DER DICKE HUND: Reliquien und Reaktionen

DER DICKE HUND: Reliquien und Reaktionen

Immer wieder fällt es auf, dass sich das Fernsehen schwer tut mit einer fairen und sachlichen Darstellung dessen, was Menschen heilig ist. Mal sind es kleinere Ungenauigkeiten in einem der zahllosen Krimis (etwa eine katholische Gemeinde mit einem offensichtlich evangelischen Kirchengebäude), mal aber auch deftige Schnitzer in Sachen liturgische Kleidung. Und so weiter. Dem Fernsehen scheint kaum noch etwas heilig – und auch die im Abspann gelisteten „theologischen Berater“ seitens der Kirche winken vieles durch, das fragwürdig ist.

Vorläufiger Höhepunkt der TV-Fragwürdigkeiten: Der Handel mit einer Kreuzreliquie in der Sendung „Bares für Rares“. Die Händlerin Susanne Steiger aus Bornheim erwarb in der ZDF-Trödelshow für 42 000 Euro ein diamantenbesetztes Kreuz mit drei Splittern des Kreuzes Jesu Christi. Zuvor hatte die Kunsthistorikerin Heide Rezepa-Zabel das antike Stück auf einen Materialwert zwischen 15 000 bis 17 000 Euro geschätzt. Doch der eigentliche Marktwert liegt nach Angaben des Senders bei 80 000 Euro. Dreimal Holz. Ein Riesengeschäft.

In den Jubel hineingerufen: Nach Kirchenrecht ist der Verkauf einer Reliquie („reliquiae“, wörtlich: „Überreste“) verboten. Schon im Mittelalter versuchte die Kirche, den Handel mit Reliquien zu unterbinden. Daher wurde die Reliquie verschenkt, das Reliquiar (also das Artefakt für die Verwahrung der Reliquie) hingegen verkauft. Heute regelt dies Canon 1190 § 1 des Kirchenrechts in der Fassung von 1983: „Es ist verboten, heilige Reliquien zu verkaufen.“ Punkt. Nach Kirchenrecht ist das Eigentum an der Reliquie nicht auf Frau Steiger übergegangen: „Bedeutende Reliquien und ebenso andere, die beim Volk große Verehrung erfahren, können ohne Erlaubnis des Apostolischen Stuhls auf keine Weise gültig veräußert […] werden.“ Auf den Handel kann das aber keinen Einfluss nehmen. Hier gilt das staatliche Recht. Und da geht es nur um „Sache gegen Geld“. Oder eben „Rares für Bares“. Die ersteigerte Reliquie will Susanne Steiger als Leihgabe an ein Museum geben und damit der Öffentlichkeit zugänglich machen. Immerhin.

Interessant an diesem Fauxpas der ZDF-Trödelshow ist aber weniger der offenkundige Verstoß gegen das Kirchenrecht als vielmehr, wie das Publikum im Nachgang reagierte. In den Kommentarbereichen der Medien, die das Thema aufgreifen, wimmelt es nur so vor hämischen Einschätzungen der Situation, denen vor allem eines gemein ist: Die Kirche wird als geldaffine Institution gebrandmarkt, die am Reliquienhandel kräftig verdient. Dass dieser von der Kirche seit Jahrhunderten geächtet wurde und nun ohne Ermessensspielraum verboten ist (s. oben). Im Gegenteil – der Kirche wird auch daraus ein Strick gedreht: „Bei der Scharia heulen alle auf, aber Kirchenrecht aus dem Mittelalter ist ok“ („ritterklex“, RP Online). Ansonsten unterdrücken die Fakten keineswegs den lange trainierten Beißreflex: „Die Kirche bleibt halt eine Sekte, die Leichtgläubige ausnimmt ... (zum Beispiel per Kirchensteuer oder Annahme von Erbschaften)“ („Spoon1900“, ebd.) Oder: „Frau Steiger sollte sich hier von irgendwelchen Greisen in Frauenkleidern nicht unter Druck setzen lassen“ („borikito“, ebd.). Und so weiter. Alles, weil die Kirche partout keinen Handel will mit dem, was ihr heilig ist. Der mediale Umgang mit dem Heiligen ist in der gleichen Krise wie das Heilige selbst. Zu einer Gesellschaft, der nichts mehr heilig ist, passen Medien, denen der Respekt vor dem Heiligen abgeht. Und Rezipienten, die weder das eine (das Heilige) noch das andere (den Umgang damit) richtig einordnen können. Summa summarum: Ein dicker Hund.