"Geschlechterwahl ist Ideologie"

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, zu Gender in Schulen Von Barbara Stühlmeyer

Heinz-Peter Meidinger
Für Heinz-Peter Meidinger ist das Papst-Dokument zu Gender keine Diskriminierung von Homosexualität und Transgender. Foto: Privat

Herr Meidinger, was halten Sie von der Einführung von Gendertoiletten in Kindergärten und Grundschulen?

Ich glaube nicht, dass es tatsächlich ein positiver Beitrag zu mehr Geschlechtergerechtigkeit und für eine größere Akzeptanz sexueller Vielfalt ist, wenn an einigen Grundschulen in Deutschland jetzt Toiletten für das dritte Geschlecht eingerichtet werden sollen. Im Gegenteil, hiermit wird von außen an oft erst sechsjährige Kinder etwas herangetragen, was diese überfordert und Diskriminierungen und Hänseleien eher fördert als verhindert. Ich könnte aber auch die Forderungen von Interessensgruppen und Politikern nennen, jenseits der offiziellen Rechtschreibregeln jetzt mit Schrägstrich- und Klammerausdrücken, Binnen-Is und Gender-Gaps (Unterstrichschreibungen) sowie Gendersternchen einseitig die Sprache und die Rechtschreibung zu verändern, übrigens auch da in dem Irrglauben, dies befördere mehr Geschlechtergerechtigkeit in unserer Gesellschaft.

Wie sehen Sie das Dokument „Als Mann und Frau schuf er sie“ und welche Rolle sollte die darin vertretene Sicht Ihrer Meinung nach im Schulunterricht spielen?

Ganz unabhängig von der Frage, wie man selbst zu der Morallehre der Amtskirche steht, halte ich das Dokument, das ja ausdrücklich als Dialogangebot deklariert ist und das sich in erster Linie an katholische Schulen richtet, für eine legitime Meinungsäußerung der Kirche, die sogar ausdrücklich zur Diskussion und zum Dialog einlädt. Ich kann darin auch keine Diskriminierung von Homosexualität und Transgender erkennen. Deshalb kann ich die von einzelnen Verbänden geäußerte Kritik, es handele sich um einen Rückfall der Amtskirche ins Mittelalter, keinesfalls nachvollziehen. Dem Papier geht es um die Ablehnung einer Position in der Genderdebatte, die jeden Unterschied zwischen den Geschlechtern leugnet und diese Unterschiede als bloße soziale Konstruktion darstellt. Umgekehrt räumt der Verfasser des Dokuments, Kardinal Versaldi, ausdrücklich ein, dass auch die Kirche frühere Positionen korrigieren müsse, die kulturelle Aspekte in der Geschlechterdebatte völlig außer Acht gelassen haben. Ich sehe das Papier als Positionsbeschreibung und Dialogangebot, das sich vor allem an die Lehrkräfte katholischer Schulen richtet und die Eltern, die erwägen, ihre Kinder – wohlgemerkt freiwillig, nicht gezwungen – dorthin zu schicken.

Wie bewerten Sie die in dem Dokument vorgenommene Unterscheidung zwischen Gender-Theorie und Gender-Forschung?

Ich weiß nicht, ob mit Theorie und Forschung diese in dem Papier vorgenommene Unterscheidung richtig beschrieben ist. Letztendlich geht es auf der einen Seite um das legitime Anliegen der Genderforschung und Genderdebatte, für mehr Geschlechtergerechtigkeit und mehr Gleichberechtigung der Geschlechter in unserer Gesellschaft zu sorgen. Dem Ziel, dass Menschen unabhängig von ihrer geschlechtlichen Identität und sexuellen Orientierung ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit führen können, können und müssen wir doch alle zustimmen.

Problematisch wird es, wenn sich Ideologie breit macht. Von Ideologie spreche ich dann, wenn Gleichberechtigung als Gleichheit und Gleichheit als Gerechtigkeit missverstanden wird, wenn Geschlechterrollen als ausschließlich sozial konstruiert verstanden werden und wenn Geschlecht als frei wählbar deklariert wird. Wenn beispielsweise Judith Butler behauptet, es sei Willkür, Menschen nach Geschlechtern zu ordnen, das sei genauso willkürlich, sie nach Haarfarbe zu sortieren, wird in der letzten Konsequenz die Auflösung der Geschlechter gefordert. Das muss Kirche nicht hinnehmen, genauso wenig wie ich glaube, dass eine solche Ideologie oder Theorie einen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit und Toleranz in unserer Gesellschaft liefert.

Welche Auswirkungen der Vermittlung von Geschlechterbildern beobachten Sie in der deutschen Schullandschaft?

Insgesamt gesehen haben wir in Deutschland in den letzten Jahren und Jahrzehnten eine Reihe von schulischen Initiativen, Projekten und Aktionen bis hinein in die Neugestaltung von Lehrplänen gehabt, die versucht haben, traditionelle Geschlechter- und Rollenbilder stärker zu reflektieren und auch aufzubrechen. Ich nenne da mal die Initiativen, um Mädchen vermehrt für Naturwissenschaften und damit schlussendlich auch für berufliche Perspektiven in diesem Bereich zu interessieren. Der in unserer Gesellschaft vorhandene, vielfach beklagte Gender Pay Gap rührt ja auch daher, dass Jungen häufiger in die besser bezahlten Berufsfelder der Natur- und Ingenieurwissenschaften strömen, während Mädchen die schlechter bezahlten sozialen Berufe ergreifen.

Von wem geht die Initiative aus, wenn in Grundschulen oder Kindergärten Toiletten für das dritte Geschlecht geplant werden?

In aller Regel gehen solche Modellversuche und Initiativen nicht von Eltern oder Kindern aus, auch nicht von Lehrkräften und Schulleitungen, sondern werden von außen, von verantwortlichen Politikern und entsprechend politisch positionierten Kommunen und Schulträgern in die Schulen hineingetragen. Dies ist umso befremdlicher, als der Bereich der Geschlechter- und Sexualerziehung ein sehr sensibler Bereich ist, in dem Elternhaus und Schule besonders eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten sollten.

Wie hoch schätzen diejenigen, die solche Forderungen stellen, die Rate der Grundschul- und Kindergartenkinder ein, die für sich reklamieren, zum dritten Geschlecht zu gehören?

Maßgebliche Sexualforscher und Kinderpsychologen bezweifeln, dass sich Grundschulkinder schon bewusst sein können, ob sie einem dritten Geschlecht angehören. Dies stellt nicht nur eine Überforderung von Kindern dar, sondern bei unsensibler Handhabung auch eine von außen aufgezwungene Frühsexualisierung.

Was steckt aus Ihrer Sicht dahinter, wenn Kinder schon in Kindergarten oder Grundschule mit diesen Fragen konfrontiert werden, obwohl sie sich diese Fragen noch gar nicht stellen?

Meiner Meinung nach werden hier Schulen für politische Zwecke missbraucht. Dahinter steckt der Wunsch und die Vorstellung, über die Kinder und mithilfe der Schule Gesellschaft verändern zu können, wenn nötig auch gegen den Willen einer Mehrheit der Bevölkerung. Das ist nicht das erste Mal, auch bei der völlig verfehlten Art und Weise der Einführung der Inklusion in manchen Bundesländern ist an den Bedürfnissen von Kindern und Eltern häufig vorbeiagiert worden.

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