Christi Heldenreise

"Helden, Märtyrer, Heilige": Mit kostbarer spätmittelalterlicher Kunst weist eine Nürnberger Ausstellung "Wege ins Paradies" Von Veit-Mario Thiede

Eine der bedeutendsten deutschen Plastiken zu Beginn der Neuzeit: die heilige Elisabeth von Thüringen, wie Tilmann Riemenschneider sie schuf. Foto: Museum

Im Germanischen Nationalmuseum von Nürnberg erzählt eine mit 52 erlesenen Kunstwerken aus den eigenen Sammlungen bestückte Schau über die Vorstellungen der spätmittelalterlichen Menschen vom vorbildlichen Leben, das den Weg ins Paradies eröffnet. Ihr Wegweiser und damit „Held“ war Jesus Christus. Museumsdirektor G. Ulrich Großmann erklärt: „Seit Menschengedenken dienen Helden als Vor- und Leitbilder. Sie verkörpern die gesellschaftlichen Werte und ebnen den Weg in eine bessere Zukunft. Diese Funktion erfüllten im Mittelalter Christus und die seinem Ideal folgenden Märtyrer und Heiligen.“ Aber warum ist im Ausstellungstitel nicht etwa von „Christus“, sondern von „Helden“ die Rede? Die Schau handelt zwar von den Glaubensvorstellungen des Spätmittelalters, aber „schlägt mit dem Heldenbegriff gleichzeitig einen Bogen in die Gegenwart und möchte damit zur Reflexion heutiger Werte und Leitbilder anregen“, so Großmann.

Beistandsbitten unter dem Schutzmantel Mariens

Unser Rundgang beginnt vor der in der Werkstatt des Veit Stoß angefertigten „Rosenkranztafel“ (Nürnberg, um 1518). Die auf goldenem Grund angebrachten szenischen Reliefs veranschaulichen die christliche Heilsgeschichte von Adam und Eva bis zum Jüngsten Gericht. Schlüsselfigur des Heilsplans ist Christus, denn er öffnete „die Pforten des Paradieses durch seine stellvertretend für die Menschheit vollbrachte Erlösertat“, wie Ausstellungskurator Markus Prummer formuliert. In den biblischen Berichten erkennt Prummer das Grundmuster aller Heldenerzählungen: Christus folgt seiner Berufung, besteht Bewährungsproben und bringt unter Lebensgefahr einen aus dem Gleichgewicht geratenen Zustand wieder ins Lot.

Im ersten Teil der Schau verfolgen die Besucher die „Heldenreise Christi“. An der Wand steht „Gefährdung“. Davor sehen wir die Skulptur „Christus auf dem Palmesel“ (Nürnberg, 1505), geschnitzt von einem Schüler des Veit Stoß. Jesu umjubelter Einzug in Jerusalem rief seine ärgsten Widersacher auf den Plan, wie vier Gemälde aus der Werkstatt des Hans Traut (Nürnberg, um 1488/89) zeigen. Auf Christi von Angst begleiteten Entschluss zur Erlösertat, den er am Ölberg fasste, folgen seine Geißelung, Verspottung und Verurteilung zum Kreuzestod. Stefan Lochners Gemälde (Köln, um 1439/40) entrückt die vollzogene Kreuzigung Christi, an dessen Seiten sich sechs weibliche und männliche Heilige wie zur Ehrenwache aufgestellt haben, in goldenen Himmelsglanz. Den „Tiefpunkt“ der Heldenreise veranschaulicht die von einem anonymen Meister geschnitzte „Grablegung Christi“ (Hennegau, um 1490): Gramvoll beugt sich die von Trauernden begleitete Maria über den geschundenen Leib ihres toten Sohnes. Doch der Triumph des Helden ist nah. Die von einem anonymen Künstler geschnitzte Szene eines Altaraufsatzes (Mittelfranken, 1515) zeigt die leibliche Auferstehung Christi, der stolz aufgerichtet mit Fahne und Handzeichen seinen Sieg über den Tod feiert. Höhepunkt ist die von Maria und den Jüngern beobachtete Himmelfahrt Christi, gemalt vom Meister der Heiligen Sippe (Köln, um 1485/95).

Stephanus ist der erste und einzige Märtyrer, von dem die Bibel berichtet. Das Volk steinigte das sich zu Jesus als dem Erlöser bekennende Mitglied der Jerusalemer Urgemeinde. Eine aus der Werkstatt Tilman Riemenschneiders hervorgegangene Holzfigur (Würzburg, um 1510) stellt den heiligen Stephanus dar, der zum Zeichen seines Martyriums mehrere Steine präsentiert. Als eigenhändig geschnitztes Werk Tilman Riemenschneiders gilt die Statue der heiligen Elisabeth von Thüringen (Würzburg, um 1500/15). Die Schutzheilige der Armen und Kranken hält als Sinnbild ihrer Barmherzigkeit und Nächstenliebe einen Laib Brot im Arm. Von den Märtyrern und Heiligen erhofften sich die Gläubigen Hilfe in allen nur erdenklichen Lebenslagen und Bedrohungen, indem sie deren Fürbitte vor Christus und Gottvater erflehten. Als wirkmächtigste Fürsprecherin aber galt ihnen die Mutter Gottes. Auf einem großformatigen Gemälde steht sie als riesenhafte „Schutzmantelmadonna“ (Bayern, um 1490) vor uns. Unter ihrem ausgebreiteten Umhang bitten links die vom Papst angeführte Geistlichkeit und rechts die Vertreter der weltlichen Stände mit dem Kaiser an der Spitze um Beistand. Das von Werkstattmitarbeitern Michael Wolgemuts gemalte „Jüngste Gericht“ (Nürnberg, um 1485/1500) setzt das Geschehen am letzten Tag der Menschheitsgeschichte in Szene. Christus thront über der Weltkugel. Zu seinen Seiten leisten Maria und die Apostel Fürbitte für die von Engeln mit Posaunenstößen aus den Gräbern erweckten Toten. Der Weltenrichter teilt die Auferstandenen in zwei Gruppen. Teufel reißen die Sünder in die ewige Verdammnis der Hölle, während Engel die von allen Sünden befreiten Gläubigen ins himmlische Paradies geleiten.

Aber wie sieht es dort aus und wie geht es da zu? Das bleibt im Christentum recht geheimnisvoll unklar, wie der an der Universität Erlangen-Nürnberg Kirchengeschichte lehrende Anselm Schubert anmerkt. In der Schau vertritt daher ein heller leerer Raum das Paradies. In ihm erklingen die Stimmen von Kindern, die ihre Vorstellungen vom ewigen Himmelreich schildern.

Bis 4.10.2020 im Germanischen Nationalmuseum, Kartäusergasse 1, Nürnberg. Di.–So. 10–18 Uhr, Mi. 10–21 Uhr. Im Internet: www.gnm.de. Eintritt: 8,– Euro