Das Paradox der ,Intoleranten Toleranz‘

Verschiedene Meinungen zu haben, ist normal. Eigentlich. Was aber, wenn dies nicht mehr möglich ist? Von Benedikt Asshoff

Jedem ist sie schon einmal im Alltag begegnet, nur haben wir oft keinen Namen dafür. Toleranz, die vom Begriff her missbraucht wird.

In einigen Gesprächen, bei denen es um persönliche Meinung und Auseinandersetzung geht, hört man immer öfter das Wort „Toleranz“. Viele behaupten von sich aus, ihre Lebenseinstellung und ihre Moral sei von diesem Begriff geprägt. Häufig wird dem Gesprächspartner aber vorgeworfen, dieser sei nicht tolerant. Dieses moralische Phänomen bezeichne ich als „Intolerante Toleranz“.

Hier ein Beispiel zur Erklärung: Eine Person A behauptet, sie sei tolerant und nach ihr dürfe jeder machen, sagen, tun et cetera, was sie/er für richtig hält. Widerspricht Person B nun Person A aus persönlichen, religiösen oder moralischen Gründen, wehrt sich Person A vehement dagegen. Eine der ersten Argumente ist dann oft von Person A, Person B sei intolerant und das dürfe sie/er nicht sein!

Dies spiegelt eine Situation wider, die sich mehrfach zu verschiedensten Themen in unserer heutigen Gesellschaft beobachten und erleben lässt. Es handelt sich hierbei nicht um ein einzelnes Phänomen, sondern um ein allgemeines. Die Toleranz, die Person A anspricht, enthält keine moralische Norm außer, dass jeder tun und lassen darf, was er will. In dieser Toleranz ist die freie Meinungsäußerung und ein selbst gewählter Lebensstil also inkludiert. Jedoch dreht sich plötzlich diese besagte Toleranz in eine „Intolerante Toleranz“. Solange Person B derselben Meinung wie Person A ist, stellt dies kein Problem dar. Sobald aber Person B nicht dieselbe Einstellung vertritt wie Person A und dies äußert, wird diese Toleranz auf den Prüfstand gestellt.

Das Phänomen hat einen moralischen Kern und dreht sich deshalb oft um ethisch relevante Themen, bei denen es keine endgültige Lösung gibt. Doch versuchen einige durch die Absolutheit ihrer Meinung, diesen Konflikt zu lösen. Das Problem ist, dass diese scheinbar tolerante Meinung als absolut angenommen wird und sich auf der einzig richtigen Seite wähnt, weil die andere Person ja in einer scheinbar moralisch verächtlichen Position sei.

Aber zuerst sollte man sich die Frage stellen, was bedeutet eigentlich Toleranz? Tolerant zu sein heißt, andere wirklich sein zu lassen, wie sie sind. Das bedeutet neutral zu bleiben. Man muss diese Meinung oder die Lebenseinstellung weder akzeptierten noch muss man ihr zustimmen. Aber genau das fällt vielen schwer. Wer also behauptet, tolerant zu sein, muss lernen, andere Positionen hinzunehmen. Aber diese Neutralität scheinen viele nicht beibehalten zu können oder zu wollen. Welche Gründe stecken hinter dieser ambivalenten Haltung? Ist dieses moralische Phänomen etwa ein Versuch, die eigene Lebenseinstellung zu rechtfertigen und zu begründen, auch wenn sie gegen Konventionen verstößt? Ist es eine Art offensive Haltung, die versucht sich zu rechtfertigen? Denn die kontroversen Meinungen zu ihrer werden als nicht legitim abgestempelt und demzufolge nicht ernst genommen.

Diese Doppelmoral ist eine scheinbare Toleranz: Wer nicht tolerant ist, wird nicht toleriert. Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass hier die eigene Moral gebrochen wird. Wenn jeder leben darf wie er will, wieso darf man dann beispielsweise nicht intolerant sein? Das Phänomen ist ein Paradox der heutigen Zeit. Es zeigt sich nicht nur unter Studenten, die meist etwas progressiver sind, sondern in allen gesellschaftlichen Schichten.

Toleranz wird als eine moralische Position aufgefasst, die einen unbedingten Geltungsanspruch hat. Sie wird von jedem erwartet und verlangt. Es sei geboten, tolerant zu sein und demzufolge gebieten sie Toleranz kategorisch. Diese Auffassung hat einen erzieherischen Gehalt und hat mit dem eigentlichen Begriff Toleranz wenig zu tun. Das moralische Phänomen lässt sich sogar abstrahiert in einem stark politisierten Thema beschreiben. Beispielsweise dürfen zum Thema Flüchtlinge in Gesprächen mit manchen Personen keine Bedenken zu dem Thema geäußert werden, denn das wäre intolerant und im schlimmsten Fall rassistisch. Eine nüchterne Diskussion oder ein Austausch der Interessen und Bedenken kann gar nicht erst stattfinden. Denn auch dort wird eine Meinung als absolut festgehalten und es darf keinen Widerspruch geben.

Fehlende Kritikfähigkeit könnte das Problem sein

Klar ist, dass in meiner Generation weniger Menschen aktiv für ihre Überzeugungen demonstrieren oder einstehen. Viele junge Menschen haben keine klare Meinung mehr, da die komplexen Probleme unserer Zeit sie zu überfordern scheinen.

Was könnte also das eigentliche Problem sein? Ist es möglich, dass viele gar nicht damit umgehen können, wenn andere Menschen in ihrem Umfeld eine andere Meinung haben als sie. Dadurch, dass auch weniger diskutiert wird und man annimmt, dass jeder derselben Meinung ist.

Leider geht es bei solchen moralischen Positionen nicht darum, den anderen als Mensch zu verstehen und ihn zu akzeptieren. Der individuelle moralische Orientierungspunkt wird oft verbal kundgetan. Aber sollte die moralische Einstellung eines Menschen nicht in seinem Leben sichtbar sein oder werden? Oft wird viel erzählt und diskutiert, aber die Umsetzung bleibt meist auf der Strecke.

Die Toleranz selber ist durch dieses Phänomen der „Intoleranten Toleranz“ gefährdet. Durch die falsche Auffassung wird der Begriff von vielen missbraucht, als moralische Rechtfertigung für ihre Lebenseinstellung oder Meinung. Jedoch sollte sich die Toleranz von fordernder Akzeptanz unterscheiden, welche weiter gehen würde. Wer tolerant handelt, sollte auch damit zurecht kommen, dass man nicht immer einer Meinung sein muss und man nicht jeden zu seiner Überzeugung zu überreden braucht.

Das Paradox der „Intoleranten Toleranz“ ist ein moralisches Phänomen, welches sich an Individuen und der Gesellschaft beobachten lässt. Eine Lösung des Paradoxons muss zuallererst mit der Begriffsklärung stattfinden, sonst ist die Toleranz selbst gefährdet. In ihrem falschen Verständnis wird sie als eine Art Rechtfertigung und Schutz gebraucht.

Die eigentliche Toleranz muss sich dadurch auszeichnen, dass zwischen der Person an sich, die Würde besitzt, und ihrer persönlichen (Lebens-) Einstellung unterschieden wird.