Die Erfindung Europas

Europa verdankt sich dem Christentum – Die Botschaft des Evangeliums besteht den Vaterschaftstest für Freiheit, Toleranz, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Von Stephan Baier

Patron Europas: Der hl. Benedikt von Nursia (circa 480–547).IN Foto: Foto:

Das Christentum hat jene Synthesen erst ermöglicht, die dazu berechtigen, von Europa als eigenem Kontinent zu sprechen. Es hat diesen Erdteil geformt und durchwirkt, aber nicht monolithisch und homogen, wie es die Art von Ideologien ist, sondern in einer bunten Vielfalt und Vielgestaltigkeit, wie es seinem eigenen Wesen entspricht.

Die Vielfalt der Spiritualitäten, theologischen Richtungen und Riten spiegelt sich in einer Vielfalt der Klöster, Kirchen, Kathedralen, in der Vielfalt christlicher Heiliger, Mönche und Monarchen, in der Vielfalt der Baustile und Denkschulen. Nichts an Europa ist denkbar ohne seine Christianisierung, nicht einmal die schärfsten ideologischen Antithesen – von der Französischen Revolution bis zur perversen Häresie des Kommunismus – kommen ohne jene gewaltige These aus, die das Christentum den Europäern seit der Zeit der Apostel in immer neuer Sprache vorlegt.

Das Christentum befreite auch vom Aberglauben

Wohlmeinend sprechen Politiker mitunter vom „christlichen Erbe“ oder von den „christlichen Wurzeln“ Europas, was immerhin die Erkenntnis spiegelt, dass das Christentum mehr als Vergangenheit ist: Jedes Erbe verpflichtet nachfolgende Generationen, und die noch nicht abgestorbene Wurzel lässt bei richtiger Pflege auf Früchte oder Blüte hoffen. Und doch reichen diese Bilder nicht weit genug.

Das Christentum ist auch für das Europa unserer Tage mehr als Erbe, Wurzel oder Fundament. Das Beste und Wertvollste dessen, was Europa heute zu schätzen und zu schützen, zu verteidigen und zu exportieren hätte, ist die unmittelbare Frucht seiner Christianisierung.

Die säkulare Rationalität, die den europäischen Entdecker- und Forschergeist, den Aufschwung der Naturwissenschaften und das Leistungsethos der Europäer ermöglichte, ist undenkbar ohne die monotheistische Revolution des Judentums. Erst der Monotheismus entsakralisiert und entdämonisiert die Weltwirklichkeit. Erst die Bindung an den einen Gott erlaubt die Unterscheidung zwischen Schöpfer und Schöpfung, und macht Letztere zum Wirkungsfeld des Menschen und seiner Vernunft. Das Christentum trug die monotheistische Revolution vom Orient in den Okzident – und befreite Europa aus angsteinflößendem Aberglauben.

Die Gewissheit, dass es nur einen Gott gibt, und dass Er gut ist, befreit aus der Finsternis allgegenwärtiger dämonisch-ambivalenter Mächte und Gewalten.

Zugleich verdanken sich die Menschenrechte dem Monotheismus: Wenn der eine, gute Gott der Schöpfer aller Menschen ist, relativiert sich der Unterschied zwischen Ethnien und Sprachgruppen. Die alte, immer wiederkehrende tribalistische Versuchung, Menschen anderer Sprache, Ethnie, Nation und Herkunft die volle Menschenwürde abzusprechen, findet im Christentum seinen theologisch begründeten Widerspruch. Jenseits aller Verschiedenheiten gibt es eine fundamentale Gleichheit aller Menschen, weil sie vom selben Gott – und auf Ihn hin – geschaffen sind.

Die Würde des Menschen als wichtige Basis

Diese Gleichheit in der Würde ist die Letztbegründung der Rechtsstaatlichkeit: Dass niemand über dem Recht steht und niemand außerhalb des Rechts, hat seine Logik in der Würde jedes Menschen. Die Versuchung, das Recht als Waffe der Macht zu instrumentalisieren, gab es zu allen Zeiten: Ein Sonnenkönig, der sich über jeder Rechtsordnung sah, pervertiert das Rechtsdenken ebenso wie der Rechtspositivismus, der kein vorgegebenes Naturrecht kennen will. Bereits Cicero wusste um das „Gesetz, das die Götter dem Menschengeschlecht gegeben haben“. Gerechtigkeit war für Cicero nicht Achtung vor dem positiven Recht oder Orientierung an Nützlichkeit: „Es gibt nämlich ein allgemeines Recht, an das die Gemeinschaft der Menschen völlig gebunden ist und das ein allgemeines Gesetz zum Urheber hat… Wer dieses Gesetz nicht beachtet, der ist ungerecht – gleichgültig, ob es irgendwo oder nirgendwo geschrieben steht.“

Wie die Gnade auf der Natur, setzte das Christentum auf dieser antiken Erkenntnis auf. Es entzieht die Gerechtigkeit grundsätzlich der Willkür von Mächtigen wie auch von Mehrheiten. Der liberale italienische Zeitgeschichtler und Rechtshistoriker Paolo Prodi sieht den Ursprung des Rechtsstaats in der Unterscheidung von Sakralem und Profanem, von geistlicher und weltlicher Gewalt: „Unsere Gerechtigkeit… konnte sich im Abendland aufgrund der historischen Koexistenz verschiedener Ordnungen entwickeln, das heißt aufgrund der Konkurrenz verschiedener Normenordnungen, aufgrund einer Pluralität von Foren, vor die der Mensch gerufen wurde, um über seine Handlungen Rechenschaft abzulegen.“

Die Geschichte des Abendlandes war, so analysiert Prodi, eine ständige und facettenreiche Konkurrenz „zwischen der Sphäre des Heiligen und der Macht“. Es war, wie der Rechtshistoriker eigenwillig formuliert, „die Erfindung der Kirche als Institution durch das abendländische Christentum“, die einen eigenen Normenkanon entwickelte und dem je staatlichen entgegensetzte. Dadurch dass beide – kirchlicher und staatlicher Normenkanon – bei allen Berührungen und Überschneidungen nie deckungsgleich waren, entstand jene notwendige Trennung von Ethik und Recht, von Sünde und Straftat, in der Prodi die Wurzel des Pluralismus, der Freiheit und der Gerechtigkeit sieht.

Dies ist zweifellos eine durch den Investiturstreit geschmiedete, spezifisch katholische Sicht, die sich vom protestantischen Staatskirchentum wie von der orthodoxen Lehre einer Symphonie von Kirche und Staat unterscheidet. Die katholische Begrenzung aller staatlichen Macht durch die geistliche Autorität ist aber biblisch bestens begründet. Und zwar im Wort Christi: Als Jesus nicht in die „Falle“ der Pharisäer (Mt 22,15) tappt, die Frage nach der kaiserlichen Steuer mit Ja oder Nein zu beantworten, sondern die politische von der religiösen Wirklichkeit sondert, setzt er ein Novum: Weder das damalige Judentum noch seine Nachbarn im Orient noch das Imperium Romanum kannten eine solche Trennung von Politik und Religion.

Jesus befreit mit seiner Antwort den Menschen vom Totalitätsanspruch des Staates, der Politik und aller diesseitigen Größen. Er befreit zugleich den Staat von der Irrationalität des Numinosen, des Mythischen. Er widerspricht der dauernden Versuchung des Staates, sich auf Überirdisches zu berufen und Religion für politische Zwecke zu missbrauchen. Er widerspricht der immer wiederkehrenden Versuchung, einen Paradies-Staat, ein Reich Gottes auf Erden zu errichten. Die von Matthäus überlieferte Antwort Jesu an die Pharisäer ist die Absage an die totale Politisierung des Menschen und die Absage an eine Sakralisierung des Politischen.

Für die moderne Demokratie und den freiheitlichen Rechtsstaat kann das Christentum also jeden Vaterschaftstest bestehen. Dieser Auffassung war auch der große lothringische Staatsmann Robert Schuman, einer der Gründerväter des vereinten Europa. 1959 sagte er in einem Vortrag vor Abgeordneten des Europäischen Parlaments: „Die Demokratie verdankt ihre Entstehung und Entwicklung dem Christentum. Sie wurde geboren, als der Mensch berufen wurde, die Würde der Person in individueller Freiheit, den Respekt vor dem Recht des anderen und die Nächstenliebe gegenüber seinen Mitmenschen zu verwirklichen. In der Zeit vor der christlichen Botschaft waren solche fundamentalen Grundsätze und Ideen noch nie formuliert oder auch geistige Grundlage eines Herrschaftssystems geworden.“

Man muss sich vor den Nachfahren verantworten

Die Europäische Union, die – wie die gesamte Geschichte Europas – nicht frei ist von Irr- und Umwegen, verdankt dem Christentum die Orientierung an der Freiheit der Person und die Prinzipien gesellschaftlicher Toleranz: Dass man Gegner anhört, statt sie zu vernichten, dass Kompromisse kein Zeichen von Schwäche sind, dass der Staat nicht für alles zuständig ist, sondern das Eigenleben von Personen und Gesellschaften zu respektieren hat, dass eine gegliederte Ordnung dem Zentralismus vorzuziehen ist, dass es eine Pflicht zur persönlichen wie zur staatlichen Solidarität mit Schwachen und Bedrängten gibt, dass jede Generation sich mehr vor ihren Nachfahren als vor ihren Ahnen zu verantworten hat – all das ist Frucht des Christentums.

Man darf wohl annehmen, dass die Mehrheit der Europäer den so begründeten „europäischen Lebensstil“ dem Alltag der einfachen Menschen in Saudi-Arabien oder Sibirien, in Kuba oder Nordkorea vorzieht. Aber sind sie auch bereit, ihn zu verteidigen? Die Freiheit des Menschen von Tyrannei und Gewalt, von der Willkür von Mächtigen oder Mehrheiten war nie in der Geschichte eine Selbstverständlichkeit. Sie ist die Frucht eines mühsamen Ringens und ein stets gefährdetes Gleichgewicht.

Sie ist auch heute in Gefahr: durch die Neigung der Mächtigen zum Machtmissbrauch, durch neue Autokraten und Totalitarismen an den Rändern Europas, durch Sünden aller Art, durch Ideologien und nationalistische Spaltungstendenzen. Vor allem aber dadurch, dass das Christentum einer Mehrheit der Europäer zwar noch in Mark und Bein steckt, aber nicht mehr in Herz und Hirn.