Feine Theologie - mit sprachlichen Macken

Das Portal „Feinschwarz.net“ bietet anspruchsvolle Beiträge mit hoher Reichweite in den Sozialen Medien. Ein Blick auf den katholischen „Influencer“. Von Peter Winnemöller

Feinschwarz.net präsentiert den theologisch interessierten Lesern Schwarzbrot mit Serifen. Foto: Screenshot: feinschwarz.net
Feinschwarz.net präsentiert den theologisch interessierten Lesern Schwarzbrot mit Serifen. Foto: Screenshot: feinschwarz.net

Es nennt sich „Theologisches Feuilleton“. Technisch und organisatorisch ist es ein Gemeinschaftsblog und gehört seit seiner Gründung im Jahr 2015 zu den erfolgreichsten katholischen Internetauftritten in Deutschland. Die Rede ist von Feinschwarz.net. Die aktuelle Internetdiktion redet von „Influencer“, wenn es sich um ein einflussreiches Blog, einen starken Twitter- oder Instagramaccount oder einen YouTube Kanal mit viel Aufmerksamkeit handelt. Die Frage ist, wieviel Einfluss tatsächlich genommen ist. Wie sieht der Einfluss unterm Strich im Sinne von Änderung des Denkens und Handelns aus. Werden gesellschaftliche, politische oder kirchliche Debatten tatsächlich oder nur gefühlt beeinflusst. Zu vieles passiert heute einfach nur in der je eigenen sozialen Blase.

Ein Messinstrument im Bereich christlicher Blogs ist das „Theoradar“. Hier wird festgehalten, welche Beiträge aus den beobachteten 464 Blogs am häufigsten in den sozialen Medien geteilt werden. So ergibt sich ein recht gutes Bild über die Präsenz des Blogs in diesem Feld der Information und Interaktion. Es ist bekannt, dass Dinge, die nicht auf Facebook oder Twitter passieren, einfach nicht passieren. Insofern ist die Präsenz in den Sozialen Medien ein guter Kennwert für die öffentliche Wahrnehmung.

Inwieweit dann Debatten tatsächlich über die eigene Blase hinaus geprägt werden, steht auf einem anderen Blatt. Vor allem in der etwas prekären Debattenkultur unserer Zeit tut jede Förderung der Debatte dem Klima gut. Fakt ist, dass Feinschwarz.net die unbestrittene Nr. 1 auf Theoradar und damit der in den Sozialen Medien am stärksten präsente christliche Blog im deutschen Sprachraum ist. Das hat Potenzial. Während ein Blog für gewöhnlich die Seite eines Einzelautors ist, wird Feinschwarz gleich von einem ganzen Team verantwortet. Träger ist ein in Wien ansässiger Verein, der rechtlich von einem vierköpfigen Vorstand vertreten wird. Die Redaktion besteht aus 15 Mitgliedern. Je zwei Mitglieder übernehmen abwechselnd die Monatsredaktion.

Anspruch der Seite als theologisches Feuilleton ist es gemäß eigener Angaben, Themen der Zeit aus theologischer Perspektive zu analysieren. Die Redaktion räumt pluralen und pluralitätsfähigen Positionen Raum ein. Das Niveau der Beiträge ist durchaus hoch, hält sich jedoch im allgemein verständlichen Bereich. Es wird bewusst feuilletonistisch gehalten, um im Onlinesektor attraktiv zu bleiben. Für akademische Abhandlungen verweist die Redaktion auf einschlägige Printmedien.

Auch hier: Geschlechtergerechte Sprache

Die Beiträge werden von der Redaktion in sogenannter geschlechtergerechter Sprache eingefordert. Dabei bleibt die Art und Weise, wie gegendert werden soll, den Autoren vorbehalten. Ob das generische Maskulinum darunterfällt, käme auf einen Versuch an. Dabei ist die thematische Vielfalt wirklich beeindruckend. Von „LGBTIQ*-Pfarrer*innen in Deutschland“ bis zu einer ganz aktuellen Debatte über Moraltheologie, wo Christof Breitsameter und Stephan Goertz unter dem Titel „Gefangener seiner Vorurteile“ den Beitrag des emeritierten Papstes kritisieren. Leider ist im Artikel zu erkennen, wie sogar renommierte Wissenschaftler Papst Benedikt XVI. missverstehen und die ausgerechnet ihre Missverständnisse widerlegen. Es handelt sich immerhin um eine der wenigen wirklich inhaltlich-kritischen Auseinandersetzungen mit dem Beitrag des Papa emeritus im deutschsprachigen Raum. Dadurch hebt sich Feinschwarz.net wirklich wohltuend von so manch anderem Portal ab.

Vielfalt und Breite der Themen haben Methode und machen das Portal attraktiv. Da ist der Theologiestudent, der die Wahrheit mit Hannah Arendt verteidigt. Da wird an anderer Stelle das Kreuz in politischer Theologie untersucht. Es findet sich ein Plädoyer für guten Journalismus. Man liest eine Auseinandersetzung mit „Veritatis gaudium“, die das Papier erwartungsgemäß in seinem ersten Teil lobt und im zweiten verreißt. Das große Missverständnis, akademische Theologie sei völlig frei und könne im luftleeren Raum forschen, bleibt uns erhalten. Katholische Theologie ist dagegen immer Theologie der Kirche, die im Auftrag und in Einheit mit dem ordentlichen Lehramt zu stehen hat. Vielleicht fände sogar ein Artikel, der dies erklärt, auf Feinschwarz.net seinen Platz.

Zuweilen ärgert den Leser die Sprache einzelner Artikel ein wenig. Zwar wird von Autoren verlangt, in deutscher Sprache zu schreiben, zugleich wird jedoch verlangt, zu gendern. Dieser Widerspruch wird wie üblich nicht gesehen. Während das Gros der Texte vom jeweiligen Autor eher alibimäßig mal ein Sternchen oder eine Binnenmajuskel injiziert bekommt, sind manche Texte fast nicht lesbar.

Den AutorInnen(m/w/d/*/_/x/y/z) allzu radikal gegenderter Texte sei angeraten, ihre in Extremgendersprech verfassten Texte einmal laut vorzulesen, aufzuzeichnen und sich die Aufzeichnung anzuhören. Bei allem Verständnis, Frauen sicht-, hör- und lesbar zu machen, Sprache heißt Sprache, weil auch ein schriftlich verfasster Text durch hören sinnerfassend aufgenommen werden können soll, wenn man ihn laut vorliest.

Man würde durchaus gerne mal mehr von einigen Autorinnen und Autoren lesen, gerade weil sie eine ganz andere Meinung vertreten. Doch nicht immer hat man die Zeit, einen solchen Text in die Textverarbeitung zu kopieren und per suchen/ersetzen zu entgendern. Das nämlich ist nicht selten die einzig mögliche Notwehr, um sich einen bis zu Unlesbarkeit gegenderten Text zu erschließen.

Fazit: Gratulation!

Unterm Strich kann man den Machern von Feinschwarz.net nur gratulieren. Da ist ein großartiges Projekt gelungen, das ganz offensichtlich seine Leserschaft gefunden hat. Zudem hat es Modellcharakter, da der Blog in seiner herkömmlichen Art immer mehr den Gemeinschaftsprojekten weicht. Dabei kommt es auf ein einzigartiges Konzept an, um sich eine Marktlücke zu erschließen. Auch diese hat Feinschwarz.net für sich gefunden. Ein Blick auf die Artikel des Portals lohnt immer wieder.