Erkenntniskraft ehrfürchtiger Liebe

Wahrheitssuche trotz eines schwachen Christentums: Eine Tagung über Edith Stein und Gertrud von le Fort. Von Gudrun Trausmuth

Gertrud von le Fort hatte einen „Wesensblick“ auf Edith Stein. Foto: IN

Ein altes und ein junges Gesicht – bereits die Fotos auf dem Folder der gemeinsamen Tagung der Edith Stein-Gesellschaft und der Gertrud von le Fort-Gesellschaft spiegeln Unterschiedlichkeit: Mit 96 Jahren erreichte die 1976 verstorbene Dichterin Gertrud von le Fort ein biblisches Alter, während die Philosophin und Karmelitin Edith Stein 1942 mit 51 Jahren in Auschwitz vergast wurde. „Auf der Suche nach der Wahrheit“, unter dieser thematischen Klammer wurden die beiden großen Frauen während der zweitägigen Tagung im Münchner Schloss Fürstenried in den Blick genommen.

Unterschiedlichste Programmpunkte eröffneten vielerlei Zugänge zu Edith Stein und Gertrud von le Fort: So etwa ein geistlicher Impuls von P. Ulrich Dobhan, der von zwei Postkarten der Dichterin an die damals als Lehrerin tätige Philosophin ausging. Aus der Perspektive des Bildhauers sprach Franz Hämmerle über seine Büste Edith Steins, und die sonntägliche Predigt von Weihbischof Wolfgang Bischof dachte über das „Gruppenbild einer Heiligen “, das Edith-Stein-Denkmal vor dem Kölner Priesterseminar, nach.

Das Verhalten gegenüber einer glaubenslosen Welt

Die Aktualität der Texte Gertrud von le Forts arbeitete der Germanist Hans-Rüdiger Schwab in einer szenischen Lesung heraus: Es ging um die Frage des Verhaltens gegenüber einer glaubenslosen Welt oder das Schicksal des Abendlandes angesichts eines schwachen Christentums (vgl. le Forts Roman „Der Kranz der Engel“, 1946) – und plötzlich war Gertrud le Fort, hellsichtig und klärend, eine Stimme mitten in unsere Zeit hinein.

Unter dem Titel „Edith Steins Poetik der Hingabe“ nahm die Germanistin Sabine Doering vier Gedichte Edith Steins in den Blick. Diese seien allein mit den Kategorien der modernen Ästhetik nicht zu fassen, stellte Doering klar und unternahm einen erhellenden Exkurs in die Revolution der Ästhetik im 18. Jahrhundert, deren Paradigmenwechsel in der Genieästhetik des Sturm und Drang seinen stärksten Ausdruck fand. Steins Kasuallyrik stehe außerhalb des Konzepts einer autonomen Kunst und sei in seiner Eingebundenheit in außerliterarische, religiöse Dimensionen „a-modern“. In Steins „Poetik der Hingabe“ sei der katholische Glaube eine „Richtschnur jenseits aller ästhetischen Fragen“. Auf der inhaltlichen Ebene schließe die Poetik der Hingabe „die wiederkehrende explizite Übereignung der eigenen Person an Gott ein“. Während das Gedicht „Am Steuer“ (1940) die Notwendigkeit der vertrauensvollen Kooperation des Gläubigen mit Gott betone, entfalteten die beiden Gedichte „Sie sagten mir: der Herr will zu dir kommen“ (1939) und „Nach langem Weg am Ziel“ (1941) jeweils die besondere Situation eines Ich, das an einem biographischen Wendepunkt stehe. Die eucharistische Zentrierung weise auf ein besonderes Merkmal der Spiritualität Steins hin; das bekannte Gedicht „Ich bleibe bei euch“ (Fronleichnam 1938) lasse den eucharistischen Hymnus des Thomas von Aquin ganz deutlich durchklingen: „Du kommst als Frühmahl zu mir jeden Morgen/ Dein Fleisch und Blut wird mir zu Trank und Speise/ Und Wunderbares wird gewirkt./ Dein Leib durchdringt geheimnisvoll den meinen,/ Und Deine Seele eint sich mit der meinen: Ich bin nicht mehr, was einst ich war.“

Clemens August Franken (Universidad Catolica de Chile) entwickelte aus den „Biographien und Denkformen“ Steins und le Forts mancherlei Parallelen und Bezüge. Ob nicht erfüllbare Liebe, akademische Ambitionen, die Thematisierung der Frau, oder die Konversion – trotz großer Unterschiede gebe es prägende Gemeinsamkeiten und Erfahrungen. Was die „Denkformen“ des Vortragstitels betrifft, so führte Langen zunächst – mit Bezug auf Edith Steins Positionierung und Weiterentwicklung – in die Phänomenologie Edmund Husserls ein, um dann über ihr Konzept der „Einfühlung“ (die 1917 auch das Thema ihrer Dissertation war) den Bogen zu le Fort zu spannen: „Ihre geistige Nähe zu Hedwig Conrad-Martius, Max Scheler, Dietrich von Hildebrand und Edith Stein zeigt sich bei ihrer dichterischen Wirklichkeitserfassung einerseits in ihrer Ehrfurcht vor und Liebe zu allen Dingen, sowie andererseits in ihrem Vertrauen auf die Erkenntniskraft der ehrfürchtigen Liebe. In Übereinstimmung mit einer langen abendländischen Tradition geht bei ihr dem Akt der Erkenntnis zunächst ein ehrfürchtiges Staunen und Erschauern voraus.“

Gegen beziehungsfernen Individualismus

Die Dichterin habe vor allem mit der Gestalt der Veronika im Doppelroman „Das Schweißtuch der Veronika“ eine Figur geschaffen, die aus dieser Form der Erkenntnis lebe. Langen resümierte: „Edith Stein und Gertrud von le Fort teilen eine sehr hohe Wertung der Gefühle, der Intuition und Empathie; erstere eine mehr philosophische Intuition und letztere eine mehr poetische.“ Was Le Forts dichterische Intuition erfasse, erobere Steins phänomenologische Intuition methodisch-rational.

Der Freundschaft der beiden Frauen verdankten wir eine schöne Selbstoffenbarung Edith Steins, meinte Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. Stein habe le Fort im Januar 1935 brieflich gestanden: „Ein Opferleben habe ich geführt, solange ich draußen war. Jetzt sind mir fast alle Lasten abgenommen und ich habe in Fülle, was mir sonst fehlte.“ Freilich erwarte sie zugleich, „dass ich auch noch einmal mehr von meiner Kreuz-Berufung spüren werde als jetzt, wo ich noch einmal vom Herrn als ein kleines Kind behandelt werde“. Le Forts großer, dreiteiliger Essay „Die ewige Frau“ (1934), dem sich Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz im Folgenden zuwandte, sei „von einem Wesensblick“ le Forts auf die jüngere Dozentin und spätere Karmelitin Stein geprägt.

Für die „ewige Frau“ sehe le Fort die Bindung an das Göttliche als entscheidend an, so Gerl-Falkovitz, diese Bindung nenne sie in einem stärkeren und durchgängigen Ausdruck „Hingabe“. Im zweiten Teil über „Die Frau in der Zeit“ verwahre sich le Fort gegen die zur Erscheinungszeit bestehende Reduktion der Frau auf das Muttersein und spreche vielmehr für ein reich entfaltetes Frausein, das das dreifaches Dasein, „mater“, „virgo“ und „sponsa“, also auch jenes als Freundin, Begeisternde, Muse, zulasse. Im dritten Teil des Essays, der über „die zeitlose Frau“ handelt, sei die Betrachtung der Mutter zentral: „Die Hand, die das Wiegenband bewegt, bewegt die ganze Welt.“ Die mittelbare Bedeutung der Mutter erweise sich in einer Gegenbewegung zur unmittelbaren Wahrnehmung als unabschätzbar hoch, zudem gelänge le Fort ein Transparentmachen der „mater“ auf geistige Mutterschaft hin. Durch Edith Stein erhalte „Die ewige Frau“ eine ergänzende Erweiterung, führte Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz aus: Frausein sei auch ein Entwurf von Selbstsein, ein Dasein um seiner selbst willen, nicht nur um anderer willen, denn erst ein Selbststand mache Hingabe möglich. Le Forts Essay „Die ewige Frau“ sei allerdings heute als Gegenlektüre einer „anderen Moderne“ hilfreich: „Er zeigt die andere Seite der Frau, die vergessene, während der heutige Gegenentwurf in einen beziehungsfernen Individualismus mündet und den Selbstentwurf zelebriert“.