Eine mitternächtliche Prozession gibt Zeugnis

Wie das heutige Russland mit der Ermordung Zarenfamilie vor 100 Jahren umgeht. Von Barbara Wenz

Der Himmel ist hoch und der Zar ist weit, lautet ein altes russisches Sprichwort, zumeist schulterzuckend ausgesprochen, das zeigt, dass jenseits aller gesellschaftlichen und politischen Missstände der Monarchie es – übrigens genau wie unter der Knute des Sowjetregimes – immer wieder kleine Freiräume gegeben haben muss, die das Volk für sich in Anspruch nehmen durfte.

Der Himmel ist immer noch hoch über Russland. Aber der letzte Zar, Nikolai Aleksandrowitsch Romanow, der mitsamt seiner Frau Alix, einer Prinzessin aus dem Hause Hessen-Darmstadt, ihren vier Töchtern und dem dreizehnjährigen Thronfolger Alexei von den Bolschewiki in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918bestialisch ermordet wurde, ist hoch vom Himmel näher zum irdischen Russland gerückt, seit die ganze Familie von der russisch-orthodoxen Kirche als heilige Neumärtyrer im Jahre 2000 kanonisiert worden ist.

Besonders Zarewitsch Alexei tat sich schwer im Sterben. In jener Julinacht im westsibirischen Jekaterinburg warf sich die ganze Familie schützend vor den Thronfolger, als sie, zusammengetrieben von ihren Mördern, in einem Zimmer im sogenannten Ipatjewschen Hause mit mehrfachen Salven aus nächster Nähe niedergemetzelt wurden. Solcherart beschützt, konnte Alexei noch eine Weile überleben, bis die Bolschewisten ihn mit Bajonettstichen traktierten und ihm mit zusätzlichen Kopfschüssen ein Ende machten. Danach transportierte man die zerfetzten Körper ins 25 Kilometer entfernte Ganina Yama ab und versuchte, die letzten kläglichen Überreste in Säure aufzulösen. Aber es gelang nicht, weil zu wenig von der Chemikalie verfügbar war. Erst Ende der siebziger Jahre wurden die sterblichen Überreste in der Nähe von Ganina Yama entdeckt, es folgten langwierige Untersuchungen zur ihrer Echtheit, an der noch 1998 der damalige Patriarch von Moskau, Alexius, zweifelte, weswegen er der feierlichen erneuten Beisetzung in St. Petersburg fernblieb.

Zum Zeitpunkt seiner Ermordung hatte Zar Nikolai II. bereits abgedankt. Historiker streiten sich immer noch darüber, ob Lenin und die Bolschewisten wirklich die Auslöschung der ganzen Familie angeordnet hatten, oder ob die grausame Hinrichtung auf Order der regionalen roten Behörden in Jekaterinburg durchgeführt wurde. Plausibel scheint auf jeden Fall die Schlussfolgerung, dass die „Roten“ damit den konterrevolutionären „Weißen“, ihren politischen Gegnern während der Bürgerkriegszeit 1917 bis 1922 und eine Allianz von Adligen, Konservativen und gemäßigten Sozialdemokraten, die Grundlage und Motivation für den Widerstandskampf entziehen wollten: Ein Riss, der sich noch heute, hundert Jahre danach, durch die russische Gesellschaft zu ziehen scheint.

Der Herbst 2017 und das Jahr 2018 markierten nicht nur das Gedenken an die sogenannte Oktoberrevolution und der Errichtung der kommunistischen Herrschaft in Russland. Im Frühjahr fand die Präsidentschaftswahl statt, aus denen Wladimir Putin gestärkt hervorging, im Juli überschneiden sich die letzten Spiele der prestigeträchtigen Fußballweltmeisterschaft, die derzeit in Russland ausgetragen werden, mit den geplanten Gedenkfeierlichkeiten für den heiligen Neumärtyrer Nikolai und seine Familie, die vom 14. bis zum 17. Juli angesetzt sind. Seit der Kanonisierung am 20. August 2000, bei der nicht nur die Zarenfamilie heiliggesprochen wurde, sondern auch weitere 1 100 Christgläubige, die mit ihrem Blut Zeugnis ablegten, findet jedes Jahr eine mitternächtliche Prozession zur „Kathedrale auf dem Blut“ statt, die an der Stelle des Ipatjewschen Hauses steht, dem Schauplatz der Ermordung. Im letzten Jahr nahmen daran etwa 25 000 Gläubige teil, in diesem Jahr werden es vermutlich mehr sein. Anlässlich des 100-Jahr-Gedenkens wird Patriarch Kirill wie zuvor die Göttliche Liturgie leiten, eine neue Kirche weihen, außerdem wird in Jekaterinburg der Heilige Synod zusammentreten. Parallele Zeremonien sind von der serbisch-orthodoxen Bruderkirche in Belgrad vorgesehen, die Patriarch Irinej von Serbien leiten wird. Derweil geht die gesellschaftliche Debatte weiter. Obwohl sich rund 70 Prozent der Russen als orthodox gläubig bezeichnen, vertrauen laut einer Umfrage des Lewada-Meinungsforschungsinstituts der Kirche lediglich ein Drittel voll und ganz, ein weiteres Drittel nur halbwegs. Auf politischem Gebiet hat Lewada herausgefunden, dass fast die Hälfte aller Russen die Oktoberrevolution positiv einschätzt, knapp über 30 Prozent den Umsturz als negativ bewerten und 21 Prozent der Befragten unentschlossen sind.

Bei einer solchen gesellschaftlichen Gemengelage verwundert es nicht, wenn es zu erbitterten Kontroversen kommt. Selbst aus christlicher Sicht kann man sich endlos darüber streiten, ob der Zar und seine Familie nun Blutzeugen des Glaubens wurden – oder nicht. Die russisch-orthodoxe Kirche entschied sich für die Heiligsprechung und wird dafür heftig kritisiert. Es sei gerade die Kanonisierung der Romanows, die dafür gesorgt habe, dass nun ein Klima der Hysterie um die Zarenfamilie entstanden sei, sagt der russische Historiker Nikolai Neuimin, der die Ermordung der Romanows intensiv untersucht hat.

Die Heiligsprechung habe letztlich dafür gesorgt, dass es zu extremen Auswüchsen gekommen sei. Neuimin bezeichnet dies als den „Wahhabismus“ des orthodoxen Glaubens, der so vielen märchenhaften Verklärungen den Weg bereitet hätte. Er bezieht sich dabei auf die monarchistisch-orthodoxen „tzareboshniki“, die derzeit Leben und Werk des letzten Zaren spirituell auf das Äußerste überhöhen würden. Präsident Wladimir Putin versucht, die verfeindeten Lager zu versöhnen: Er möchte ein Klima, in dem sowohl Orthodoxe und Monarchisten ihrer Zaren-Verehrung frönen dürfen und andererseits Linksstehende und Alt- wie Neukommunisten der Revolution gedenken können – Hauptsache, man bekämpfe einander nicht. Am Ende bleibt es ein politisch-gesellschaftlicher Spagat zwischen den historischen Traumata. Ob er gelingen wird, bleibt offen.