Die Sprache steht unter Überwachung

„Triumph des neofeministischen Infantilismus“ – Wie sich die Akademie francaise den Sprachveränderern beugt. Von Katrin Krips-Schmidt

Ist die Akademie francaise die Hüterin der französischen Sprache? Foto: in

Eine Online-Umfrage des „Figaro“, an der sich etwa 50 000 Personen beteiligten, ergab eine Drei-Viertel-Mehrheit der Gegner einer Feminisierung der Berufs- und Titelbezeichnungen. Ein Viertel stimmte für eine gesetzliche Regelung. Dennoch – die Gelehrtengesellschaft Académie française, die als eine der prestigeträchtigsten Institutionen des Landes überhaupt gilt, hat in einem am 28. Februar herausgegebenen Bulletin einem feministischen Wandel der französischen Sprache zugestimmt. Bisher als Hüter der Sprache bekannt – zuweilen sogar als erzkonservativ verschrieen –, der jeglicher Veränderung des Französischen abhold war, geht sie nun einen anderen Weg und erkennt die Verwendung weiblicher Endungen bei Berufsbezeichnungen an – etwa durch das Anhängen des Suffixes „trice“ oder eines „e“ an die männliche Grundform sowie den Einsatz von weiblichen Artikeln (Madame la directrice, Madame la Maire). Die „Unsterblichen“, wie die Akademiemitglieder genannt werden, geben somit dem Einwand von feministischer Seite statt, dass Frauen angeblich ausgeschlossen seien, würde man sie stets mit dem generischen Maskulinum anreden. Dieses verweist darauf, dass die männliche Form etwa einer Berufsbezeichnung auch weibliche Personen umfasst.

Ein kämpferischer Aufschrei im „Figaro“, eine Stellungnahme der Philosophin Bérénice Levet, wirft der Akademie nun „ein Einknicken gegenüber dem Konformismus“ vor. Der Vorwurf wiegt schwer: Die altehrwürdige Institution sei nun auf den Zug der Feministen und Modernisierer aufgesprungen. Zudem sei das Konzert der Zustimmungen aus dem Kreis der Zeitungsredaktionen, angefangen von „Le Monde“ über „Marie-Claire“ bis zu „Libération“, „eine Niederlage des kritischen Geistes und des Genies unserer Sprache“.

Wozu die Akademie, wenn sie Ideologen folgt?

Begrüßt wurde die Entscheidung der Akademie in vielen Medien mit dem aufatmenden Stoßseufzer: „Endlich entwickelt sich die Akademie weiter“. Levet hingegen kritisiert, dass die „noble Dame vom Quai Conti ihrer Funktion nicht gerecht geworden ist, dem Zeitgeist zu widerstehen“. Im November 2017 hatte die Akademie ihren Willen öffentlich kundgetan, sich mit der Feminisierung der Sprache zu befassen. Die nun gefällte Entscheidung wurde bis auf zwei Gegenstimmen „einstimmig“ getroffen. Das Thema der Feminisierung der Sprache habe nichts „Anekdotisches“ an sich. „Unser Land“, schreibt Levet, „ist den immer aggressiver werdenden identitären Forderungen zum Opfer gefallen, die daran arbeiten, es in eine Unzahl von Gemeinschaften und Individuen zu zersetzen. Die Forderung einer ,feminisierten‘ Sprache ist einer dieser Ansprüche.“ Die noch 1984 aufgestellten Prinzipien der Akademie müssten umso mehr ins Gedächtnis zurückgerufen werden, „je stärker der neofeministische Infantilismus triumphiert“. Denn sobald die Anhänger dieser Ideologie ein Wort mit maskulinem Genus hören oder lesen, tauche in ihrer geistigen Vorstellung stets nur ein Mann auf. Frauen seien nicht präsent, doch es gelte, sie auch im Sprachlichen „sichtbar“ zu machen. Doch beim Geschlecht und bei den Wörtern, so betont die Ethnologin und Historikerin Levet, seien die Anhänger der Feminisierung der Sprache im Unrecht, wenn sie das grammatikalische mit dem biologischen Geschlecht gleichsetzten: „Dieser Feminismus propagiert eine entwürdigende Vorstellung von Frauen, wenn sie behaupten, dass sie sich nur von Wörtern mit weiblichem Genus angesprochen fühlten.“ Eine Frau sei demnach „für unsere Aktivisten eine Art von Pawlowhund, der nur dann reagiert, wenn man geschlechtsspezifische Worte an ihn richtet. Glauben Sie wirklich, dass sich eine Frau kaum mit einbezogen fühlt, wenn sie liest, ,alle Menschen sind sterblich‘“?

In dem von der Akademie Ende Februar angenommenen Bericht über die Sprachfeminisierung erinnerten die „Unsterblichen“ an ihre Funktion eines „schlichten Protokollführers der Sprache“. Doch, so widerspricht Levet, es gehe hier ja nicht um eine Bestätigung des Sprachgebrauchs, sondern bei der Feminisierung handle es sich um eine unter „ideologischer Kontrolle und Überwachung stehende Sprache“. Schon 1984 hatte die französische Regierung eine Terminologiekommission eingesetzt, die von einem feministischen identitären Aktivismus getragen war und den Frauen empfahl, sich im öffentlichen Raum als Frauen zu behaupten. Ausgerechnet unter der Präsidentschaft von François Mitterrand, der für seinen geschliffenen Sprachstil und sein Eintreten für die französische Literatur bekannt war, begannen die Angriffe auf das Bollwerk der Sprache. Der feministische Sprachgebrauch war ein sehr spezieller und nur bei der Elite in den Medien, der Politik und der Kultur anzutreffen, „die dieser Ideologie voll und ganz ergeben war, bei der sich jeder als Missionsbeauftragter sah, und die – ohne Rücksicht auf den Klang des Gesprochenen – die Sprache um jeden Preis feminisiert und darauf achtet, die sprachlich festgelegte Reihenfolge systematisch umzukehren, damit man nie mehr von Männern und Frauen, sondern stets von Frauen und Männern spricht“.

Verbittert resümiert die Autorin: „Mit ihrer Entscheidung lassen uns die Mitglieder der Akademie als Waisen und entwaffnet zurück – uns, die wir aus den genannten Motiven die Feminisierung unserer Titel, unserer Funktionen und unserer Berufe ablehnen.“ Mit diesem „traurigen Beschluss gibt die Akademie française den Vorwürfen über ihre Nutzlosigkeit recht, die man ihr gegenüber oftmals erhebt. Denn was nützt die Akademie, wenn es nur darum geht, die Plattitüden und die Ideologie unserer Gegenwart zu bekräftigen!“ Levet führt einen Ausspruch von Chesterton ins Feld, demzufolge nur die Kirche „einen Menschen vor der vernichtenden und erniedrigenden Knechtschaft bewahrt, ein Kind seiner Zeit zu sein. Nicht das Jahrhundert muss die Kirche bewegen, sondern es ist die Kirche, die das Jahrhundert bewegen muss.“ Dies, so meint sie, gelte nicht nur für die Kirche, sondern auch für die Akademie.