Bruce Marshall - Der Belletrist

Bruce Marshall gibt seinen Lesern geistigen Unterhalt. Von Sebastian Sasse

Vor 50 Jahren
Bei einer Leserreise durch Deutschland macht Bruce Marshall (l.) 1955 Station in Augsburg. Hier plaudert er mit Oberbürgermeister Klaus Müller. Foto: KNA
Vor 50 Jahren
Bei einer Leserreise durch Deutschland macht Bruce Marshall (l.) 1955 Station in Augsburg. Hier plaudert er mit Oberbürg... Foto: KNA

Belletrist – manche Schriftsteller hadern mit so einer Charakterisierung. Denn kann, wer ganz offensichtlich den breiten Publikumsgeschmack trifft, auch ein ambitioniertes literarisches Programm verfolgen? Solche Fragen haben Bruce Marshall (1899–1987) nicht umgetrieben. Ganz im Gegenteil: Der schottische Schriftsteller ging vielmehr in die Offensive. Ende der 50er Jahre tourte er mit einer Leserreise durch Deutschland, ihr Titel: „Wie schreibt man einen Bestseller?“

Sein Ratschlag: „Erstens: Werde kein Existenzialist; Zweitens: Lerne eine Fremdsprache, am besten Latein; Drittens: Nur harte Arbeit und Aufrichtigkeit haben Erfolg; Viertens: Solange Du durch Schreiben nicht Deinen Lebensunterhalt verdienen kannst, übe einen Beruf aus, jedoch auf keinen Fall den eines Journalisten.“

Genau dieser typische Ton war das, was die große Lesergemeinde, die Marshall in den 50er und 60er Jahren in Deutschland hatte, an ihm schätzten. Marshall hätte kein Problem damit gehabt, als Unterhaltungsschriftsteller bezeichnet zu werden.

Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Denn er gab seinen Lesern geistigen Unterhalt. Sein Genre: Krimis und Thriller, nicht selten mit zeitgeschichtlichem Hintergrund. Beispiel: „Der Monat der fallenden Blätter“ aus dem Jahre 1964: Ein Gelehrter aus dem Westen wird während einer Vortragsreise in den Osten für ein Spion gehalten. Oder: „Gebet für eine Konkubine“ (1970) über eine Frau, die während des Weltkrieges in geheimer Mission zwischen alle Fronten gerät. Marshall bevorzugt dieses Genre, weil es ihm erlaubt, die Protagonisten, die in Ausnahmesituationen geraten, genau in den Blick zu nehmen.

Ein Genre mit besonderem Potenzial

Für den Katholiken, der aus dem Einfluss seines Glaubens auf sein Werk keinen Hehl gemacht hat, geht es auch immer um die Letzten Fragen. Freilich stößt er seine Leser nicht mit dem pädagogischen Zeigefinger auf sie, sondern sie stellen sich im Fortgang der spannenden Erzählungen von ganz allein. Es ist wohl kein Zufall, dass gerade katholische Autoren im letzten Jahrhundert eine Vorliebe für das Krimi-Genre entwickelt haben. Der Meister dieses Faches ist sicherlich Gilbert Keith Chesterton mit seinen „Father Brown“-Stories. Oder bei Agatha Christie ist zwar nicht die Autorin selbst katholisch, dafür aber ihre Hauptperson, Meisterdetektiv Hercule Poirot. Für diese Beispiele wie auch für Marshall gilt: Das Verbrechen, das in den Alltag der Protagonisten einbricht, führt die Handelnden dazu, sich der Frage nach dem Sinn ihrer Existenz stellen zu müssen. Die Konfrontation mit dem Bösen zwingt die Handelnden zu bekennen, was sie jenseits des Alltagstrotts, wirklich denken, wie sie auf die Welt schauen. Diese Weltanschauungen, die dann sichtbar werden, sind freilich ernüchternd. Es wird deutlich, wie unzulänglich sie letztlich sind; sie tragen nicht für ein ganzes Leben. So wird auch immer die Erlösungsbedürftigkeit der Protagonisten deutlich. Allerdings werden diese Zusammenhänge nicht einfach platt postuliert, sondern sie sind eingebettet in spannende Rahmenhandlungen. Man hat nicht das Gefühl, ein frommes Traktat zu lesen. Der Krimi bleibt ein Krimi.

Marshall ist oft mit seinem Generationsgenossen Graham Greene verglichen worden. Sie eint die große, treue Lesergemeinde, die Vorliebe für das Krimi- und Thriller-Genre. Auch sind die Romane von beiden teilweise verfilmt worden (bei Marshall etwa etwa „Das Wunder des Malachias“ unter der Regie von Bernhard Wicki). Greene und Marshall verbindet aber vor allem ein wichtiges biographisches Ereignis: Beide sind Konvertiten. Greene wie Marshall waren ursprünglich Anglikaner. Man muss hier sehen: Katholisch zu sein war im Großbritannien der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchaus eine Provokation des durch die anglikanische Staatskirche geprägten Establishment. Und bei Greene mag gerade diese Lust, sich abseits vom Mainstream zu positionieren, eine Rolle gespielt haben. Schließlich pflegte er später auch als Katholik das Image des Unangepassten: ständig in Konflikt mit der Kurie, befreundet mit linken lateinamerikanischen Diktatoren wie Fidel Castro – und auch die persönliche Lebensführung mit Alkohol-Exzessen und Bordell-Besuchen ließ zu wünschen übrig. Ganz anders Marshall: Er war auch schon vor seiner Konversion gläubig, plante sogar, anglikanischer Geistlicher zu werden. Doch seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg führten schließlich zum Entschluss, katholisch zu werden. Man muss diese Entwicklung wohl als einen Schritt vom Konventionellen hin zu einem bewusster gelebten Glauben verstehen.

Mittlerweile ist Marshall ein Geheimtipp. Es ist an der Zeit, ihn aus den Regalen in der Pfarrbibliothek wieder hervorzuholen.