Würzburg

Ein Krimi der Innerlichkeit

Martin Simons führt den Leser in dem Roman "Jetzt noch nicht, aber irgendwann schon" an die existenziellen Ränder des Menschseins.

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Gibt es einen Ausweg aus der inneren Düsterkeit? Die existenzielle Unsicherheit bringt den Erzähler im Roman von Martin Simons in schwierige Situationen. Foto: Adobe Stock

Es ist keine leichte Kost, die der Schriftsteller  Martin Simons  dem Leser in seinem Roman „Jetzt noch nicht, aber irgendwann schon“ serviert. Eine einschneidende autobiographische Erfahrung, eine innere Blutung am Kopf, vermutlich ausgelöst durch meditative Versenkung, und die darauf folgenden medizinischen Untersuchungen samt Rekonvaleszenz bilden das Grundgerüst der äußeren Handlung. Dabei beschreibt der Ich-Erzähler nicht nur präzise, wie es in einem Berliner Krankenhaus zugeht, es gelingt ihm auch, behutsam und geradezu schonungslos ehrlich die inneren Veränderungen einzufangen: das Wechselspiel von Physis und Seele, das sich im Schreiben materialisieren kann. „Nun fühlte ich mich nicht mehr jung. Ich wusste, selbst dann, wenn die Untersuchung in wenigen Stunden gut ausging, war ich doch einer bestimmten Kraft, Unbefangenheit und Zuversicht unwiederbringlich beraubt. Mein Körper hatte mich zurechtgewiesen. Mit ihm konnte ich mir nicht mehr alles zutrauen.“

Metaphysische Erfahrungen einer Krankheit

Eine Grenzerfahrung, einmal mehr, da auch die Mediziner die objektive Gefahrenlage nur schwer abschätzen können. „Einen Tumor, auch ein Aneurysma oder ein Angiom kann man ausschließen. Es muss eine andere Ursache für Ihre Blutung geben... Ich hätte Ihnen gerne gesagt, welche das ist.“ Es ist die existenzielle Unsicherheit, die bei diesem Krimi der Innerlichkeit bis zur letzten Seite anhält. Ganz so wie im Leben.

Was helfen könnte, wäre echte menschliche Solidarität. Als der Ich-Erzähler Heiligabend kurzfristig die Gelegenheit hat, mit Ehefrau, Sohn, Eltern, Schwester und Schwager zuhause zusammenzukommen, bestünde eigentlich die Chance, die Freude über das Geschenk des Lebens zu feiern und zu teilen, doch so religiös korrekt die in die Kirche gehenden Familienmitglieder auch agieren, die metaphysische Erfahrung der Krankheit wirft den Protagonisten auf sich selbst zurück, in eine Dimension, die keinen Raum für oberflächliche Rituale lässt. „Auch beim Essen saß ich als eine Art Geist mit meiner Familie zusammen und spürte die Distanz zwischen dem, was seit einigen Tagen in meinem Innern vor sich ging, und den mehr oder weniger banalen Gesprächen, die weitgehend in allzu bekannten Bahnen verliefen. Ich fand es zunehmend schwer, sie auszuhalten. In mir war etwas ins Rutschen geraten. Meine inneren Kontinente waren in Bewegung, ...“.

Zurück im Krankenhaus scheint sich dann – in geradezu Böllscher Manier – eine spontane Weihnachtsgemeinschaft des Alltags zu bilden: „Vor dem Krankenhauseingang, im Raucherbereich, standen viel mehr Patienten als sonst zusammen. Die meisten waren hohlwangig und ungesund dünn, einige brauchten Krücken, andere einen Rollstuhl... Vermutlich hatten Alkohol- und Nikotinmissbrauch die meisten von ihnen erst ins Krankenhaus gebracht. Gleichwohl hielt, soweit ich das übersah, wirklich jeder eine Dose Bier und eine qualmende Zigarette in der Hand. Zusätzlich kreiste eine Flasche Schnaps.“ Der Ich-Erzähler gesellt sich zu ihnen, doch dann geht die Schnapsflasche an ihm vorbei. „Ich hatte keinen Schnaps gewollt. Aber ich verstand das Signal.“ Er bleibt allein, auf sich selbst zurückgeworfen, wie schon so oft. Als Schüler oder später als jemand, der nach seiner Aufgabe, seiner Bestimmung sucht. Ein Außenseiter ohne richtige Wurzeln. Wie sehr er darunter leidet, wird durch Rückblenden deutlich, die Simons immer wieder einfließen lässt in den Gang der Handlung. Auch an die Unterhaltungen mit einem Priester vor der Eheschließung erinnert sich der Ich-Erzähler. „Später, während ich in meinem Zimmer auf meine Entlassungspapiere wartete, überlegte ich nicht zum ersten Mal in den vergangenen Tagen, den Priester anzurufen. Wir hatten uns, weil wir es beide – jeder auf seine Weise – ernst meinten, immer gut verstanden... Der Priester war zwar niemand, der in theologischen Gemeinplätzen sprach. Aber auch sein Denken bewegte sich innerhalb eines fest gefügten Systems.“ Er ruft ihn nicht an. Bleibt stoisch im Angesicht der Gefahr.

Dramaturgisch geschickt

Dramaturgisch sehr geschickt arbeitet Martin Simons immer wieder Wendepunkte ein, die vermutlich die Wirklichkeit schrieb: eine eingebildete zweite Blutung, eine mysteriöse kriminelle Bedrohung, die kurzzeitige gesundheitliche Beeinträchtigung der Ehefrau.

Und schließlich geschieht am Ende des ereignisreichen Jahres, in dem die Handlung stattfindet, doch noch ein positiver Durchbruch: Ausgerechnet bei einem Ausflug nach Paris wird ihm eine neue Sichtweise geschenkt. „Ich trat vor eine überlebensgroße bronzene Plastik von Thomas Schütte mit dem Titel Mann im Wind. Ich glaube nicht, dass mich das Kunstwerk an sich sonderlich berührte. Aber ich hatte das Gefühl, als würde ich es wie kaum etwas zuvor sehen. Aufgeregt lief ich weiter zu einer großen Pfütze, in der Stücke einer gepunkteten Eierschale, einige Platanenblätter und Zigarettenkippen schwammen. Es war wieder das Gleiche, ich sah. Ich reagierte auf Dinge nicht wie sonst, entweder gleichgültig oder mit Stimmungen und Gefühlen, denen ich mich überlassen musste, sondern trat gleichsam aus mir heraus und ihnen entgegen. Es war wie die Enthüllung einer ganz neuen Welt.“

Einer Welt der Wahrheit, der Epiphanie ohne Gott? Zu den Sätzen des Priesters, die den Ich-Erzähler beschäftigen, zählt auch dieser: „Das Tolle sei, hatte er mir einmal gesagt, dass einfach alles Sinn ergebe, wenn man den Glauben wage.“ Der Roman zeigt, dass man den Glauben auch anders wagen kann. Das Leben ist ein Geheimnis, das jeden eingebildeten Sinn übersteigt. Für Katholiken sollte diese Erkenntnismöglichkeit ein Ansporn sein. Mit „Jetzt noch nicht, aber irgendwann schon“ ist Martin Simons ein großer Wurf gelungen. Ein sehr tiefes, sehr berührendes Buch. Verfasst in einem ebenso nüchternen wie edlen Stil.

Martin Simons: Jetzt noch nicht, aber irgendwann schon. Aufbau Verlag, 2019, 186 Seiten, ISBN 978-3-351-03788-8, EUR 20,00