie die Gala im Metropolitan Museum, bei der unter anderem der Erzbischof von New York, Timothy Kardinal Dolan, und der prominente Jesuitenpater James Martin anwesend waren, dem einen oder anderen Betrachter möglicherweise doch einen Zugang zum Glauben der Kirche eröffnen können, ist sicherlich nicht völlig auszuschließen. Allerdings steht dieser eher vagen Chance – einmal ganz abgesehen davon, dass sich hinter der behaupteten evangelistischen Absicht zuweilen wohl auch ein allzu menschlicher Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung verbergen mag – die Gefahr gegenüber, dass das Zeugnis für den Glauben durch eine Anbiederung an den popkulturellen Mainstream vielmehr gerade verdunkelt wird.

Dabei ist nicht zuletzt auch zu bedenken, dass die Kirche sich, wenn sie die Nähe des kulturellen Mainstreams sucht, einem Vergleich aussetzt, bei dem sie letztlich nur verlieren kann. So fällt es auf, dass sich beispielsweise in Medienberichten über die Weltjugendtage der katholischen Kirche regelmäßig die Formulierung findet, der Papst werde dort „gefeiert wie ein Popstar“. Hingegen fiele es wohl kaum einem Journalisten ein, über einen Popstar zu schreiben, dieser werde „gefeiert wie der Papst“. Dieser Umstand macht deutlich: Die Kirche setzt im kulturellen Bereich längst nicht mehr selbst die Maßstäbe, sondern wird vielmehr an Maßstäben gemessen, die andere gesetzt haben. Diese Realität gilt es anzuerkennen, gleichzeitig aber auch zu fragen, ob die Kirche gut beraten ist, sich willig diesen Maßstäben zu unterwerfen, oder ob sie sich nicht vielmehr davon abgrenzen sollte.

In diesem Sinne weist der katholische Kolumnist Ross Douthat in der „New York Times“ auf den bemerkenswerten Umstand hin, dass die Ausstellung „Heavenly Bodies“ wesentlich von der Faszination eines Stils sakraler Ästhetik lebt, von dem die katholische Kirche sich seit der Liturgiereform nach dem II. Vaticanum weitgehend abgewandt hat. Mit dieser Abwendung hat die Kirche aber auch ihre Deutungshoheit über diese Ästhetik aufgegeben. Die Resonanz auf die Ausstellung dokumentiert, dass die Pracht und Bildgewalt „vorkonziliarer“ Sakralkunst noch immer eine starke Wirkung ausübt; aber da diese Ästhetik im kirchlichen Verwendungszusammenhang kaum noch präsent ist, wird sie gewissermaßen „frei“, mit anderen Bedeutungen aufgeladen zu werden. Douthat zieht daraus den Schluss, die Kirche müsse sich wieder stärker auf ihre ästhetische Tradition besinnen – nicht allein mit dem Ziel, ein infolge seiner Vernachlässigung durch die Kirche quasi „wild gewordenes“ kulturelles Erbe wieder „einzufangen“, sondern vor allem deshalb, weil sie einen eigenständigen Stil der Selbstrepräsentation benötigt, um sich wirksam vom Assimilationsdruck der säkularen Kultur zu emanzipieren.

Tut sie dies nicht, dann begibt sich die Kirche – zugespitzt formuliert – in die Position des armen Lazarus, der am reich gedeckten Tisch der Popkultur bettelt. Und auch wenn man mit gutem Recht der Auffassung sein mag, im Sinne des bekannten Gleichnisses stehe der Kirche die Rolle des armen Lazarus allemal besser an als die des reichen Mannes, sollte man doch meinen, auch und gerade eine – in Hinblick auf gesellschaftliche und kulturelle „Relevanz“ – „arme“ Kirche müsse das Brot, von dem sie lebt, eher an anderer Stelle suchen.