Die Moralphilosophie soll es richten

Eine ungewöhnliche Weltrettungsidee - Ethische Gefühle sollen den unkontrollierten Kapitalismus verhindern. Von Barbara Stühlmeyer

ombres de mendiant et businessman
Gegen den entfesselten Kapitalismus hilft Empathie im Sinne des liberalen Ökonomen Adam Smith, meint Buchautor Alexander Görlach. Foto: Adobe Stock
ombres de mendiant et businessman
Gegen den entfesselten Kapitalismus hilft Empathie im Sinne des liberalen Ökonomen Adam Smith, meint Buchautor Alexander... Foto: Adobe Stock

Fragt man heute jemanden auf der Straße, was vom Zustand der Welt zu halten ist, schütteln die meisten bedenklich mit dem Kopf. Dass unser Gemeinwesen in regionaler, nationaler und sogar globaler Hinsicht ziemlich durcheinandergekommen ist, bestreitet niemand. Aber kaum einer hat eine schlüssige Idee, warum das so ist und was man dagegen tun kann. Kaum einer außer Alexander Görlach. Denn er hat mit seinem konzis geschriebenen, viele sinnvolle und einige weniger nachvollziehbare Thesen und Gedanken enthaltenden Buch „Homo empathicus. Von Sündenböcken, Populisten und der Rettung der Demokratie“ eine Analyse der gesellschaftspolitischen Entwicklungen der letzten Jahre vorgelegt.

Ausgangspunkt des Buchs ist die Pleite der Bank der Lehmann Brothers, die zu einem Schockeffekt führte, der nach einer Weile der damit verbundenen Starre zu einem erst behutsamen, dann immer schneller und lautstarker praktizierten „immer weiter so“ führte. Und das hatte Folgen. Denn das Versagen der auf politischer Ebene Verantwortlichen, ihr Unwillen oder ihre Unfähigkeit, Gesetze zu verabschieden und auf Regulierungen zu bestehen, ist der Nährboden, auf dem im Kern demokratiekritische politische Parteien gedeihen. Denn wenn das große Ganze offenkundig nicht mehr funktioniert, weil einige wenige zu viel und alle anderen sehr viel weniger haben, dann zerbrechen überregionale Ordnungen. Dann erfolgt eine Rückbesinnung auf „Amerika first“, obwohl Zusammenarbeit stärkt und Parikularismus die einzelnen Teile schwächt. Dann scheint der Brexit eine gute Idee zu sein, obwohl längst klar ist, dass er die erhofften Einsparungen niemals erbringen wird und stattdessen enorme Mehrausgaben fordert.

Görlach arbeitet die bestürzenden Parallelen der Situation während der Weimarer Republik mit der unserer Tage heraus. Er macht aber auch klar: Diejenigen, die bei Pegida mitmarschieren geben selbst an, dass es ihnen ökonomisch gut, ja oft sogar besser geht als in den vergangenen Jahren. Dennoch regiert die Furcht. Warum? Weil sich im Fundament der Grundannahmen, die unsere demokratischen Gesellschaften tragen, etwas Entscheidendes geändert hat. Moral und Mitgefühl haben nicht mehr denselben Stellenwert. Viele Menschen leben in der Angst, dass ihnen das, was sie heute besitzen, morgen schon genommen werden könnte. Eine Folge der Finanzkrise von 2008. Das aber wird, so Görlach, nicht erkannt, weil eine papierene Katastrophe wie die Lehmann-Pleite keine starken Bilder hervorruft und sich deshalb kein entsprechendes Narrativ bildet. Nun ist es aber eine bekannte Tatsache, dass Menschen, die diffuse Ängste haben, zur Befreiung von denselben sehr gerne einen Sündenbock nutzen. Und der findet sich natürlich im Blick auf die zahllos erscheinenden Flüchtlinge, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben zu uns kommen. Die gegenwärtige Krise der Demokratie, die in der Betrachtung der gesellschaftlichen Entwicklungen in Ungarn, Polen oder den USA so sinnfällig sichtbar wird, beruht, so der Autor, auf einem Mangel an Empathie, dem festen Glauben an die Notwendigkeit, dass man die Märkte nicht regulieren darf, der Verlustangst derjenigen, die diese Entwicklungen nicht durchschauen, aber deren Folgen fürchten und den lautstarken Stimmen derjenigen, die mit allzu einfachen Rezepten aufwarten und glauben, dass alles besser wird, wenn man die Lügenpresse an die Kandare nimmt und die Grenzschützer wieder zur Waffe greifen lässt. Die Basis, auf der Görlach seine Argumente entfaltet, ist ein Essay von Ralf Dahrendorf aus dem Jahr 2009, in dem er eine Rückkehr zur protestantischen Ethik forderte. Sein Kerngedanke: Die Wurzeln des ökonomischen Denkens liegen, was heute weithin vergessen ist, in der Moralphilosophie. Und was ebenso wichtig ist: Die Ökonomie hat keinen Wert an sich. Es muss uns immer um den Menschen gehen. Ihm und seinen Bedürfnissen muss der Markt sich unterordnen. Oder, biblisch gefasst: Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat. (Mk 2,27). Diese und andere Weisheiten kann man in Adam Smiths „Theorie der ethischen Gefühle“ nachlesen. Ohne Sympathie, zu Deutsch Mitgefühl, funktioniert unser Gemeinwesen nicht. Es gerät außer Kontrolle. Und dann geschieht, was derzeit zu beobachten ist: Aus dem großen Wir bilden sich viele kleine, konkurrierende Einheiten, die sich in Abgrenzung zu anderen definieren. Und sie nutzen die Freiräume unserer Demokratie mit ihrer offenen Debattenkultur und ihrem Bemühen, jeder Meinung ihr Recht zuzugestehen. Auch dann, wenn diese ins Rassistische abgleiten, Einzelne oder ganze Gruppen ausgrenzen und faktisch zu Denkverboten führt. Dies ist übrigens etwas, das Görlach nicht zugestehen will. Derweil machen die von der moralischen Leine gelassenen Spieler auf dem Feld des Marktes weiter, wie sie es gewohnt sind. Eine brandgefährliche Mischung. Auch die Einlassungen von Papst Franziskus, wenngleich in vielen Punkten als hilfreich gelobt, sieht Görlach kritisch. Denn er attestiert dem Pontifex Maximus eine oft unbedachte, emotionsgesteuerte Rede.

In der Summe ist Görlachs Buch durchaus lesenswert, wenngleich man sich in der Fülle der Gedanken ein wenig mehr Struktur gewünscht hätte. Eine Irritation bei der Lektüre ist sprachlicher Natur. Görlach spricht durchgängig von „der Narrativ“. Hier wäre ein gründliches Lektorat hilfreich gewesen.

Alexander Görlach: Homo emphaticus. Von Sündenböcken, Populisten und der Rettung der Demokratie. Herder, Freiburg 2019, 1919 Seiten, EUR 18,–