Gertrud Fussenegger: Erzählungen in dunkler Farbe

Abgesang des Bürgertums der K.u.K.-Monarchie – Zum zehnten Todestag der Schriftstellerin Gertrud Fussenegger. Von Gudrun Trausmuth

Gertrud Fussenegger wird 95
Hat in der Zeit des Nationalsozialismus „viele gute Gedanken verschwendet“: Gertrud Fussenegger. Foto: dpa

Über Gertrud Fussenegger (1912–2009) zu sprechen, ist nicht einfach. Dass sie ein literarisch hochwertiges, aktuell aber viel zu wenig beachtetes Werk hinterlassen hat, ist unbestritten und hat der mit 96 Jahren Verstorbenen zu Lebzeiten den Ehrentitel „Grande Dame der österreichischen Literatur“ eingebracht. Was Fusseneggers Stellung in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts immer noch beeinträchtigt, ist ihre Rolle zur Zeit des Nationalsozialismus. Wie etwa auch Herbert von Karajan – dem man das aber im Nachhinein weniger verübelte – war Fussenegger zweimal in die NSDAP eingetreten: Bereits 1933, als die Partei noch illegal war und ein zweites Mal 1938, um die Mitgliedschaft sicherzustellen. Fusseneggers Beziehung zum Nationalsozialismus war zunächst deutlich mehr als eine Überlebensnotwendigkeit. Während etwa die Dichterin Gertrud von le Fort eine Lobeshymne auf den Führer verweigerte, schrieb Fussenegger 1938 das Jubelgedicht „Stimme der Ostmark“, das im „Völkischen Beobachter“ abgedruckt wurde: „Wir sagten: Deutschland/ und nannten das Reich,/ das uns die Seelen versengte,/ brünstig im Kreis der Verschwörer./ So nur, Vermummte,/ durften wir nicht dienen,/ Kinder des größeren Vaterland.“

Doch ist andererseits zu diesem Zeitpunkt auch das Verhältnis zwischen Nationalsozialisten und Gertrud Fussenegger bereits belastet, was heute übersehen wird. Denn mit der Erzählung „Mohrenlegende“ (1937) geriet die Autorin in Konflikt mit dem Amt „Schrifttumspflege“: Man witterte Kritik an der nationalsozialistischen Rassenideologie, da in der Geschichte ein schwarzafrikanischer Junge und dessen tragisches Schicksal im Mittelpunkt stehen. Heute wiederum werden der „Mohrenlegende“ Formulierungen wie „jetzt öffneten sich auch die dicken hässlich-blauen Lippen und bleckten ein räuberisches Gebiss“ als rassistisch vorgeworfen. Bei genauem Hinsehen aber erklären sich diese Formulierungen zu Beginn des Textes aus der flexiblen personalen Perspektive der Erzählung: wird das zur Zeit der Kreuzzüge spielende Geschehen hier mit den Augen der angstvollen und feindseligen Dorfbewohner betrachtet, so später aus der Sicht des Mohrenjungen. Vielleicht hoffte Fussenegger mit dieser Textstrategie darüber hinwegzutäuschen, dass die „Mohrenlegende“ zur Unzeit viel Empathie mit „dem Fremden“ zeigte? Wie dem auch sei, jedenfalls wäre es hoch an der Zeit, die beachtenswerte Erzählung jenseits aller bisher blockierenden Stereotypen zu lesen.

In Bezug auf ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus erklärte Fussenegger später, es tue ihr leid, „viele gute Gedanken verschwendet“ zu haben „auf eine Sache, die dann ein Gräuel war“. Fussenegger zeigte sehr wohl Reue („Das Unglück der Welt haben wir herbeigejubelt“) in Bezug auf ihre frühere Weltsicht, doch die Selbstgeißelung, die manche bis an ihr Lebensende von der Dichterin verlangten, bekamen sie nicht, auch nicht in Fusseneggers Lebensbild „Ein Spiegelbild mit Feuersäule“ (1979). Dass Fussenegger zehn Jahre nach ihrem Tod (19. März 2009) weithin in Vergessenheit geraten ist, mag genauso damit zusammenhängen, wie mit ihrem nach dem Krieg nie verleugneten Katholizismus: „Was nun meine Einstellung zur Kirche betrifft, so habe ich ihre Vertreter und Institutionen in meinen Büchern nicht so kritisiert, dass ich ihnen letztendlich nicht recht gegeben hätte. Sie sind Menschen und menschlich, das heißt bedingt, aber eher ,in der Wahrheit‘ als die, die sich neben ihnen oder gegen sie bewegen.“

Fussenegger, die nach der Scheidung vom Bildhauer Elmar Diez in zweiter Ehe mit dem Bildhauer Alois Dorn verheiratet war, lebte auch diese Situation in tiefer, berührender Verbundenheit mit der Kirche: „Da meine zweite Ehe nur standesamtlich geschlossen war, war ich sehr lange von den Sakramenten ausgeschlossen. Das habe ich als tief schmerzlich empfunden, doch es war ein Schmerz, der auch sehr fruchtbar für mich geworden ist. Nur so ist mir die ganze Kostbarkeit der Eucharistie bewusst geworden. Ich kann es nicht bedauern, dass ich in jener Zeit oft bittere Tränen vergossen habe. Genau genommen war ich beschenkt durch das Verbot.“ Am 26. Juni 1988 hielt Gertrud Fussenegger im Salzburger Festspielhaus vor Papst Johannes Paul II. die Begrüßungsansprache im Namen der österreichischen Künstler und betonte: „Kirche und Kunst haben dem Menschen neue Maßstäbe gesetzt. Sie suchen heute neue Wege zu ihm. Mögen sie – zusammen mit der Wissenschaft – auf dieser Suche an ein Ziel kommen in einem neuen, neu gemeinsam zu entdeckenden Schnittpunkt.“

Die am 8. Mai 1912 in Pilsen geborene Offizierstochter, promovierte Historikerin und fünffache Mutter Gertrud Fussenegger stammte aus einer österreichisch-tschechischen Familie. Mit ihren Romanen „Das Haus der dunklen Krüge“ (1951), „Das verschüttete Antlitz“ (1957), „Zeit des Raben, Zeit der Taube“ (1960) und „Die Pulvermühle“ (1968) traf sie den Nerv der Zeit. In vielem ganz Autorin der Moderne, könnte man Gertrud Fussenegger in die Tradition des Pessimismus eines Heinrich von Kleist stellen: Nur zu gut weiß auch sie von der „gebrechlichen Einrichtung der Welt“ (vgl. „Michael Kohlhaas“). Ihre Texte sind dunkel hinterlegt, ihre klassische Erzählkunst ist durchwoben vom Tragischen, von schmerzhafter Lösung, Verzicht und Umkehr. Das „Haus der dunklen Krüge“ (1951) wurde früh als „böhmische Buddenbrocks“ bezeichnet: Der erzählte Verfall betrifft hier eine durch Bierbrauerei reich gewordene Pilsner Familie; 50 Jahre später, 2001, legt die Autorin mit „Bourdanins Kinder“ eine Fortsetzung der böhmischen Familiensaga vor und begleitet ihre Figuren durch die untergehende K.u.K.-Monarchie und die beiden Weltkriege – ein Abgesang des Bürgertums. Der Germanist Hans Rüdiger Schwab weist Fusseneggers Roman „Zeit des Raben, Zeit der Taube“ (1960) eine Schlüsselstellung zu: „Er thematisiert eine geistig-kulturelle Entzweiung, das Gegensatzpaar Religiosität–Modernität. Zwei Welten werden an zwei Biographien dingfest gemacht, an denen des französischen Dichters Léon Bloy und der Naturwissenschaftlerin Marie Curie in ihrem zeitlichen und zeitweilig räumlichen Nebeneinander.“

Fusseneggers Kriminalromane „Das verschüttete Antlitz“ (1957) und „Die Pulvermühle“ (1968), dokumentieren als Genre ihre Überzeugung von den Abgründen des menschlichen Herzens. Im Roman „Sie waren Zeitgenossen“ (1983) erzählt Fussenegger die Leidensgeschichte Christi in neuem Licht, wenn neben der theologischen Dimension auch jene des Juristischen und des Politischen thematisiert wird.