Ein Papst für unsere Zeit

„Eine neue Sprache“: Vor etwas mehr als fünf Jahren wurde aus Kardinal Jorge Mario Bergoglio SJ Papst Franziskus. Von Josef Bordat

Papst Franziskus
Franziskus im Gegenlicht. Foto: dpa

Er ist ein Papst, der viel Neues mit nach Rom brachte. Jorge Mario Bergoglio kommt aus Argentinien, er ist Jesuit, er nennt sich – nomen ist bei freier Namenswahl ja tatsächlich omen – „Franziskus“ („Geh und baue meine Kirche wieder auf!“). Und dieser Papst Franziskus sagt als erstes „Guten Abend“. Damit war schnell klar: Wir dürfen gespannt sein. Darauf, was sich sonst noch alles ändert.

Bereits im April 2013 zeigt sich in einer der ersten Predigten des neuen Pontifex sein Wille zur Veränderung im Geiste des Zweiten Vatikanischen Konzils: „Heute, 50 Jahre danach, müssen wir uns fragen: Haben wir da all das getan, was uns der Heilige Geist im Konzil gesagt hat? In der Kontinuität und im Wachstum der Kirche, ist da das Konzil zu spüren gewesen? Nein, im Gegenteil: Wir feiern dieses Jubiläum und es scheint, das wir dem Konzil ein Denkmal bauen, aber eines, das nicht unbequem ist, das uns nicht stört. Wir wollen uns nicht verändern und es gibt sogar auch Stimmen, die gar nicht vorwärts wollen, sondern zurück: Das ist dickköpfig, das ist der Versuch, den Heiligen Geist zu zähmen. So bekommt man törichte und lahme Herzen.“

Franziskus will weder töricht noch lahm sein. Das zeigt sich rasch. Beispiel: „Evangelii Gaudium“. Sein Apostolisches Schreiben , das wenige Monate nach dem Beginn seines Pontifikats erschien, ist programmatisch für den neuen Wind, der in Rom weht. Wenn der Heilige Vater sagt, wir dürften „die Dinge nicht so belassen, wie sie sind“ (EG, Nr. 25) und mit Paul VI. „fordert, den Aufruf zur Erneuerung auszuweiten, um mit Nachdruck zu sagen, dass er sich nicht nur an Einzelpersonen wandte, sondern an die gesamte Kirche“ (EG, Nr. 26), um gemäß dem Konzil „eine ständige Reform ihrer selbst aus Treue zu Jesus Christus“ (EG, Nr. 26) zu verwirklichen, eine Reform, die Ziele, Strukturen, Stil und Methoden (vgl. EG, Nr. 33) auf den Prüfstand stellt, dann ist das mehr als Rhetorik. Es ist der Beginn eines Reflexionsprozesses, der substanziell Neues hervorbringen soll. In der Folgezeit hat sich das bestätigt. Franziskus steht für Veränderung, für die Ecclesia semper reformanda. Seine Verlautbarungen sind geprägt von sozialen und ökologischen Fragen, etwas, das es zwar zuvor schon gab, das Franziskus aber mit Nachdruck und neuen Akzenten fortschreibt. Beispiel: „Laudato si'“. Die im Sommer 2015 vorgestellte Umwelt- und Sozialenzyklika des Heiligen Vaters thematisiert die globale ethische Herausforderungen wie Klimawandel und Armut gleichermaßen und gleichrangig. Die dort erkennbare Verbindung ökologischer und ökonomischer Fragen ist hochinteressant, vor allem die Fortschreibung des Eigentumskonzepts der Katholischen Soziallehre in der Figur des „Gemeineigentums“, dem das Privateigentum untergeordnet sei (vgl. LS, Nr. 23 ff. und LS, Nr. 93 ff.).

Wenn wir daran glauben, dass im Konklave der Heilige Geist wirkt, dann ist Papst Franziskus Gottes Antwort auf die Bedürfnisse unserer Tage. Dazu gehört auch, dass Franziskus jemand ist, der die nicht-katholische Welt anspricht. Er, der „Brückenbauer“, bringt damit die Kirche zurück in die großen Diskurse unserer Zeit: Klimawandel, Armut, Migration. Er ist offen, er zeigt eine Kirche auf der Suche, das macht ihn und die Kirche sympathisch. Vielleicht ist das der besondere Wert dieses Papst in Bezug auf die heutige Zeit. Ein Papst für unsere Zeit ist dabei jedoch keiner, der den Zeitgeist über den Heiligen Geist stellt, um nicht anzuecken. Das tut Franziskus auch nicht. Er ergreift Partei für den Lebensschutz, er exkommuniziert Mafiosi und er nennt den Völkermord an den Armeniern „Völkermord“.

Franziskus hat innerkirchlich einiges angestoßen, aber das muss sich jetzt noch entwickeln. Themen wie Familie und Jugend wurden oder werden synodal verhandelt, dann gibt es Papiere dazu, die erst mal diskutiert werden müssen. Das dauert. Das geht den einen immer noch zu schnell, den anderen nicht schnell genug. Es ist jetzt durch Franziskus jedenfalls eine Atmosphäre da, in der man den Eindruck hat: Es kann über alles geredet werden. Franziskus selbst hat eine neue Sprache für und eine neue Perspektive auf moraltheologische Themen gefunden, ohne damit die Lehre selbst grundsätzlich in Frage zu stellen.

Beispiel: „Amoris Laetitia“. Wie wohltuend muss es sein, im Schmerz des Scheiterns an den Idealen der Kirche zu lesen, die sei „im Besitz einer soliden Reflexion über die mildernden Bedingungen und Umstände. Daher ist es nicht mehr möglich zu behaupten, dass alle, die in irgendeiner sogenannten ,irregulären‘ Situation leben, sich in einem Zustand der Todsünde befinden und die heiligmachende Gnade verloren haben“ (AL, Nr. 301). Das hat Franziskus nicht erfunden, aber er stellt es ins Licht. Er ändert die Sicht auf die Norm. Er versucht, das Gesetz in Liebe auszulegen. Er nimmt die christliche Erkenntnis ernst: Barmherzigkeit ist die Gerechtigkeit Gottes. Und er stellt eine Instanz ins Zentrum der Morallehre, die ein Schattendasein führte: das Gewissen. Papst Franziskus hat in etwas mehr als fünf Jahren viel für die Kirche getan. Seine Vorstellungen weisen weit hinaus über das Tagesgeschäft, entsprechend der Tragweite der Probleme, die damit adressiert werden. Es sind die Themen des 21. Jahrhunderts, die er beherzt anfasst und aus katholischer Sicht bearbeitet.

Genau das ist die Aufgabe des Papstes heute, genau damit steht Franziskus in der Tradition eines Leo XIII., der in „Rerum Novarum“ (1891) die Notwendigkeit einer Soziallehre für die moderne Industriegesellschaft erkannte, eines Johannes XXIII., der mit „Pacem in Terris“ (1963) inmitten eines immer bedrohlicheren nuklearen Rüstungswettlaufs zum Frieden mahnte oder auch eines Johannes Paul II., der in „Fides et ratio“ (1998) auf das Verhältnis von Glaube und Vernunft einging respektive eines Benedikt XVI., der in „Spe salvi“ (2007) überzeugend auf die Infragestellung der Religion durch die Wissenschaft antwortete. Alles weder Tagesgeschäft noch fromme Flucht in die Transzendenz, sondern Arbeit am Reich Gottes, das hier und jetzt beginnt. Arbeit des Heiligen Vaters. Franziskus hat diese Arbeit aufgenommen.

Man darf bei der Bewertung des laufenden Pontifikats nicht den Fehler machen, die völlig überhöhten Erwartungen säkularer Medien zum Maßstab zu erheben. Dass Papst Franziskus daran scheitern muss, ist klar. Derart revolutionär, wie es das Franziskus-Zerrbild der Presse nahelegt, kann kein Papst sein, der um die biblische Offenbarung, die Geschichte der Kirche und um ihre fein austarierte Lehre weiß. Und ein Jesuit tut das.