Würzburg

Exodus und Missbrauchskrise

Welche Rolle spielt die Erzählung vom Auszug aus Ägypten in Judentum und was bedeutet das für Christen? Das und mehr in der Nationalen Zeitschriftenschau.

Forschungen zum Buch Exodus

Unter den Lesungen in der Osternacht nimmt die Erzählung des Auszugs der Israeliten aus Ägypten eine herausragende Stellung ein. Ist doch die Exoduserzählung der Schlüssel zum Verständnis der gesamten Feier: Der Durchgang des Auferstandenen vom Dunkel zum Licht, vom Tod zum Leben in der Lichtfeier geht von der mitwandernden Feuersäule des Exodus aus, Tauffeier und Tauferneuerung setzen den Durchzug durch die Todeswasser des Schilfmeeres unter Führung des Moses als bekannt voraus und die morgendliche Messfeier mit dem Auferstandenen sieht in ihm das wahre Paschalamm. Darum ist es sehr passend, dass in der Osterzeit Welt und Umwelt der Bibel (2/2019 Verlag Katholisches Bibelwerk Stuttgart) mit dem Schwerpunktthema Exodus erscheint.

Ausdrücklich stellt der Erfurter Liturgiewissenschaftler Benedikt Kranemann die Exodus-Typologie der frühen Kirche vor, die auch Gestalt und Inhalt der Osternachtsfeier geprägt hat. Diese hat auch eine neutestamentliche Grundlage in der Tauflehre des Apostels Paulus, der vom Exodus ausgeht und lehrt, „dass unsere Väter alle unter der Wolke waren, alle durch das Meer gezogen und alle auf Mose getauft wurden in der Wolke und im Meer“ (1 Korinther 10, 1 f.). Mit zahlreichen Zitaten wird die heute vielen fremd gewordene, aber unverzichtbare Lehre der Kirchenväter vermittelt: Das Vorausbild „Rettung aus den Wassern des Todes“ durch Mose wird auf den Auferstandenen bezogen, der in der Taufe Schuld vergibt und Anteil an seinem unsterblichen Leben schenkt.

Für den bekannten emeritierten Ägyptologen Jan Assmann kann die Exodusgeschichte „so nicht stattgefunden haben“. Sie ist für ihn ein Mythos gemäß der Definition des byzantinischen Gelehrten Salustios: „Es geschah nie, ist aber immer.“ In diesem Sinne habe der Exodus-Mythos die Identität Israels begründet, die sich in der Paschafeier so konkretisiert, dass sich jeder Teilnehmer versteht, als sei er selbst aus Ägypten ausgezogen. Sehr erhellend sind die Ausführungen von Assmann zur Frage, wo die Exoduserzählung eigentlich ende. Seine These: Der Auszug endet nicht mit dem Tod des Mose, der das verheißene Land nicht betritt, auch nicht mit Josua, der das Volk danach anführte, sondern das Ende bleibt offen: „In diesem offenen Ende des Exodus wurzelt der jüdische Messianismus, das Warten auf das wahre Ende, das in jüdischer Sicht mit dem Auftreten des Messias am Ende der Tage eintritt und in christlicher Sicht mit der Auferstehung Jesu Christi … zumindest in greifbare Nähe gerückt ist.“

Mit dem am Gottesberg begründeten Bundesverhältnis Gottes mit seinem Volk sieht der Verfasser das „Gegenmodell zur altorientalischen Staatstheologie … nach der Könige als Söhne Gottes regierten“. In der Sohnschaft des Volkes Israel gegenüber seinem Gott liege „der revolutionäre, radikal-demokratische Impuls der neuen Religion, der immer wieder in der Geschichte zum Tragen kam, so oft er auch von staatstheologischen Konzepten verdeckt wurde“.

Helga Kaiser und Wolfgang Zwickel haben die Ergebnisse der archäologischen Exodusforschung zusammengestellt: Im 13. und 12. Jahrhundert vor Christus gab es in der Ramessidenzeit Semiten in Ägypten als Wanderhirten oder auch Kriegsgefangene, die Zwangsarbeit leisten mussten. Die Ortsbezeichnungen im Buch Exodus „Und sie bauten dem Pharao die Städte Pitom und Ramses als Vorratsstädte“ (1, 11) sind historisch belegt. Für Mose, den Anführer einer semitischen Zwangsarbeitergruppe, die aus dem Nildelta geflohen ist, gibt es keine außerbiblischen Belege. Von den zwei Varianten der Fluchtroute lässt sich keine nachweisen. Eine dritte südliche Route ist mit der Septuaginta, der im 3. Jahrhundert v. Chr. entstandenen griechischen Übersetzung des Alten Testamentes, hinzugekommen: Hier wird „Schilfmeer“ (Exodus 15, 4) mit „Rotem Meer“ übersetzt. Die biblischen Angaben (Exodus 12, 37) sprechen von einer Massenflucht von um die zwei Millionen Menschen.

Den Gottesberg haben erst christliche Mönche im 4. Jahrhundert n. Chr. auf der Halbinsel Sinai lokalisiert. Im biblischen Text liegt er irgendwo im Südosten des Toten Meeres. Was die Entstehungszeit des Buches Exodus betrifft, wird es in das 8. Jahrhundert v. Chr. datiert, wobei eine spätere priesterschriftliche Bearbeitung im 6./5. Jahrhundert v. Chr. während der Perserzeit angenommen wird. Hinsichtlich des Gottesnamens Jahwe, der Mose im brennenden Dornbusch offenbart wird, vertritt der Bochumer Alttestamentler die These, dass es sich bei der Deutung im Sinne von „Ich bin der ich bin; Ich werde sein, der ich sein werde; Ich werde sein, der ich war“ um eine Volksetymologie handelt. Er leitet den Namen vom Altnordarabischen ab, wo er ursprünglich soviel bedeutete wie „Er fährt durch die Lüfte, er weht“.

Ein weiterer Beitrag geht der Wirkungsgeschichte der Exoduserzählung in Nordamerika nach: Zuerst sahen sich die Puritaner als das auserwählte Volk, das in das gelobte Land einzog, später erlebten die Afroamerikaner Amerika als das Sklavenhaus und erhofften ihre Befreiung durch das Eingreifen Gottes. In der Bürgerrechtsbewegung griff Martin Luther King beständig auf die Exoduserzählung zurück, aber er las das Alte Testament vom Neuen her und vertrat den gewaltlosen Weg Jesu. Nachzutragen gilt, dass Pfarrer King sich selbst kurz vor seiner Ermordung mit Mose identifizierte, der nicht in das gelobte Land einziehen durfte, aber seine Lebenshingabe als Voraussetzung für die lebenswerte Zukunft des Gottesvolkes verstanden hat.

Blick auf Benedikts Missbrauchstext

Kurz vor Beginn der Karwoche hat Papst emeritus Benedikt XVI. einen zehnseitigen Text unter dem Titel „Die Kirche und der Skandal des sexuellen Missbrauchs” veröffentlicht. Unter den zahlreichen aufgeregt bis aggressiven Reaktionen erscheint die Stellungnahme von Johannes Röser in Christ in der Gegenwart (17/2019 Verlag Herder Freiburg) vergleichsweise gemäßigt. Grundsätzlich heißt es, dass die entgegen der Ankündigung des Schweigens gemachten Wortmeldungen „erhebliche Irritation verursacht” haben.

Allerdings wird positiv bewertet, dass damit einmal die Gegenseite zu Wort komme, was „zur Überprüfung womöglich mancher allzu selbstgewisser und selbstgerechter Überzeugungen sinnvoll“ sei. Wobei der Verfasser einschränkend hinzufügt: „Der Stärkung lehramtlicher Autorität dient das nicht.“ Zunächst wird zutreffend referiert, „dass der einstige Papst keine Lösung des Problems von Reformen erwartet, wie sie momentan von vielen vorgetragen werden: Von der Abschaffung des verpflichtenden Zölibats für Weltpriester … bis hin zu einem Diakonat der Frau“. Zustimmung findet die Kritik des Emeritus an Bischöfen, „die ihre Vorstellung über die Kirche von morgen weitgehend ausschließlich politisch formulieren“: „Ja, es stimmt allerdings auch, … dass die klerikalen Amtsträger eine stets besserwisserische Politisiererei einstellen und sich auf ihre eigentliche Aufgabe und Kernkompetenz konzentrieren sollten …“

Hinsichtlich der Haltung gegenüber Papst Franziskus versteht der Verfasser den Text als eine „Kritik an dessen Öffnungskurs, als sollte noch einmal vom Vorgänger in Erinnerung gerufen und festgeklopft werden, was sein Nachfolger zu beachten und ohne Wenn und Aber zu verteidigen habe“. Dadurch entstehe aber der Eindruck, es gäbe eine „klammheimliche Doppelspitze von Ex-Papst und Papst“. Hinsichtlich des Krisenbewusstseins ist dem abschließenden Appell des Verfassers sicherlich zuzustimmen: „Es ist höchste Zeit, dass sich nun endlich der amtierende Papst mit seiner Sicht deutlich äußert zu einer epochalen Kirchen- und Glaubenskrise, die so heftig ist, wie vielleicht seit der Reformation nicht mehr.“